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Wer saniert die Riesenvilla an der Neiße?

Ein Ehepaar aus Hessen hat Görlitz bei einer Radreise entdeckt. Jetzt saniert es hier das zweite Haus. Auch ihre Kinder haben sie hergelockt - eine Tochter bleibt.

Das stattliche Haus oberhalb der Stützmauer an der Rothenburger Straße hat nun eine neue Zukunft.
Das stattliche Haus oberhalb der Stützmauer an der Rothenburger Straße hat nun eine neue Zukunft. © Nikolai Schmidt

Nein, fotografieren lassen wollen sich Renate und Marcel Mönich nicht. Aber ihre Geschichte erzählen die beiden Endfünfziger aus dem Raum Darmstadt in Südhessen sehr gern. Es ist eine durch und durch spannende Geschichte, die in der alten BRD begann und im Jahr 2019 in Görlitz noch lange nicht zu Ende ist.

Der Diplomingenieur für Maschinenbau stammt ursprünglich aus Marburg, die Kauffrau aus Rodgau bei Aschaffenburg. Im Jahr 1990 gründeten sie gemeinsam die Hytron GmbH, eine Automatisierungstechnik-Firma. „Wir haben nichts geerbt, sondern bei null angefangen“, betont Marcel Mönich. Er ist der Geschäftsführer, seine Frau ist für die kaufmännischen Aufgaben zuständig. Die Firma hat ihre Nische gefunden, beschäftigt konstant zwischen 20 und 25 Mitarbeiter – und wirft Gewinn ab. Genug, als dass das Ehepaar einige Häuser im Raum Darmstadt neu bauen und sich ein Ferienhaus auf Mallorca leisten konnte.

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„Wir waren auf Mallorca, aber kannten den Osten Deutschlands nicht“, erinnert sich Renate Mönich. Das änderten sie vor fünf oder sechs Jahren – per Fahrrad. Görlitz lag gleich am Anfang auf der Route. Und die Eheleute blieben hier hängen, weil sie so fasziniert waren. „Görlitz hat etwas, was sich viele westliche Städte nicht erkaufen können: Ein geschlossenes Stadtbild“, sagt Marcel Mönich. In Darmstadt sei im Krieg viel zerstört worden – hier nicht. Allerdings fanden Mönich’s es schade, dass zwischen den prachtvoll sanierten Häusern noch Ruinen stehen. „Binnen fünf Minuten stand für uns fest, dass wir hier nach Häusern schauen wollen“, sagt er. Allerdings nur nach solchen, die nicht schon mal irgendwie saniert worden sind: „Wir haben unsere eigenen Vorstellungen.“

Die einst stattliche Villa auf der Anhöhe soll ein Feriendomizil werden.
Die einst stattliche Villa auf der Anhöhe soll ein Feriendomizil werden. © Nikolai Schmidt

Die konnten sie in der Luisenstraße 14 umsetzen. Es war das erste Haus, dass sie in Görlitz saniert haben. Dieses Jahr ist es fertig geworden. Das Konzept der beiden: Alles muss raus, nur die nackten Ziegel bleiben. Und dann wird alles mit ursprünglichen Materialien hochwertig hergerichtet – ohne Trockenbauwände oder Gipsputz, sondern mit Ziegeln und Kalkputz. Trotz alter Materialien sanieren sie nach heutigen Anforderungen – mit Balkonen, Aufzug, Fußbodenheizung und und und.

In Südhessen haben sie fast 30 Jahre lang mit fünf polnischen Bauarbeitern gearbeitet. „Die sind extrem zuverlässig und penibel“, lobt der Bauherr. Die Männer lebten in Hessen, ihre Familien in Polen. Als Mönich’s Görlitz entdeckten, fragten sie die Polen, ob sie sich vorstellen könnten, hier zu arbeiten. Die Männer sagten zu – und zogen nach Görlitz. Ihre Familien aus Polen zogen auch nach Görlitz, sodass sie jetzt wiedervereint sind und nicht mehr pendeln müssen. Als die Luisenstraße 14 mit acht Mietwohnungen und zwei Geschäften kürzlich fertig wurde, zogen die Arbeiter weiter in die Rothenburger Straße 16.

Das ist die markante aber marode Villa oberhalb der vor wenigen Jahren sanierten Stützmauer – und ein Mammutprojekt. „Wir haben das Haus schon seit vier, fünf Jahren“, sagt Marcel Mönich. Wegen Brandschutz, Standfestigkeit, Bodengutachten, Parkplätzen und vielem mehr habe allein die Baugenehmigung drei Jahre gebraucht. Nun aber ist sie da, die Entkernung hat begonnen, außen haben die Arbeiter alles für die Kanalisation aufgegraben. Für das noch bis vor etwa fünf Jahren vom früheren Eigentümer bewohnte Haus war es fünf vor zwölf. Nicht nur das Dach ist kaputt, auch in der Fassade gibt es breite Risse. Die Nordostecke des Hauses ist abgebrochen. „Das muss jetzt alles mit Betondecken verspannt und zurückgeholt werden“, sagt Marcel Mönich. Diese Ecke werde eigentlich nur noch von den maroden Balken gehalten. Der Rest des Hauses hingegen steht auf Felsen und ist somit sicher.

Statt Miet- sollen hier sieben Ferienwohnungen entstehen, pro Etage zwei mit jeweils 85 Quadratmetern – und unter dem Dach eine ganz große mit 170 Quadratmetern. „Für Ferienwohnungen ist das Haus ideal“, sagt Renate Mönich: „Es liegt am Stadtrand, und trotzdem ist man schnell in der Stadt, außerdem können wir hier Stellplätze anbieten.“ Auf die Idee gekommen seien sie, weil viele Freunde und Verwandte zu Besuch nach Görlitz kamen und keine Lust hatten, ins Hotel zu gehen. „Da dachten wir, das Haus ist gut für Ferienwohnungen geeignet“, sagt Renate Mönich. Außerdem ist das Grundstück 2 500 Quadratmeter groß: „Da lässt sich viel draus machen.“ Es zieht sich am Hang hoch bis fast an die Neugasse. Früher soll es im oberen Teil einen Biergarten gegeben haben. Mönich’s wollen die alten Obstbäume stehen lassen, der obere Teil soll Erholungsgrundstück für die Feriengäste werden. Weiter unten sind Stellplätze und auch Garagen geplant – sowohl direkt hinter dem Haus als auch unten an der Rothenburger Straße. Balkone und eine große Terrasse soll es an der Rückseite des Hauses ebenfalls geben. In zwei bis zweieinhalb Jahren soll alles fertig sein.

Im Inneren ist schon Fortschritt zu erkennen, die Baustelle wird noch eine Weile Bestand haben.
Im Inneren ist schon Fortschritt zu erkennen, die Baustelle wird noch eine Weile Bestand haben. © Nikolai Schmidt

Das Ehepaar sieht die Investitionen in Görlitz als Geldanlage. Es sei anstrengend, aber es lohne sich, wenn man sieht, was mit dem Geld entsteht. „Wir sind aber keine Investoren, wir wollen alle unsere Gebäude behalten“, sagt er. Es sei einfach eine Schande, wenn solch schöne Gebäude verkommen. Das Ehepaar setzt auch keine externe Hausverwaltung ein, sondern macht alles selbst. Marcel Mönich zieht sich sogar gern mal die Arbeitssachen an und packt auf der Baustelle mit an, seine Frau geht zu den Ämtern und kümmert sich um die Genehmigungen. Bestimmte Arbeiten vergeben sie aber auch an externe Firmen, zum Beispiel die Estrich- und Fliesenlegerarbeiten. „Aktuell suchen wir noch einen guten Verputzer für innen“, sagt Renate Mönich.

Auch ihre drei Kinder sind von Görlitz begeistert. Tochter und Schwiegersohn sind jetzt hergezogen, haben in der Luisenstraße 14 eine Wohnung genommen. Auch der Sohn, ein Tierarzt, kommt demnächst für ein paar Wochen, wenn auch vorerst nur besuchsweise. Seine Eltern planen schon die nächsten Bauvorhaben – aber erst, wenn die Rothenburger Straße 16 fertig ist. Die eigenen Handwerker sollen schließlich immer weiterziehen können. Haus Nummer drei steht im Umland, Häuser vier und fünf sind die Luisenstraße 8 und 9. „Die 7 würden wir auch gern dazu kaufen“, sagt Renate Mönich. Dann wären es drei Gebäude am Stück. Wird das Ehepaar, das sehr von Görlitz und dem Umland schwärmt, eines Tages auch herziehen? „Vorstellbar ist es“, sagt er: „Aber das werden wir entscheiden, wenn es so weit ist.“ Erst einmal verdienen sie ihr Geld noch in Südhessen.

Der Ausblick aus dem Fenster über Neiße und auf die Altstadt mit der Peterskirche ist atemberaubend.
Der Ausblick aus dem Fenster über Neiße und auf die Altstadt mit der Peterskirche ist atemberaubend. © Nikolai Schmidt

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