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Wie eine kleine Kirche Millionen an Land zog

Für die Sanierung der Alten Mälzerei am Görlitzer Tivoli und des Dom Kultury wollte die EU zunächst nichts geben. Dann erkannte sie den Wert des Vorhabens.

Eugen Böhler, Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde, im späteren Erdgeschoss der Alten Mälzerei, die demnächst ein Dach bekommt. Würde die Kamera nach rechts drehen, sähe man das Dom Kultury in Zgorzelec genau gegenüber.
Eugen Böhler, Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde, im späteren Erdgeschoss der Alten Mälzerei, die demnächst ein Dach bekommt. Würde die Kamera nach rechts drehen, sähe man das Dom Kultury in Zgorzelec genau gegenüber. © Nikolai Schmidt

Eugen Böhler hat mit dem Tivoli schon eine Menge durchgemacht. Die Freie Evangelische Gemeinde, deren Pastor er ist, hatte das Gebäude mit der großen Turnhalle an der Görlitzer Dr.-Kahlbaum-Allee im Jahr 2015 für 80.000 Euro gekauft und dann saniert. Doch kurz vor der Eröffnung brannte es komplett aus. 700.000 Euro waren dahin, genau wie 1.000 Stunden Eigenleistung der Gemeinde. 

Längst kann Eugen Böhler wieder lachen. Nicht nur weil das Tivoli damals dank der Versicherung und zahlreicher Unterstützer binnen zehn Monaten wieder aufgebaut werden konnte. Sondern weil nun auch die Alte Mälzerei im Bau ist, ein Anbau des Tivoli zur Neiße hin, den Journalisten am Donnerstag besichtigen konnten. In diesem Gebäudeteil war der Brand damals gelegt worden, aber weil er nicht zum frisch sanierten Teil gehörte, den heute außer der Gemeinde auch die Hochschule und die Neiße-Grundschule nutzen, zahlte die Versicherung nicht für dessen Wiederaufbau.

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Im Moment sieht die Alte Mälzerei am Görlitzer Tivoli noch trostlos aus. Bis Ostern 2020 soll sie schon ein neues Dach bekommen. Später soll die unterste von drei Etagen für Kreativräume genutzt werden.
Im Moment sieht die Alte Mälzerei am Görlitzer Tivoli noch trostlos aus. Bis Ostern 2020 soll sie schon ein neues Dach bekommen. Später soll die unterste von drei Etagen für Kreativräume genutzt werden. © Nikolai Schmidt

Die Freie Evangelische Gemeinde hatte jedoch das Glück, dass die Stadt Zgorzelec einen Partner für ihr Vorhaben suchte, Kuppel und Fassade des Dom Kultury zu sanieren. Dafür wollte die polnische Nachbarstadt Mittel aus dem großen, sieben Millionen Euro schweren Fördertopf beantragen, den die EU für neun polnisch-sächsische Interreg-Projekte zur Verfügung stellt. 

Konkurrenz um Fördergeld ist extrem groß

Der Antrag wurde 2017 abgelehnt, doch Adam Helik vom Amt für Finanzen und Entwicklung in der Zgorzelecer Stadtverwaltung klemmte sich dahinter, fuhr nach Breslau und drang in die Verantwortlichen, ihm die Schwachstellen des Antrags zu erklären. "Die Konkurrenz zwischen den Projekten ist extrem groß", sagte Adam Helik am Donnerstag im Tivoli, als die Freie Evangelische Gemeinde und die Stadt Zgorzelec ihr gemeinsames Vorhaben zusammen mit dem Görlitzer Kulturservice vorstellten. Den nämlich holten sie auf Anraten aus Breslau als dritten Partner mit ins Boot, integrierten den Kulturerbegedanken und schafften es so, dass ihr Antrag beim zweiten Mal doch bewilligt wurde. 

Kulturerbetage beginnen am 19. März

2,7 Millionen Euro fließen nun in die Sanierung der Alten Mälzerei und des Dom Kultury sowie in eine neue Tagungsreihe, die Görlitzer, Zgorzelecer und ihre Gäste kostenlos besuchen können. "Kulturerbetage an der Neiße" heißen vier verlängerte Wochenenden im März, im Juni und im November 2020 sowie im März 2021.

"Sie dienen dazu, dass Görlitzer und Zgorzelecer einander besser kennenlernen", sagte Gerd Weise vom Kulturservice, "und reichen thematisch von der Gründung der Stadt 1071 bis zur 950-Jahrfeier." Ziel sei es, gemeinsam zu ergründen, was die Stadt zu dem machte, wie wir sie heute erleben, und was zu einer nachhaltigen Entwicklung von Görlitz-Zgorzelec beitragen könne.

Die Kulturerbetage finden im Dom Kultury und im Tivoli statt, jeweils mit einer Eröffnung auf der einen Seite und zwei Veranstaltungstagen mit Vorträgen, Workshops, Stadtrundgängen und Gesprächsrunden auf der anderen Seite der Stadt. Die ersten Kulturerbetage werden am 19. März, um 16 Uhr von den beiden Stadtoberhäuptern eröffnet.

Alte Mälzerei macht Tivoli barrierefrei

Wie nahe sich die beiden Orte sind und dass sie einander genau gegenüberliegen, überraschte selbst den Görlitzer Architekten Christian Weise. Dessen Büro ist mit der Sanierung der Alten Mälzerei betraut. Vor Kurzem wurde bereits eine Decke eingezogen, von der aus man das Dom Kultury sehen kann. Christian Weise führte am Donnerstag über die Baustelle, erklärte, wie viel Nässe das Gebäude in den vier Jahren seit dem Brand abbekommen habe und dass die Trocknung der Wände in die zukünftige Nutzung einbezogen werden müsse.

Die Kreativräume, die in der untersten von drei Etagen entstehen sollen, würden bewusst ohne Putz gestaltet, damit die Mauern innerhalb der nächsten fünf, sechs Jahre trocknen können. 

Der Görlitzer Architekt Christian Weise (2. v. l.) zeigt auf den Bauplänen, wo später Fahrstühle und wo Treppenhäuser eingebaut werden sollen.
Der Görlitzer Architekt Christian Weise (2. v. l.) zeigt auf den Bauplänen, wo später Fahrstühle und wo Treppenhäuser eingebaut werden sollen. © Nikolai Schmidt

Insgesamt sollen in der Alten Mälzerei Lager- und Umkleideräume für die Turnhalle entstehen, ein großer Konferenz- und Sitzungsraum, eine Dachterrasse und barrierefreie Zugänge sowohl zum gesamten Gebäude als auch zur Empore der Turnhalle. Die ist schon lange saniert, aber aus Brandschutzgründen nicht öffentlich zugänglich. Bereits in den nächsten drei Wochen soll die Sicherung des Gebäudes abgeschlossen sein, bis Ostern soll die Alte Mälzerei ein neues Dach bekommen.

Ursu stellt mehr Europastadt in Aussicht

"Und in zehn Monaten sehen wir uns hier im sanierten Gebäude wieder", sagte Oberbürgermeister Octavian Ursu. Er freute sich mit der Freien Evangelischen Gemeinde, der Stadt Zgorzelec und dem Görlitzer Kulturservice über das deutsch-polnische Vorhaben. Es sei damals ein wahres Wunder gewesen, wie das Tivoli nach dem Brand in so kurzer Zeit noch einmal saniert wurde. "So viel Engagement verdient Respekt und weitere Unterstützung", sagte er. Ursu kündigte an, in der nächsten gemeinsamen Stadtratssitzung von Görlitz und Zgorzelec weitere gemeinsame Projekte der beiden Städte zu besprechen. Welche, wolle er aber noch nicht verraten.

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