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„Die Politik will lieber Strom als Lebensmittel“

SZ-Wahltour Tag 2: Landwirt Stefan Triebs musste seine Schweinemast aufgeben. Jetzt will er auf erneuerbare Energien setzen – aber es gibt einen Haken.

Stefan Triebs von der Saritscher Agrar GmbH würde gerne eine Solaranlage auf die Dächer der ehemaligen Schweinemastanlage bauen. Die 11.000 Quadratmeter Fläche eignen sich dafür - aber es gibt ein Problem.
Stefan Triebs von der Saritscher Agrar GmbH würde gerne eine Solaranlage auf die Dächer der ehemaligen Schweinemastanlage bauen. Die 11.000 Quadratmeter Fläche eignen sich dafür - aber es gibt ein Problem. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Sonne steht noch flach am Dienstagmorgen, mit ihren Strahlen zeichnet sie Muster in den Dunst über die Felder bei Königswartha. Zum ersten Ziel unserer SZ-Wahltour an diesem Tag müssen wir nicht weit radeln: Kurz hinter dem Ortsschild wartet Landwirt Stefan Triebs auf uns. „Saritscher Agrar GmbH“ steht auf einem Schild hinter ihm, darunter: „SMA Königswartha“. SMA - das steht für Schweinemastanlage. Nur: Zu hören ist lediglich das Zwitschern der Vögel, kein Grunzen oder Quieken. „Wir haben die Anlage 2018 stillgelegt“, sagt Stefan Triebs.

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Etwa 15.000 Schweine sind hier früher jedes Jahr gemästet worden. 20 Jahre lang ging das gut für die Saritscher Agrar GmbH, erzählt uns Stefan Triebs. Dann kamen mehrere Faktoren zusammen. Viele davon, so berichtet er uns, waren politischer Natur. Wir wollen es genauer wissen.

Der zweite Tag der Wahlwanderung führte die SZ-Reporterinnen von Königswartha nach Kleinwelka.
Der zweite Tag der Wahlwanderung führte die SZ-Reporterinnen von Königswartha nach Kleinwelka. © SZ Grafik

„Die Dünge-Verordnung ist verschärft worden. Plötzlich durften wir den Dung im Herbst vor der Roggensaat nicht mehr ausbringen. Weil die Böden hier aber qualitativ nicht so hochwertig sind, wächst hier vor allem Roggen. Das heißt: Wir hätten die Gülle wegkarren müssen – das wäre teuer und personell nicht zu schaffen gewesen.“ Auch andere Regeln wurden verschärft. Um das Tierwohl zu verbessern, hätte Triebs die Anzahl seiner Tiere drastisch reduzieren müssen. Er hätte Luftfilter einbauen müssen. „Die kosten fünf Euro pro Tier – wir hatten aber nur 50 Cent Gewinn pro Schwein.“

Und noch eine weitere Entwicklung zeichnete sich ab. „Dass die Schweinepest näher rückt, war für uns Landwirte schon 2014 ein Thema“, sagt Stefan Triebs. „Da hätte man eher reagieren müssen!“ Denn mittlerweile liege sein Betrieb in einer Sperrzone. Heute hätte er seine Tiere zum Schlachten nach Schleswig-Holstein in einen Spezialbetrieb fahren müssen. Niemals, ist er überzeugt, hätte sich die Mastanlage jetzt noch gerechnet.

Trotzdem: Auf uns macht Triebs, als er von der Anlage erzählt, nicht den Eindruck, als würde er einen starken Groll hegen. Wir fragen ihn danach – und finden heraus, dass er längst neue Ziele für die Anlage hat. Die ehemaligen Ställe, die würde er gerne vermieten. Da gäbe es bereits Interessenten. Einen Online-Getränkehandel, zum Beispiel. Um uns von seiner anderen Idee zu erzählen, führt er uns etwas weiter auf das Gelände – und deutet nach oben, auf die Ställe. „Wir haben hier 11.000 Quadratmeter Dachfläche. Wir würden da gerne eine Solaranlage installieren.“

Doch die Anlage ist es, wegen der Triebs eben doch einen Groll hegt. Denn er hat jetzt eine Idee, will es anpacken. Sein Eindruck ist: Das entspricht dem Zeitgeist. Aber es klappt eben auch nicht so recht. „Der nächste Einspeisepunkt für uns ist in Göda“, sagt er. „Der in Zescha ist ausgebucht. Auf dem Weg nach Göda würden wir aber so viel Energie verlieren, dass die ganze Rentabilität aufgefressen würde.“ Die Infrastruktur, findet er, müsse dringend ausgebaut werden.

Landwirte fühlen sich von der Politik vergessen

„Was wir Landwirte nicht verstehen“, sagt er, der auch der Vorsitzende des regionalen Bauernverbands ist, „ist, dass aus Berlin, Dresden oder Brüssel ständig neue Regularien kommen. Es wird dabei aber nicht hinterfragt, ob wir Landwirte damit eine Chance haben, weiterzumachen.“ Manchmal, sagt er, habe er das Gefühl, dass die Politik lieber regionalen Strom produzieren lassen wolle – als regionale Nahrungsmittel. Nur so ließe sich aus einigen landwirtschaftlichen Flächen überhaupt noch ein Gewinn holen. Und Nahrungsmittel würden im Zweifel eben aus dem Ausland herangekarrt.

Wir verabschieden uns von Stefan Triebs – und radeln etwas desillusioniert weiter. Es geht vorbei an einem seiner Maisfelder. Und, wie als hätten wir es bestellt, kurz darauf an einer Grasfläche bei Holscha, auf der gerade ein Solarfeld entsteht.

Bautz'ner-Werkleiter Michael Bischof zeigt den SZ-Reporterinnen die Senf-Herstellung. Das Unternehmen setzt auf Nachhaltigkeit und produziert klimaneutral.
Bautz'ner-Werkleiter Michael Bischof zeigt den SZ-Reporterinnen die Senf-Herstellung. Das Unternehmen setzt auf Nachhaltigkeit und produziert klimaneutral. © SZ/Uwe Soeder

Michael Bischof vom Bautz’ner-Werk wartet schon in Kleinwelka auf uns. Stefan Triebs liefert dem Werk regelmäßig Senfsaat zu, aber deshalb sind wir nicht hier. Wir haben uns vorgenommen, Bautz’ner zu besuchen, weil das Werk auf Nachhaltigkeit setzt – und seit 2020 klimaneutralen Senf produziert. Und wir wissen, dass das Unternehmen bereits eine Solaranlage auf dem Dach hat.

Allein durch die Anlage spart Bautz’ner in Kleinwelka jedes Jahr 90 Tonnen Kohlenstoffdioxid ein. Viele kleine Dinge sind es, erzählt uns Werksleiter Michael Bischof, die das Unternehmen für die Umwelt tut. Das Recyceln der Pappe und des Plastiks gehören dazu, die Flasche aus Recyclingplastik für einige Produkte, das automatisch ausgehende Licht, der im Haus produzierte Essig, um Transportwege zu sparen. Der CO2-Ausgleich über Baumpflanzungen.

Wärmetauschanlage spart Heizöl ein

Eine größere Investition im Sinne der Nachhaltigkeit war für das Werk der Einbau einer Wärmetauschanlage vor etwa vier Jahren. Die Abwärme der Maschinen erhitzt das Wasser. Im Sommer könne so der komplette Warmwasserbedarf des Unternehmens im Werk erzeugt werden, sagt uns Michael Bischof. Und: Im Schnitt spare das Unternehmen so 20 bis 30 Liter Heizöl pro Tag.

Sicher, die Ausgangslage ist anders als bei Stefan Triebs: Bautz‘ner produziert den Strom quasi für den Eigenbedarf. Aber uns interessiert, warum Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien für das Unternehmen so eine große Rolle spielen – und welche Unterstützung dabei von der Politik kommt.

Kinder sprachen den Firmenchef auf den Klimawandel an

„Bei uns ist das Teil unserer Firmen-DNA. Das Thema ist unserem Firmenchef Michael Durach wichtig“, sagt Michael Bischof. Entstanden sei das, weil sich dessen Kinder mit dem Klimawandel befasst hätten – und ihn mit ihren Argumenten überzeugten. Nur: Nicht alle Unternehmen können das so umsetzen.

Er wünsche sich von der Politik, dass dieses Denken mehr befördert wird. Von guten Förderprogrammen wisse er nicht viel. „Die Politik müsste aber vor allem mittelständische Unternehmen dabei unterstützen“, findet er. Wie er das meint? „Wer Projekte im Sinne der Nachhaltigkeit durchsetzt“, schlägt er vor, „könnte steuerlich entlastet werden.“

Wir schwingen uns wieder aufs Rad. Am nächsten Tag geht es für uns weiter – in Richtung A 4.

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Am Mittwoch, dem dritten Tag der SZ-Wahltour, widmen wir uns dem Thema Verkehr und Infrastruktur. Wir machen einen Abstecher nach Salzenforst, an die A 4. Und wir besuchen den Bautzener Bahnhof. Treffen Sie uns gerne unterwegs - oder schreiben Sie uns eine Mail an [email protected]!

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