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Dresdens Wahlkreis der großen Unterschiede

Wer hat zuletzt wie gewählt, wo leben viele Menschen über ihre Verhältnisse, und wo fehlt es an stabilen Nachbarschaften? Das ist der Wahlkreis Dresden II.

Mit Straßenbahn und Bus durch den zweiten Dresdner Wahlkreis - von Radeberg bis zum Dresdner Carolaplatz. Eine Tour mit so manchen Überraschungen.
Mit Straßenbahn und Bus durch den zweiten Dresdner Wahlkreis - von Radeberg bis zum Dresdner Carolaplatz. Eine Tour mit so manchen Überraschungen. © Christian Juppe/Montage SZ

Dresden. Auf den ersten Blick unterscheidet den zweiten Dresdner Wahlkreis gar nicht so viel vom ersten. Reichlich 300.000 Menschen leben links und rechts der Elbe zwischen Gorbitz und Radeberg, im Schnitt sind die Leute gleich alt und verdienen ähnlich viel Geld. Und doch ist der Wahlkreis Dresden II - Bautzen II ein Gebiet der inneren Gegensätze: Partyviertel, Hochhausgebiete, Dresdens größtes Waldgebiet, Felder und Dörfer gehören dazu - und die große Brauerei. Ganz unterschiedliche Lebenssituationen also, die sich offenbaren, wenn man einmal in Radeberg in den Bus steigt nach Dresden fährt.

Fast 20 Kilometer sind die Busse der Linie 308 vom Radeberger Bahnhof bis zum Klotzscher Käthe-Kollwitz-Platz unterwegs. Auf unserer virtuellen Tour durch den zweiten Dresdner Wahlkreis ist dies unser erster Streckenabschnitt. Entlang der Route gibt es einiges zu entdecken - wie die Menschen dort zuletzt gewählt haben, was sie an Miete zahlen, wie hoch der Ausländeranteil ist. In Klotzsche steigen wir um in eine Straßenbahn der Linie 7 und setzen unsere Fahrt bis zum Carolaplatz fort. Los geht's.

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  • Stadt-Land-Gefälle bei der Wahlentscheidung für/gegen AfD und Grüne
  • AfD besonders in Radeberg stark, Grüne holen in der Neustadt viele Stimmen

Das Wahlverhalten bei der Landtagswahl 2019 zeigt ein eindeutiges Land-Stadt-Gefälle. Die Grünen haben vor allem in der Großstadt an Stimmen gewinnen können, jenseits der Stadtgrenze hatten sie gegen die AfD jedoch keine Chance. Am stärksten klaffen die Ergebnisse an unserer Starthaltestelle, dem Radeberger Bahnhof, auseinander. Dort gaben nur vier Prozent der Urnenwähler ihre Listenstimme den Grünen, dafür machten 36 Prozent ihr Kreuz bei der AfD. Auf unserem Weg durch Liegau-Augustusbad und den Ottendorfer Ortsteil Grünberg ändert sich dieses Verhältnis nicht wesentlich. Die Grünen haben es auf höchstens zehn Prozent der Stimmen geschafft, die AfD ist unterwegs auf 29 Prozent gefallen und damit vergleichsweise weich.

Den ersten Dämpfer hat die AfD in Schönborn (21 Prozent der Stimmen) erhalten. Die Ortschaft gehört zu Dresden. Gleichzeitig sind die Grünen dort stärker geworden (14 Prozent), wenngleich es nicht für eine Stimmengleichheit gereicht hat. Das ist auch nach unserem Umstieg in die Straßenbahn noch so. Bis zum Moritzburger Weg, von hier aus gelangt man in die Gartenstadt Hellerau, hat die AfD den Druck auf die Grünen erfolgreich aufrecht erhalten können.

Teil 1: Mit der Straßenbahnlinie 1 auf Tour durch den Wahlkreis Dresden I (Altstadt, Blasewitz, Leuben, Prohlis, Plauen)

Je weiter wir in Richtung Dresdner Neustadt fahren, umso stärker kehrt sich dieses Verhältnis um. Die Louisenstraße ist für die Grünen das, was das Radeberger Bahnhofsviertel für die AfD ist. 44 Prozent der Listenstimmen haben die Grünen am Rande des Partyviertels sammeln können. Die AfD hätte es mit 4,5 Prozent nichts ins Landesparlament geschafft, wenn denn ganz Sachsen so gewählt hätte wie die Neustädter. Erst zwischen Albert- und Carolaplatz nähern sich beide Parteien wieder einander an.

Warum wir ausgerechnet Grünen- und AfD-Wähler näher betrachten? Beide Parteien waren die größten Gewinner der Landtagswahlen in Dresden, verglichen zu den vorherigen Landtagswahlen.

  • Im Dresdner Norden gibt es mehr Rentner als Kinder und Jugendliche
  • Die Neustadt bleibt ein Viertel jüngerer Generationen

Sachsen überaltert, heißt es immer wieder. Zuletzt konnte man das als Begründung für die vielen Corona-Todesopfer hören, die im Freistaat zu beziffern waren. Aber was heißt "überaltern"? Zunächst einmal: Auf unserer kompletten Tour gibt es keine Stadt, keine Ortschaft, kein Ortsteil, in dem es ein extrem großes Missverhältnis zwischen Rentnern und Kindern gibt. Dennoch, sowohl jenseits als auch diesseits der Stadtgrenze gibt es mehr Über-65-Jährige als Unter-18-Jährige. In Radeberg befinden sich 27 Prozent der Einwohner im Rentenalter, in Klotzsche ebenfalls. Ihnen stehen 17 Prozent Minderjährige gegenüber. Etwas näher liegen Junge und Alte in Langebrück/Schönborn beieinander.

"Kinder an die Macht" heißt es dagegen, wenn die Straßenbahn den Moritzburger Weg hinter sich gelassen hat und in die Albertstadt eintaucht. Dort werden lediglich 17 Prozent Ältere gezählt, hinter der Stauffenbergallee - in der Äußeren Neustadt - sind es sogar nur fünf Prozent. Dagegen sind 20 Prozent der Albertstadt-Bewohner so jung, dass noch nicht volljährig sind. Ein kurzes Zwischenspiel auf unserer Tour, denn am Albertplatz, dem Tor zur Inneren Neustadt, wendet sich das Blatt wieder.

Für die Haltestellen Infineon Süd und Moritzburger Weg sind - ausgenommen von den Wahlergebnissen - Daten des benachbarten Stadtteils Hellerau/Wilschdorf herangezogen worden, da der Stadtteil Hellerberge stark industriell geprägt ist. Nur 97 Menschen leben dort - zu wenige, um statistisch aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten.

  • Mieten in Radeberg und der Äußeren Neustadt steigen ähnlich stark
  • Wohnen am Stadtrand ist aber immer noch günstiger als im Szeneviertel

Ein Umzug an den Stadtrand kommt für immer mehr Dresdner in Frage. In den vergangenen Jahren hat die Landeshauptstadt ordentlich an Einwohnern eingebüßt, die sich nach mehr Grün und weniger Lärm sehen, wie Umfragen ergeben haben. Das lässt sich gut an den Mietpreisen in und um Radeberg ablesen. Verglichen mit den Preisen vom Frühjahr 2018 zahlt man heute 9,2 Prozent mehr Nettokaltmiete für den Quadratmeter. Das entspricht exakt der Preissteigerung in der Dresdner Altstadt, dem teuersten Pflaster für Mieter in der Region. Das hat das Maklerportal Immoscout24 errechnet und dafür die Neuvermietungspreise unter die Lupe genommen.

Die offensichtlich steigende Nachfrage ist allerdings nur die halbe Wahrheit: Wer eine günstigere Wohnung sucht, wird außerhalb der Stadt immer noch fündig. Mit durchschnittlich 6,55 Euro zahlt man in Radeberg rund 1,50 Euro weniger als zum Beispiel an der Louisenstraße. Die Preissteigerungen dort können sich im Übrigen ebenfalls sehen lassen: plus neun Prozent.

Etwas langsamer sind die Mieten in Klotzsche geklettert (rd. sieben Prozent auf durchschnittlich 7,53 Euro). Am teuersten wohnt es sich in der Inneren Neustadt. Dort sind über acht Euro für neu angebotene Wohnungen zu zahlen.

  • Radeberger weder sparsamer noch überschuldeter als die Dresdner
  • Am wenigsten überschuldet sind die Langebrücker und Schönborner

Wer hat sich so stark bei verschuldet, dass er das Geld auch in absehbarer Zeit nicht zurückzahlen kann und quasi nichts mehr hat, um seinen Lebensunterhalt zu decken? Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat das für Dresden und den Landkreis Bautzen näher untersucht. Eine Pauschalisierung nach dem Motto "sparsamer Landbewohner, ausgabefreudige Städter" lassen die Zahlen nicht zu.

In Radeberg galten vor der Corona-Krise, im Jahr 2019, rund neun Prozent der Einwohner als überschuldet. In Langebrück und Schönborn waren es nur drei Prozent und in Klotzsche sechs Prozent. Geografisch sind dennoch Unterschiede zu erkennen. Je weiter wir in Richtung Zentrum fahren, umso stärker nimmt die Überschuldung zu. In der Albertstadt und der Äußeren Neustadt sind bereits zehn Prozent und der Inneren Neustadt elf Prozent.

  • Ein ständiges Kommen und Gehen in der Dresdner Neustadt
  • Radeberg gewinnt an Einwohnern

Wie viele neue Menschen in die Straße ziehen, sagt nicht immer etwas über die Beliebtheit des Viertels aus. So könnte man auf die Idee kommen, jedermann wollte zwischen Heeresbäckerei und Louisenstraße alt werden. Auf 1.000 Einwohner sind dort im Jahr 2019 um die 200 Zuzügler gekommen. Ein Blick auf die Wegzüge offenbart allerdings, dass fast ebenso viele Menschen den Stadtteilen den Rücken gekehrt haben. Im Falle der Äußeren Neustadt waren es sogar etwas mehr.

Von fast schon verlässlichen Nachbarschaften kann man dagegen in Radeberg, Grünberg, Langebrück und Schönborn ausgehen. Zwischen 42 und 57 Zuzüge sind hier auf 1.000 Einwohner gezählt worden. Während Radeberg 2019 an Einwohnern gewonnen hat, sind in Langebrück und Schönborn jedoch mehr Menschen weg- als zugezogen.

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Die Idee zu dieser Art der Wahlkreis-Darstellung basiert auf dem Beitrag "M29 - Berlins Buslinie der großen Unterschiede" der Berliner Morgenpost. Sie können alle Daten herunterladen beziehungsweise jede Datenquelle selbst einsehen. Die Links finden Sie unter jeder Grafik.

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