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Was Polizisten an der polnischen Grenze erleben

Immer mehr illegale Einwanderer kommen via Polen nach Sachsen, weil Belarus die EU unter Druck setzen will. Ein Tag mit der Bundespolizei im Grenzbereich.

Von Tobias Wolf
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Polizisten greifen irakische Migranten bei Kodersdorf auf, die an einer Landstraße abgesetzt wurden. Vor Ort werden sie durchsucht und bekommen eine Maske.
Polizisten greifen irakische Migranten bei Kodersdorf auf, die an einer Landstraße abgesetzt wurden. Vor Ort werden sie durchsucht und bekommen eine Maske. © Tobias Wolf

Görlitz. Gibril Asmahan* senkt den Kopf und presst seine Hände auf die Augen. Er schluckt, Tränen rollen die Wangen hinab. Die Erinnerung an die letzten Wochen übermannt ihn für einen Moment. Die Bilder von der belarussischen Grenze, die er erst nach dutzenden Versuchen passieren konnte, die Erinnerungen an die lange Reise, die ihn diesen Flachbau mit 90er-Jahre-Charme in Ludwigsdorf an der Autobahn A4 geführt hat.

Simone Wittmeyer reicht ihm ein Papiertaschentuch. Gerade hat die Bundespolizistin den 20-jährigen Syrer für seine Akte vermessen. Körpergröße, Schuhgröße und Fotos seiner Tätowierung sollen ihn später eindeutig identifizieren, falls das nötig ist. Gleich soll er noch Fingerabdrücke abgeben, bevor er offiziell befragt wird. Es ist die Standardprozedur für alle unerlaubt Eingereisten ohne Visum.

Gibril Asmahan ist einer von 135 Menschen, die die Bundespolizei bei 30 Einsätzen am Wochenende an der polnisch-sächsischen Grenze aufgriff. Einer von über 4.500, die seit Anfang August zwischen Ostsee und Zittauer Gebirge registriert wurden.

Asmahan kam über die Görlitzer Altstadtbrücke gelaufen, andere wurden von Schleusern an Hauptstraßen oder in entlegenen Waldstücken ihrem Schicksal überlassen. Schwerpunkt sind in Sachsen die Landkreise Görlitz und Bautzen.

Gibril Asmahan aus Syrien wird in Ludwigsdorf registriert und fotografiert.
Gibril Asmahan aus Syrien wird in Ludwigsdorf registriert und fotografiert. © Tobias Wolf

Die Bundespolizeigewerkschaft warnt vor einem „Kollaps“ und drängt auf Kontrollen. Kamen im August 250 Migranten aus dem Nahen Osten über Polen nach Sachsen, waren es im September schon 500. Im Oktober sind es bisher 850.

Die meisten stammen aus dem Irak und Syrien, einige aus der Türkei und dem Jemen. Die Migrationslage an der Ostgrenze ist politisch heikel. Die Neonazi-Partei III. Weg etwa ruft zu einem Grenzgang in Südbrandenburg auf.

Für Simone Wittmeyer ist Gibril Asmahan einer unter vielen Fällen in einer seit Wochen angespannten Routine. Die Inspektion Ludwigsdorf mit rund 300 Mitarbeitern hat auf ein Zweischichtsystem mit je zwölf Stunden umgestellt, um der Lage Herr zu werden.

Ihren Mann sieht die 53-Jährige seither seltener. Auch er arbeitet in ihrer Dienststelle. Auch die Inspektion in Ebersbach-Neugersdorf am südlichen Grenzabschnitt zu Polen ist am Limit.

Vor dem Beitritt Polens zur EU gab der Zoll an diesen Schaltern Papiere an Spediteure und Reisende aus. Jetzt ruhen sich in hinter den Scheiben Migranten auf Feldbetten aus.
Vor dem Beitritt Polens zur EU gab der Zoll an diesen Schaltern Papiere an Spediteure und Reisende aus. Jetzt ruhen sich in hinter den Scheiben Migranten auf Feldbetten aus. © Tobias Wolf

Zuvor hatten EU, USA, Großbritannien und Kanada verschärfte Sanktionen gegen sein Regime verhängt, weil Lukaschenkos Luftwaffe ein EU-Flugzeug zur Landung gezwungen hatte, um einen Kritiker zu verhaften.

Schon länger steht der Diktator im Verdacht, organisiert Migranten an die EU-Grenze zu bringen, um Europa unter Druck zu setzen. Menschen wie Gibril Asmahan, die vor dem Krieg in ihrer Heimat fliehen.

Er gehöre zur drusischen Minderheit in Syrien. Seine Schwester lebe in Berlin, sagt er. Zwei Jahre lang habe er probiert, legal nach Deutschland zu kommen, erst über Erbil im Irak, dann über Teheran und Istanbul.

Von der Türkei habe er mit einem frisierten Pass nach Frankfurt fliegen wollen, sei aber festgenommen und in den Iran abgeschoben worden. Dann der Versuch über den Libanon. In Facebookgruppen erfuhr Asmahan, dass es ein neues, simples Visumsverfahren in Belarus gibt.

Agenturen aus dem arabischen Raum und Pakistan bieten von belarussischen Firmen „garantierte“ Einladungsbriefe an – manchmal im Paket mit sechs Hotelübernachtungen und Flughafenabholung in Minsk für 750 US-Dollar pro Person. Dazu kommen Flüge, Schleuserkosten und weitere Ausgaben.

Mit staatlicher Airline aus Dubai nach Minsk

Gibril Asmahan hat insgesamt rund 8.000 US-Dollar bezahlt, sagt er, Geld, das die Verwandschaft gesammelt hat.

Die staatliche Fluglinie Flydubai brachte ihn Mitte September via Dubai nach Minsk. Zunächst habe er dort in einem Apartment abgewartet und sei schließlich mit einem Bus zur belarussisch-polnischen Grenze gefahren worden.

Elf Tage verbrachte er dort im Wald. Polnische Grenzer hätten ihn jeden Tag mehrfach erwischt und zurückgeschickt. Einmal hatte Asmahan es kurz hinter der Grenze bis in ein Auto geschafft, das ihn nach Deutschland bringen sollte, als Polizisten den Wagen entdeckten.

Die Polen seien freundlich gewesen, sagt Gibril Asmahan. Dorfbewohner hätten Essen, Wasser und Schokolade gebracht. Asmahan spricht Englisch und ein paar Brocken Deutsch. „Die belarussischen Soldaten waren wie Tiere, sie haben uns geschlagen.“

Immer wieder sei er mit kleinen Gruppen, darunter Familien mit Kindern zur Grenze gegangen. Er erinnert sich an ein zehnjähriges Mädchen mit langen Haaren.

Einen Tag nach der Begegnung glaubte er, das Kind auf Fotos im Internet wiederzuerkennen. Es ging um Tote an der Grenze. Mindestens fünf Migranten sollen dort schon gestorben sein.

Bundespolizistin Simone Wittmeyer nimmt dem jungen Syrer Gibril Asmahan die Fingerabdrücke ab. Er war über Belarus und Polen nach Deutschland eingereist.
Bundespolizistin Simone Wittmeyer nimmt dem jungen Syrer Gibril Asmahan die Fingerabdrücke ab. Er war über Belarus und Polen nach Deutschland eingereist. © Tobias Wolf

Der junge Syrer trocknet seine Tränen mit dem Tuch der Polizistin. Dann lässt er sich bereitwillig die Fingerabdrücke abnehmen. Beim letzten Versuch ging er nach der belarussisch-polnischen Grenze erst 50 Kilometer zu Fuß, bevor er die Schleuser anrief.

Den Flachbau am früheren Grenzübergang Ludwigsdorf nutzt die Bundespolizei erst seit kurzem. Hier gab der Zoll bis zum EU-Beitritt Polens Papiere an Spediteure und Reisende aus. Die Nummern über den Schaltern erinnern noch daran. Über Jahre stand das Gebäude leer. Jetzt ruhen sich hinter den Scheiben Migranten auf Feldbetten aus. Am Eingang ist eine Art Rezeption aufgebaut. Vier Dolmetscher für Arabisch und Kurdisch sind im Dauereinsatz.

Ein Raum ist für die erkennungsdienstliche Behandlung reserviert, einer für die Durchsuchung, weitere für temporäre Büros und Besprechungen. Vor dem Gebäude steht eine Art gläserner Schiffscontainer, hier wird jeder Ankömmling auf das Corona-Virus getestet.

Das Zelt daneben ist für positiv Getestete reserviert und innerhalb von fünf Minuten bei jedem Wetter auf 25 Grad heizbar. Ein weiteres Zelt dient als Warteraum, wenn viele auf einmal aufgegriffen und untergebracht werden müssen.

Für den Überblick gibt es im Eingangsbereich vier Tafeln mit Tabellen, in denen alle aktuell aufgegriffenen Flüchtlinge mit Kennungen erfasst sind, die sie für die Dauer ihres Aufenthalts wie ein Eintrittsband am Handgelenk tragen.

Bei jedem Aufgriff gibt es eine Nummer für die jeweilige Person und fortlaufend einen Buchstaben für die Gruppe aus dem Alphabet und eine Nummer. Gibril Asmahan steht jetzt unter P2 I4 in den Akten.

Für den Überblick gibt Tafeln mit Tabellen, in denen alle aktuell aufgegriffenen Flüchtlinge mit Kennungen erfasst sind.
Für den Überblick gibt Tafeln mit Tabellen, in denen alle aktuell aufgegriffenen Flüchtlinge mit Kennungen erfasst sind. © Tobias Wolf

Mit roten Magnetpunkten wird markiert, welcher Status der Erfassung gerade erreicht ist, ob die Migranten schon erkennungsdienstlich behandelt oder befragt wurden, wo sie aufgegriffen worden sind und in welches Land sie wollen. Neben dem Länderkürzel Deutschland geben viele Großbritannien oder die Niederlande an, oft, weil dort schon Verwandtschaft lebt. Sobald die Migranten mit dem Bus abreisen, wischen die Polizisten die Tafeln ab und fangen von vorn an.

Lars Jährmann leitet eine der Dienstgruppen des Tages. Der 42-jährige Hauptkommissar war bei den meisten Aufgriffen dabei. Viele Migranten würden von Schleusern mit Fahrzeugen entweder bis kurz vor die Grenze oder bis ein Stück dahinter gebracht, sagt er. „Da sind manchmal 20 Leute und mehr in einen Transporter gepfercht“, sagt er.

Die meisten finden die Beamten nach Bürgerhinweisen. Manchmal stellen sie auch die zugehörigen Schleuser. Wie jüngst einen 23-jährigen Ukrainer, der zwar allein in einem Auto saß, aber auf den Sitzen verdächtige Kleidung liegen hatte, die nicht zu ihm gehören konnte. Die Besatzung des hinzugerufenen Hubschraubers entdeckte die einstigen Passagiere hinter einer nahegelegenen Böschung.

Bevor die Flüchtlinge registriert werden, müssen sie außerhalb des Gebäudes einen Coronatest machen.
Bevor die Flüchtlinge registriert werden, müssen sie außerhalb des Gebäudes einen Coronatest machen. © Tobias Wolf

Die Flüchtlinge fallen im dünn besiedelten Grenzland schnell auf, aber nicht unbedingt alle Schleuserautos. Jährmann guckt aus dem Fenster auf die A4. Der Kommissar weiß, dass die Migranten, die er und seine Kollegen vor Ort aufgreifen, nur ein Teil des Phänomens sind. Auch im weit entfernten Dresden hat es schon Aufgriffe gegeben.

Jährmann zeigt auf den Verkehr. Ununterbrochen rauschen Autos, Lastwagen und Transporter vorbei. „Schau mal nur 30 Sekunden auf den Verkehr und sag mir, welcher Transporter könnte es sein.“ Ein kaum kontrollierbarer Verkehrsstrom. „Aber jeden, den wir aufgreifen, registrieren wir“, sagt Jährmann. „So etwas wie 2015, als viele unregistriert ins Bundesgebiet kamen, kann und darf nicht mehr passieren.“

Die Erfassung kostet Zeit. Manche Migranten müssen deshalb über Nacht bleiben. Es gibt provisorische Waschgelegenheiten. Abwechselnd schmieren die Beamten Sandwiches aus Toastbrot und Käse. Dazu gibt es Obst, Milch und Wasser. Auch Milchpulver für Babys steht bereit.

Bis alle Ankömmlinge zu einer Erstaufnahmeeinrichtung weiterreisen können, ist es Abend. Busse bringen die Menschen derzeit nach Leipzig, weil die Erstaufnahme in Dresden ausgelastet ist. Sachsen ist dabei, die Kapazitäten zu erhöhen.

In solchen Kleintransportern bringen Schleuser mehr als 20 Migranten illegal über die polnisch-sächsische Grenze.
In solchen Kleintransportern bringen Schleuser mehr als 20 Migranten illegal über die polnisch-sächsische Grenze. © Bundespolizei-Inspektion Ludwigsdorf

.In einem Lagerraum stapeln sich gebrauchte Kleidungsstücke und Schuhe, sortiert nach Größen und nach Männern, Frauen und Kindern. Ein Teil kommt vom Roten Kreuz, den Rest haben die Polizisten zusammengetragen. Eine Polizistin hat von Zuhause eine Kiste mit Buntstiften und Malbüchern für Kinder mitgebracht.

Viele Flüchtlinge sind erschöpft, manche in körperlich schlechtem Zustand und auf die Spenden angewiesen. „Nur wenige sind witterungsgerecht gekleidet, manche kommen hier in Badelatschen an wie vor zwei Wochen eine 14-Jährige“, sagt Gruppenleiter Jährmann. „Meine größte Sorge ist, dass mit dem Wintereinbruch die Temperaturen noch weiter fallen.“ Schon jetzt kämen die Menschen frierend und durchnässt an ihre erste Durchgangsstation nach der Grenze, wenn es ein paar Tage regnet.

Bei Gibril Asmahan steht die Befragung an. Hauptkommissar Danilo Weise, der die zweite Dienstgruppe leitet, eine Kollegin als Zeugin und der Arabisch-Dolmetscher sitzen dem jungen Syrer gegenüber. Sie wissen, wo sie im Zweifelsfall noch einmal nachbohren müssen, wenn sich jemand einsilbig gibt.

Viele Migranten würden sich in Schweigen hüllen, heißt es. Danilo Weise belehrt Asmahan, dass er sich der unerlaubten Einreise schuldig gemacht habe, es zunächst aber nur um eine Befragung gehe. Asmahan will reden, auch über die Schleuser.

Hauptkommissar Danilo Weise und seine Kollegin befragen Gibril Asmahan mithilfe eines Dolmetschers zu seinem unerlaubten Grenzübertritt. In einer weiteren Vernehmung wird der junge Syrer später noch als Zeuge gegen seine Schleuser aussagen.
Hauptkommissar Danilo Weise und seine Kollegin befragen Gibril Asmahan mithilfe eines Dolmetschers zu seinem unerlaubten Grenzübertritt. In einer weiteren Vernehmung wird der junge Syrer später noch als Zeuge gegen seine Schleuser aussagen. © Tobias Wolf

Ihre Handys müssen die Asylbewerber ohnehin für einige Zeit abgeben, damit sie auf Telefonnummern und andere Daten von Schleusern untersucht werden können und, um auszuschließen, dass ein Flüchtling im Kontakt mit islamistischen Terroristen steht. Nach der Befragung ist klar: Gibril Asmahan wird als Zeuge eine weitere Aussage zur Schleusung machen.

Für Hauptkommissar Weise beginnt nach der Befragung alles von vorn. Über Funk kommt die Meldung, dass vier Erwachsene und zwei Kinder nahe der weiter im Inland gelegenen Autobahnabfahrt Kodersdorf gesichtet wurden. Mit Blaulicht fährt Weise die sieben Kilometer über die Autobahn. Eine Streife und Zivilbeamte sind schon vor Ort. Die zwei Kinder erweisen sich nach kurzer Suche in der Umgebung als Fehlalarm.

Zwei Paare um die 30 aus dem Irak sitzen entkräftet am Rand einer Seitenstraße. Nacheinander übergeben die vier Flüchtlinge Papiere, Mobiltelefone und Rucksäcke und bekommen Handgelenkbänder. Sie sind nun die J4-Gruppe.

Am nächsten Morgen kommen drei neue dazu. Acht Türken in Görlitz, neun Iraker und ein Iraner am Truppenübungsplatz Oberlausitz und 26 Iraker an der Talsperre Bautzen, darunter Frauen, Kinder und ein zweijähriges Baby. Gibril Asmahan ist da schon in der Erstaufnahmeeinrichtung Leipzig angekommen.

*Name geändert