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Freie Wähler mit großem Plan: Ein Bürgermeister für ganz Sachsen

Grimmas Rathauschef Matthias Berger wird Spitzenkandidat der Freien Wähler zur Landtagswahl 2024. Mit der AfD will man – zurzeit – nicht zusammenarbeiten.

Von Gunnar Saft
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Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger wird sächsischer Spitzenkandidat der Freien Wähler zur Landtagswahl 2024.
Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger wird sächsischer Spitzenkandidat der Freien Wähler zur Landtagswahl 2024. ©  dpa/Jan Woitas

Grimma. Ob Zufall oder nicht, es war am Freitag der Konferenzraum „Teamschmiede“ im Kloster Nimbschen, in dem die Landesvereinigung der Freien Wähler eine lange erwartete Personalie bekanntgab. So bestätigte FW-Landeschef Thomas Weidinger nun offiziell, dass man zur Landtagswahl im kommenden Jahr mit dem parteilosen Grimmaer Oberbürgermeister Matthias Berger als Spitzenkandidat antreten will. Das habe der Landesvorstand der Freien Wähler einstimmig beschlossen.

Bevor aber der 55-jährige Spitzenkandidat Berger selbst zu Wort kam, fand Weidinger noch etliche löbliche Worte über die Freien Wähler und ihren neuen Favoriten. Tenor: Man selbst sei nicht ideologiegetrieben wie die anderen Parteien und mache ausschließlich eine Politik direkt für die Bürger. („Wir sind diese Bürger.“) Dazu seien alle Verantwortlichen in der Landesvereinigung unabhängig in ihrem Beruf und hätten sich zuvor nicht „in einer Parteistruktur hochgedient“. Für wen man künftig im Landtag vorrangig da sein möchte, brachte Weidinger so auf den Punkt: „Für diejenigen Menschen, die morgens aufstehen und arbeiten gehen.“

Vor allem, wenn sie dabei noch Kinder großziehen oder als Unternehmer selbst Verantwortung übernehmen und Arbeitsplätze schaffen. Matthias Berger sei daher mit seiner ureigenen „Freien-Wähler-DNA“ der ideale Kandidat: Seit 2001 im Amt und damit einer der erfahrensten Bürgermeister in Sachsen. Seine Arbeitsweise sei sachbezogen, lösungsorientiert und ideologiefrei. „Er weiß, was zu tun ist, wenn sich Situationen krisenhaft zuspitzen.“

Für den designierten Spitzenkandidaten – die Landesliste der Freien Wähler soll offiziell im Februar beschlossen werden – war das dann das Stichwort. Seine Zusage begründete Matthias Berger auch in Nimbschen vor allem mit jenen Gründen, die er zuvor schon in Interviews angeführt hatte. Er mache sich Sorgen um Sachsen und auch um Deutschland, weil vielen Leuten „der Glaube an den Staat“ genommen worden sei. Man müsse Demokratie endlich anders leben als bisher – statt von den Parteien viel mehr vom Bürger her. Gerade die Politik auf Bundesebene sei heute katastrophal und geprägt durch Taschenspielertricks. Im Freistaat sei das aber oft nicht anders. Dazu kämen die Finanznot der Kommunen und die vielen ungelösten Alltagsprobleme der Bürger bei Kita, Schule, Feuerwehr bis zum Krankenhaus. „Irgendwann ist einfach das Maß voll. “ Die Freien Wähler müssten jetzt Verantwortung übernehmen, um „das alles herumzureißen“.

Dass es bis zur Übernahme von Verantwortung im Parlament – oder gar in der künftigen Regierung – noch ein weiter Weg ist, ahnen aber auch die Freien Wähler. Zwar stellte sich Landeschef Weidinger in Nimbschen demonstrativ hinter Berger, der für die Landesvereinigung zur Landtagswahl ein Stimmenpotenzial von zehn Prozent und mehr sieht. Selbst bastelt man dagegen längst am Plan B. So würden mindestens zwei gewonnene Direktmandate dafür sorgen, dass die Freien Wähler auch unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde in den Landtag einziehen. Als geeignet sieht man hier neben dem Wahlkreis von Matthias Berger auch Wahlkreise in Mittelsachsen, in der Sächsischen Schweiz sowie im mittleren Erzgebirge. Für letztere Region haben die Freien Wähler bereits ein früheres politisches Schwergicht gewinnen können: den langjährigen CDU-Landtagsabgeordneten und späteren Innenstaatssekretär Günther Schneider, der die Christdemokraten 2022 unter Protest verließ.

Unklarer drücken sich die Freien Wähler dagegen bei der Frage aus, mit wem sie nach einer möglichen erfolgreichen Wahl politisch zusammenarbeiten wollen. Offiziell heißt hier das Motto: Vor der Wahl reden wir mit niemandem, danach mit jedem. Das ist offenbar genau so gemeint – auch im Fall der AfD. Obwohl Berger und Weidinger in Nimbschen betonen, eine Zusammenarbeit mit den Deutschalternativen schließe man aus, relativieren sie diese Ablehnung mit dem Zusatz „zum heutigen Zeitpunkt“. Es gebe mit der AfD zwar thematische Schnittmengen, erklärt Weidinger, als möglicher Koalitionspartner müsste die sich jedoch zwingend von bestimmten Positionen und Personen trennen.

Jedoch findet auch der Spitzenkandidat eine „Ausschließeritis“ nicht gut, bevor sich sein Landeschef endgültig festlegt: „Wir bauen keine Brandmauer auf!“ Vorrangiges Ziel sei eine bürgerliche Landesregierung und die einzige Konstellation, wo das möglich sei, wäre unter der Beteiligung der Freien Wähler. Das lässt alles andere offen.