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In 140 Metern Höhe am Rotorblatt

Der Radebeuler Dieter Krebs prüft und repariert in Sachsen und deutschlandweit Windräder. Jüngst hing er auch an der Basteibrücke. Angst, ja, hat er auch.

Die riesigen Blätter der Windräder müssen regelmäßig geprüft werden. In bis zu 140 Metern Höhe arbeitet Dieter Krebs aus Radebeul. Im Einsatz ist er quer durch Deutschland und in den Nachbarländern.
Die riesigen Blätter der Windräder müssen regelmäßig geprüft werden. In bis zu 140 Metern Höhe arbeitet Dieter Krebs aus Radebeul. Im Einsatz ist er quer durch Deutschland und in den Nachbarländern. © privat

Radebeul/Meißen. Die meisten Spaziergänger werden den Mann, der an Seilen unter der Basteibrücke hing, kaum wahrgenommen haben. Allenfalls seinen Kollegen, der oben die Sicherung organisiert. Es ist erst ein paar Wochen her, da hatte Dieter Krebs den Auftrag, die Brücke in der Sächsischen Schweiz zu untersuchen.

Der Radebeuler ist Seiltechniker, einen Beruf, den nur wenige kennen. Studiert hat er an der Technischen Universität Dresden, ist diplomierter Ingenieur für Hoch- und Tiefbau. Weil es aber zu DDR-Zeiten nicht genügend Hubtechnik gab, mit deren Bühnen in der Höhe repariert werden konnte und die dafür notwendigen Geräte zumeist nur gegen Devisen im Westen zu haben gewesen wären, wurden Leute gesucht, die das per Seiltechnik hinbekommen.

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Als passionierter Bergsteiger interessierte sich Dieter Krebs dafür. Es gab eine Gruppe von sogenannten Technosportlern, die in der DDR auch organisiert waren. Als Seiltechniker hat er die Fugen am Hochhaus am Pirnaischen Platz saniert, undichte Dächer repariert und Schornsteine abgetragen. Später Bauüberwachungen an Talsperren übernommen. Und in den 1990er-Jahren ergab sich die Gelegenheit, mit Freunden eine eigene Firma aufzubauen.

Gesichert an der Basteibrücke im Frühjahr. Die Brücke wurde ausführlich geprüft und dokumentiert.
Gesichert an der Basteibrücke im Frühjahr. Die Brücke wurde ausführlich geprüft und dokumentiert. © Mike Jäger

Um die Jahrtausendwende wurden solche Spezialisten, Seiltechniker und Gutachter, wieder mehr gebraucht. Damals wuchsen zunehmend Windräder aus dem Boden. „Uns für die Kontrollen einzusetzen, ist günstiger, als Hubbühnen in der Höhe zu installieren“, sagt Dieter Krebs und spricht über den Job, den er größtenteils verrichtet - nämlich in Höhen bis zu 140 Metern zu steigen und dort an Rotorblättern hängend zu prüfen, ob noch alles in Ordnung ist.

Fast alles in Ordnung war auch an der Basteibrücke. „Sie ist immer gut gepflegt, aber lange keiner größeren Kontrolle unterzogen worden“, sagt der Experte. Eigentlich sei es auch eine Brücke, die ja keinen größeren Belastungen ausgesetzt ist, etwa im Vergleich zu Eisenbahnbrücken. Nur Fußgänger gehen darauf. Und, sie ist auf sicherem Fels gegründet.

Dennoch arbeitet das Wetter, vor allem Wasser und Frost, am Gestein. Das mal direkt in Augenschein zu nehmen und alles zu fotografieren, war im Frühjahr die Aufgabe des Zweimannteams um Dieter Krebs.

Dieter Krebs mit einem Teil seiner Ausrüstung für das Abseilen an den Rotorblättern.
Dieter Krebs mit einem Teil seiner Ausrüstung für das Abseilen an den Rotorblättern. © Peter Redlich

Am Rotorblatt gibt es ganz andere Herausforderungen. Im Innern klettern die Männer nach oben. Dort befinden sich Getriebe und Generator, die an stabilen Kranösen nach oben gezogen worden sind. Die Ösen sind die Befestigungsstellen für die Seile, an denen sich der Spezialist bis zu 60 Meter am Rotorblatt und nach der Arbeit auch bis zum Boden abseilt. Risse, Lufteinschlüsse soll er dort entdecken. Auch die Wasserablässe für sich im Innern der Blätter ansammelnde Feuchtigkeit müssen gereinigt werden. Krebs: „Wasser in der Rotorblattspitze führt mit mehr Gewicht zu Unwuchten. Beim Blitzeinschlag kommt es zu einer regelrechten Explosion des Wasserdampfes. Das Blatt würde zerstört.“

Können das alles nicht auch Drohnen? Können sie, sagt der Radebeuler, aber eben nicht alles. Zum Beispiel lässt sich nur ganz aus der Nähe wirklich erkennen, was ein Riss oder eben eine optische Täuschung durch Licht und Verschmutzung sind. Auch reinige keine Drohne die Wasserauslässe. Und viel menschliche Erfahrung bei mittlerweile über 1.000 Windradkontrollen spiele schließlich auch eine Rolle.

Ziemlich gefährlich der Job in so großer Höhe. Das denken viele. Dieter Krebs erzählt, wie er und seine Kollegen sich jedes Jahr einer besonderen Prüfung unterziehen müssen. Gesundheitscheck sowieso, Rettung von Kollegen, Umstieg von Seilstrecke zu Seilstrecke sind dabei nur einige der Dinge, die zu absolvieren sind.

Und Angst in der Höhe? „Als Bergsteiger bist du das gewohnt, umsichtig zu sein“, sagt er. Und setzt mit schwarzem Humor dazu: „Ab 50 Metern ist die Höhe sowieso egal. Das Ergebnis ist immer das gleiche.“ Allerdings berichtet Dieter Krebs auch von einem Geburtstagsgeschenk, das er mal bekommen hat - eine Ballonfahrt. „Das habe ich nicht gemacht. Ich möchte für meine Sachen, für meine Sicherung selbst verantwortlich sein.“ Am gefährlichsten, so seine Sicht, sei es immer noch auf der Autobahn. Mit der Sicherungsausrüstung aus Seilen, Gurten und Lorys (Abseilgerät) sowie Kameras und Aufzeichnungsgeräten sind die Seiltechniker viele Kilometer zwischen Ostfriesland und Böhmen zu Windkrafträdern unterwegs.

Das Bauwerk wurde in den letzten Jahren gut gepflegt, sagt der Experte, in dem Foto als orangefarbener Punkt kaum erkennbar.
Das Bauwerk wurde in den letzten Jahren gut gepflegt, sagt der Experte, in dem Foto als orangefarbener Punkt kaum erkennbar. © Mike Jäger

Riesige Stromerzeuger, die eigentlich aller zwei Jahre geprüft werden sollten, wofür es aber keine Vorschrift gibt. In der Regel würden die Eigentümer dies aller vier Jahre veranlassen, aber im Wesentlichen auch nur, weil die Versicherungen dies verlangen. Immerhin: Bis zu zwei Meter biegt sich ein solches Rotorblatt bei großer Windkraft an der Spitze. Kommt es zu Berührungen mit dem Turm, wird es gefährlich. Die Blätter können zerstört werden.

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Jetzt zu Corona-Zeiten gab es weniger zu tun. Die Eigner der Windparks mussten ihre eigenen Angestellten beschäftigen, die sonst meist im Ausland eingesetzt sind. Deshalb sei der einheimische Spezialist froh gewesen, solche Aufträge wie an der Bastei bekommen zu haben. Türme, Mobilfunkmasten und eben Windkraftanlagen gehören zu den Spezialitäten der Krebs-Truppe. Und mit 60 sei er zwar bei den Jahresprüfungen regelmäßig der Älteste, aber keineswegs der Unsportlichste. „So lange es funktioniert und ich gebraucht werde, mache ich das.“

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