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Radebeul auf dem Weg zum Breakdance-Mekka

Die Tanzgruppe The Saxonz baut in der Lößnitzstadt ein eigenes Studio auf. Dieses soll sich zu einem Nachwuchszentrum der Breaker-Szene entwickeln.

Um auf einer Hand zu stehen und so zu den Beats aus den beiden Ghettoblastern zu hüpfen, bedarf es viel Übung. Bei Felix Roßberg und weiteren erfahrenen Breakern kann man dies im Tanzstudio an der Meißner Straße lernen.
Um auf einer Hand zu stehen und so zu den Beats aus den beiden Ghettoblastern zu hüpfen, bedarf es viel Übung. Bei Felix Roßberg und weiteren erfahrenen Breakern kann man dies im Tanzstudio an der Meißner Straße lernen. © Arvid Müller

Radebeul. Parkettboden in einem großen Raum, keine Möbel, die im Weg stehen könnten. Sondern es gibt reichlich Platz zum Bewegen und Drehen um die eigene Körperachse oder auf dem Kopf. An der Wand hängt ein riesiger Spiegel. Ein Tanzstudio ist im ersten Obergeschoss des ehemaligen Bürokomplexes der Firma Peters am Anfang der Meißner Straße entstanden. Eine Ballettstange sucht man dort aber vergebens. Dafür stehen auf dem Fußboden zwei große Radiorekorder. Sie sorgen für den richtigen Beat für Breakdance.

Felix Roßberg nimmt diese Bezeichnung nicht gern in den Mund. Er spricht von Breaking. So lautet der eigentliche Name für den Tanzstil in der Breaker-Szene. Der 32-Jährige muss es wissen. Schließlich ist er ein erfahrener Tänzer, Breaker oder auch B-Boy genannt. Mädchen heißen B-Girls.

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2003 beginnt Rossi, so sein Spitzname, mit akrobatischen Tanzeinlagen auf einer Gartenparty. Vom mehrfachen DDR-Meister Heiko Hahnewald lernt er die ersten Schritte. Roßberg gehört heute zur Gruppe The Saxonz, ein Zusammenschluss der besten Breaking-Tänzer des Freistaats. 2013 gründete er die Formation mit. Seither holten sie drei Mal den deutschen Meistertitel.

Vereinsname ist Programm

Saxonz-Mitglieder haben den Verein „84´TIL Zentrum für urbane Kultur“ gegründet. Der Name ist Programm. Im Jahr 1984 machte der Film „Beat Street“ die Jugendbewegung auch in der DDR bekannt. Deren Wurzeln reichen bis in die frühen 1970er Jahre in den USA zurück. Damals streiten afroamerikanische Jugendliche sich tänzerisch in den Fußgängerzonen von Manhatten und der südlichen Bronx in New York zu Hip-Hop-Musik aus ihren Ghettoblastern. Dieser Wettstreit wird in der Szene als Battle bezeichnet, bei dem sich die Tänzer zu neuen gewagten Bewegungen und Drehungen, Moves, anspornen.

„Til“ heißt ins Deutsche übersetzt bis. Und Zentrum für urbane Kultur ist das große Ziel, an dem The Saxonz mit anderen Breakern arbeiten - ein Ort, an dem sie ihren Tanzsport an jüngere Generationen weitergeben, Kurse und Workshops anbieten, Shows einstudieren und wo sich Breaker von nah und fern zu Battles treffen. Im Jahr 2024 ist Breaking bei den Sommerspielen in Paris erstmals olympisch. Und gerade beim Breaking-Nachwuchs werde der Wunsch, einmal bei den Spielen dabei zu sein, immer mehr reifen. „Beim Thema Olympia kommt in Sachsen keiner an The Saxonz vorbei“, meint Roßberg.

Im Industriekomplex nahe der Autobahnbrücke hat sich ein Zentrum der Radebeuler Kreativszene entwickelt. Die Räume entdeckt hat Eric Schmidt (r.), der dort unter anderem mit Matteo Rüger Filme dreht und produziert.
Im Industriekomplex nahe der Autobahnbrücke hat sich ein Zentrum der Radebeuler Kreativszene entwickelt. Die Räume entdeckt hat Eric Schmidt (r.), der dort unter anderem mit Matteo Rüger Filme dreht und produziert. © Arvid Müller

Tanzstudio bildet Grundstein für Breaking-Zentrum

Der Grundstein für das Breaking-Zentrum ist in der Lößnitzstadt nun gelegt. „Wir haben schon lange von einem eigenen Studio geträumt“, berichtet Roßberg. Tanzkurse geben The Saxonz in Jugendclubs und an Schulen schon seit vielen Jahren. Bislang haben sie sich in Turnhallen oder Jugendhäusern, wie zum Beispiel das Stadtteilzentrum Emmers in Dresden, eingemietet. Dort waren sie jedoch vom Belegungsplan abhängig, den andere machten. Die Corona-Krise und die dadurch bedingten Schließungen erschwerten die Situation.

„Wir haben einen großen Saal gesucht“, berichtet Roßberg. Im Radebeuler Industriegebiet nahe der Autobahnbrücke wurde der noch recht junge Verein fündig. „Ganz früher war hier wohl einmal eine Kantine drin, später ein Büro“, sagt Roßberg. Ganz ideal ist der Raum nicht. Zwei dicke Stützsäulen stehen mitten drin. Sie sind im Weg, wenn alle Saxonz eine Show einüben wollen. Doch für Tanzkurse in kleiner Gruppe ist der einstige Speisesaal geeignet. Und die Lage ist ganz praktisch. „Wir stören hier niemanden, wenn die Musik einmal etwas lauter sein sollte“, so Roßberg.

Der Verein 84´TIL hat über eine Crowdfunding-Plattform um Unterstützung für ihr Projekt geworben. Durch 92 Spender kamen über 8.700 Euro zusammen. Das Geld dient dazu, den lange leergestandenen Saal als Tanzstudio flott zu machen. Einen neuen Anstrich haben die Wände bereits bekommen. Eine Frischekur für das Parkett mit Abschleifen und Versiegeln soll folgen. Eine Musikanlage steht ebenfalls auf der Investitionsliste. Zudem wollen sich die Breaker noch einen separaten Fitnessraum einrichten. Für ihre akrobatischen Tanzstücke müssen die Muskeln und Gelenke fit sein.

40 Kids machen bereits mit

Am 1. November vorigen Jahres war die Eröffnung des Tanzstudios. Bereits einen Tag später musste 84´TIL es wieder schließen, weil der zweite Lockdown begann. Getanzt wird dennoch. Nun stehen Roßberg und seine Kollegen halt allein im Studio und zeichnen ihre Kurse mit einer Kamera auf. Die Filme schicken sie dann zu den Kids nach Hause, wo die Jugendlichen anhand der Videos die aufgezeichneten Moves nachmachen und üben. Rund 40 B-Boys und B-Girls trainieren derzeit auf diese Weise.

Die zweite Etage des einstigen Bürogebäudes auf dem Industriegelände in Radebeul-Ost hat sich zu einem Zentrum der Kreativszene entwickelt. Entdeckt hat die Räumlichkeiten Eric Schmidt. Er gehört zum jungen Team von Centre Films. Und für die Produktion ihrer Filme, zu denen unter anderem Imagefilme von Sachsen oder zur Aschenbrödelausstellung auf Schloss Moritzburg zählen, haben sie sich 2016 nach einem Filmstudio umgeschaut. Dieses bauten sie sich in dem einstigen Bürokomplex auf.

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Von Anfang an bestand die Idee, dass weitere Kreative das Haus mit neuem Leben füllen. Und so kamen mit der Zeit ein Tonstudio, ein Atelier, Konzertveranstalter, der Radebeuler Kulturverein und weitere hinzu. Der Verein 84’TIL ist das jüngste Mitglied im Bunde. Auf der Kreativetage wird in diesem Jahr ein Kino aufgebaut.

www.84til.de

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