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Vom rauen Erzgebirge ins „sächsische Nizza"

Gabriele Lorenz ist Radebeuls neue Kulturamtsleiterin. Welche Erfahrungen und Ideen sie mitbringt, berichtet sie in der SZ.

Gabriele Lorenz steht mitten in der aktuellen Ausstellung der Stadtgalerie mit Fotografien von André Wirsig.
Gabriele Lorenz steht mitten in der aktuellen Ausstellung der Stadtgalerie mit Fotografien von André Wirsig. © Arvid Müller

Radebeul. Blumensträuße schmücken den Bürotisch sowie die Fensterbänke. Sie gab es als Willkommensgruß. Vor dem Dienstzimmer herrscht das quirlige Treiben des Dorfangers Altkötzschenbrodas - ein Ort den Gabriele Lorenz künftig mit Festen bespielen wird. Und nicht nur diesen. „Ich möchte Kultur in alle Stadtteile bringen“, kündigt die neue Leiterin des Radebeuler Kulturamts an. Seit Monatsanfang ist sie im Dienst.

Aus Annaberg-Buchholz im rauen Erzgebirge hat es die 58-Jährige ins sonnige Elbtal verschlagen. Das „sächsische Nizza“ ist kein Neuland für die promovierte Romanistin. Vor fünf Jahren hat Lorenz Radebeul für sich entdeckt. „Von 2015 bis 2018 wohnte ich in Dresden“, berichtet sie. Vorher kannte sie die Lößnitzstadt nur vom Namen her. Doch das änderte sich mit dem Besuch der Hoflößnitz und weiterer Weingüter sowie Festen. „Nicht nur beim Herbst- und Weinfest mit dem Internationalen Wandertheaterfestival hat mich die individuelle und liebevolle Gestaltung mit hoher kultureller Qualität begeistert“, schwärmt Lorenz noch heute. Zudem sei sie beeindruckt, so viele Kulturschaffende und Kulturinteressierte in einer Stadt dieser Größe, anzutreffen. So eine geballte Fülle finde man nicht so oft.

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Im Dezember 1961 erblickte Lorenz im erzgebirgischen Schlema das Licht der Welt. Noch in jungen Kindheitsjahren zog ihre Familie ins anhaltinische Roßlau, wo sie aufwuchs und die Schule besuchte. „Dadurch bin ich mit der Elblandschaft vertraut“, meint Lorenz. Schon von Kindheitsbeinen an war sie eine Vielleserin, lernte Blockflöte und Klavier spielen. Nach dem Abitur kehrte sie nach Sachsen zurück, um an der Bergakademie in Freiberg Chemie zu studieren. Aus privaten Gründen stellte sie einen Ausreiseantrag und verließ im Jahr 1984 die DDR gen Mainz in Westdeutschland. Dort nahm sie das Studium in Romanistik, Germanistik und Völkerkunde auf. „Das wollte ich schon immer machen“, verrät sie.

Nach erfolgreichem Abschluss lehrte sie zwei Jahre lang im französischen Nancy, während dieser Zeit hat sie mit ihrer Promotion begonnen. Ab 1995 arbeitete Lorenz in der Kulturabteilung der französischen Botschaft in Bonn, organisierte binationale Ausstellungsprojekte im Bereich Bildender Kunst. 1999 zog sie gemeinsam mit der Botschaft nach Berlin um, wo sie das Literaturbüro leitete und für den deutsch-französischen Literaturaustausch zuständig war. Sie stellte Lesereisen und andere Veranstaltungen auf die Beine.

„Ich bin eine Gestalterin von Kultur“

„Ich habe viel gelernt und gesehen in der Welt“, sagt Lorenz. Doch die Sehnsucht nach dem Erzgebirge wuchs, wohin sie 2005 zurückkehrte. In Annaberg-Buchholz trat sie die Stelle der Kulturmanagerin an, die sie 15 Jahre lang ausübte. In dieser Zeit leitete sie unter anderem die Bibliothek, die Museen, war für den Tourismus und das Kulturzentrum zuständig, baute zusammen mit der TU Chemnitz eine Kinder- und Seniorenuniversität auf und trug federführend Verantwortung für Hunderte von Veranstaltungen. „Ich bin eine Gestalterin von Kultur“, beschreibt Lorenz ihr Aufgabenfeld. Doch Gestaltungsfreude und Gestaltungswille seien das eine. Um Ideen, erfolgreich in die Tat umsetzen zu können, müsse man sich auch in verwaltungsrechtlichen Angelegenheiten auskennen. Das erforderliche Know-how bringt Lorenz mit.

Bis zu 35 Mitarbeitern stand sie während ihrer Zeit in Annaberg-Buchholz als Chefin vor. In Radebeul zählt ihr Team 24 Mitstreiter. Beim Ausüben ihrer neuen Tätigkeit kann Lorenz auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Doch wer auf ihren beruflichen Werdegang blickt, erkennt, dass sie sich immer wieder neuen Herausforderungen stellt. So fehlte das Thema Märkte und Feste in ihrem bisherigen Aufgabenspektrum. „Radebeul bietet das“, so Lorenz. Als Kulturamtsleiterin trägt sie nun die Verantwortung für die Organisation der großen Feste der Lößnitzstadt. Das Herbst- und Weinfest besuchen rund 50.000 Menschen, den Weihnachtsmarkt „Lichterglanz und Budenzauber“ über 60.000 und zu den Karl-May-Festtagen kommen circa 30.000 Gästen, wenn nicht gerade ein Virus wie in diesem Jahr für Probleme sorgt.

Ganz unvertraut ist Lorenz mit dem Thema Festorganisation nicht. „Ins Erzgebirge wollte ich mediterranes Flair verbreiten“, berichtet die Liebhaberin der französischen Sprache und des französischen Lebensgefühls. So brachte sie die Fête de la Musique nach Annaberg-Bucholz, bei der Gruppen und Solokünstler am Tag des kalendarischen Sommeranfangs auf den Straßen Musik spielen. Und sie rief die „Piazza“ ins Leben, eine jährliche Veranstaltung, bei der in puncto Kulturprogramm und Kulinarik sich alles um ein Land aus dem Mittelmeerraum dreht. „Ich möchte das Menschen aller Generationen zusammenkommen“, sagt Lorenz. Dabei sollen sie Genuss erleben. Auf Erlebnisse für alle Sinne habe sie schon immer Wert gelegt. Das Veranstaltungsformat der Piazza kann sie sich auch gut in Radebeul vorstellen.

„Ich fühle mich nicht verbrannt“

„Ich möchte aber nicht kopieren, was andere Städte machen, sondern eigene Akzente setzen“, betont Lorenz. Sie will Veranstaltungsformate entwickeln, die zu dieser Stadt passen. Mit Karl May, Eduard Bilz, Wein und ihrer Architektur habe Radebeul viele Themen zu bieten. In diesem Coronajahr wurde beispielsweise die Radebeuler Lebensart mit Weindörfern, Märkten, Straßentheater und Musik auf dem Dorfanger in Altkötzschenbroda, der Hauptstraße in Radebeul-Ost, in Weingütern sowie mit Ausstellungen in Gärten und Ateliers hiesiger Künstler aus der Taufe gehoben. „Wir haben damit eine gute Erfahrung gemacht, die ermutigt wiederholt zu werden“, meint Lorenz. Sie will bei den Kulturangeboten auch andere Stadtteile wie Naundorf, Lindenau oder Serkowitz einbeziehen.

Auf ihrer Agenda steht auch ein Kulturentwicklungskonzept. Neben einer Analyse des Ist-Zustandes geht sie den Fragen nach, was die Stadt in fünf und zehn Jahren kulturell will, welche Formate historisch gewachsen sind und wo es bei diesen noch Luft nach oben gibt sowie was für ein Budget vonnöten ist. Eine Herausforderung stellt hierbei das gesamte Thema der Digitalisierung dar.

Erzgebirger seien beharrlich. Diese Mentalität bringe sie mit. Unter Beweis gestellt hat sie diese Charaktereigenschaft bei der Besetzung der neuen Kulturamtsleiterstelle. Bei der Wahl durch den Stadtrat hatte sie im Mai zunächst das Nachsehen gegenüber Jörg Bernig. Doch der Schriftsteller ist wegen einiger seiner politischen Ansichten und Äußerungen nicht unumstritten. Die Stadtratsentscheidung rief massiven Protest unter Kulturschaffenden hervor und sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen. Der Oberbürgermeister legte sein Veto ein und setzte eine Wahlwiederholung an, zu der nur noch Lorenz antrat.

„Ich fühle mich nicht verbrannt“, sagt die neue Kulturchefin. An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht. Von allen Bewerbern habe sie das beste Angebot sowohl von ihrer bisherigen Leistung als auch ihrer fachlichen Kompetenz sowie ihrer Ideen her für das ausgeschriebene Stellenprofil gemacht, ist sie überzeugt. „Ich freue mich so, hier arbeiten zu können“, betont Lorenz. In Radebeul habe sich schon ein anderer Erzgebirger, und zwar Karl May, sehr wohl gefühlt.

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