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Ab jetzt viel Zeit zu zweit

Wegen Corona ging der Stauchitzer Bürgermeister verspätet in den Ruhestand. Den genießt er und blickt zurück.

Viel Zeit zu zweit: Simone und Frank Seifert genießen die Ruhe und den Ruhestand in ihrem Haus in Staucha.
Viel Zeit zu zweit: Simone und Frank Seifert genießen die Ruhe und den Ruhestand in ihrem Haus in Staucha. © Sebastian Schultz

Stauchitz. Fast lautlos geht die Tür auf und herein schleicht der Bürgermeister. Der heißt eigentlich Klamsi und ist ein siebeneinhalbjähriger Kater. "Die Leute haben ihn so genannt, weil er zu uns kam, als ich Bürgermeister wurde und er ständig durchs Dorf streift", sagt Frank Seifert und lacht. Er selbst schleicht seit ein paar Wochen nicht mehr durchs Dorf, jedenfalls nicht als Bürgermeister. Nach sieben Jahren trat er nicht mehr an. Kürzlich hat er seinen 65. Geburtstag gefeiert. Die Blumen und Geschenke stehen noch auf dem Tisch, darunter ein Präsent von Landrat Ralf Hänsel. Frank Seifert zeigt auf den Korb: "Das ist doch mal was ganz Persönliches." Ein Präsentkorb mit einer Weinflasche und sechs Gläsern. Jedes Glas ist mit einem Motiv, einem Gebäude aus der Gemeinde Stauchitz verziert.

Im Dezember ist bei den Seiferts in Staucha immer die Bude voll. Am 19. Dezember hat Frank Seifert Geburtstag, drei Tage später seine Frau Simone. Dann kommen Weihnachten und Silvester. Jedesmal sind die beiden Kinder Jeannette (42) und Patric (39) mit ihren Familien und den Enkeln Lisa (12), Emma-Luisa (9) und Theodor (6) da. Zumindest zu den Geburtstagen aber herrschte diesmal die große Ruhe. "Normalerweise lässt man es ja zum 65. so richtig krachen. Aber dieser Geburtstag war so ruhig wie noch nie. Wir waren nur fünf Leute, meine beiden Brüder und eine Schwägerin", sagt Frank Seifert. Mehr ließ Corona nicht zu.

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Frank Seifert hat jetzt Zeit, viel Zeit, nachdem er aus dem Bürgermeisteramt ausgeschieden ist. Eine Umstellung war das für ihn schon, aber auch für seine Frau. "Es ist schon ungewohnt, dass er jetzt immer zu Hause ist. Ich muss noch ein paar Hobbys für ihn suchen", sagt Simone Seifert und lacht. Doch langweilig wird des dem 65-Jährigen nicht. "In den vergangenen Jahren ist doch vieles liegengeblieben, das hole ich jetzt nach", sagt er. Hat schon tapeziert, einen Schacht für das Elektrokabel gebuddelt, das nun endlich in der Erde verschwindet. Und einen Wildzaun um den Garten gezogen. "Die Rehe hatten unseren ganzen Spinat weggefressen", sagt Simone Seifert und setzt einen empörten Blick auf.

Um 6.30 Uhr klingelt das Telefon

Die beiden könnten jetzt ausschlafen, doch das kommt für sie nicht infrage. Beide sind zeitiges Aufstehen gewöhnt, sie als Postzustellerin, er als früherer Leiter der Fleischabteilung im Riesaer Real-Markt. "Wir haben dort um 6 Uhr angefangen, da bin ich 4.30 Uhr aufgestanden", sagt Frank Seifert. Das gemeinsame Frühstück lassen sich die beiden auch zu so früher Tageszeit nicht nehmen.

Und es gibt noch einen Grund für das zeitige Wecken. Täglich um 6.30 Uhr ruft Enkelin Lisa aus Lauf bei Nürnberg an. "Sie hat gefragt, ob sie das jetzt lassen soll, doch wir haben die Tradition beibehalten", sagt Simone Seifert. Einziger Unterschied: Früher sind beide um 6 Uhr aufgestanden. "Heute liegen wir beim Anrufen manchmal noch im Bett", so die 62-Jährige. Sie ist hier in diesem Haus in Staucha geboren, es ist ihr Elternhaus. Die Großeltern hatte das 1810 gebaute Haus erworben. Einst wohnten hier vier Generationen, inzwischen sind die Seiferts die einzigen Bewohner, nachdem die Eltern von Simone Seifert 2017 und 2018 gestorben sind. Sie hatte sie bis zuletzt gepflegt.

Der große Traum von der Großen Mauer

"Für mich war Bürgermeister eine Berufung", sagt der Stauchaer, der in Riesa geboren wurde und in der "Alten Post" in Stauchitz aufwuchs. Deshalb fällt ihm Loslassen schwer. "Oft war für mich um drei Uhr die Nacht zu Ende. Dann dachte ich nach über die Gemeinde. Daran hat sich bisher nichts geändert", so der Stauchaer. Und dennoch. Der Stress, die Anspannung sind abgefallen. "Mir fehlt nichts", sagt er. In den vergangenen Jahren hätten die beiden keinen richtigen Urlaub gemacht, höchstens mal immer eine Woche. "Ich weiß gar nicht, wie viele Urlaubstage ich einfach nicht genommen habe, verfallen ließ, verlor den Überblick."

Dabei verreisen die beiden doch so gern, waren schon in Ägypten, Griechenland, Kroatien, Israel, Jordanien, aber auch an der Ostsee. "Vor allem Länder mit biblischer Geschichte interessieren uns sehr", sagt Simone Seifert, die 20 Jahre lang im Kirchenvorstand war. Sie ist schon kribbelig, wann es wieder mit dem Reisen losgehen kann. Einen großen Traum haben die beiden: Mal mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach China, an die Große Mauer zu fahren.

Das Reisen beschränkt sich jetzt erstmal auf kürzere Strecken. Zum Beispiel nach Lauf. Die Enkelin hatte immer gesagt, sie habe davon geträumt, dass die Großeltern mal da seien, wenn sie aus der Schule komme. Da haben sich beide spontan auf den Weg gemacht.

Eigentlich hatte Frank Seifert schon geplant, im August in den Ruhestand zu gehen. Denn die Bürgermeisterwahl, zu der er nicht mehr antrat, sollte im Mai stattfinden. Es kam etwas dazwischen: Corona. Als die Wahl endlich im Herbst stattfand, erreichte keiner der sieben Bewerber die absolute Mehrheit. Es gab einen zweiten Wahlgang. Anfang Dezember, bis das Wahlergebnis feststeht und alle Formalitäten erledigt sind würde der Neue dann im Amt sein, dachte Frank Seifert. Doch es ging schneller.

Am 2. November ist Simone Seifert irritiert. Ihr Mann war ganz normal zur Arbeit gegangen. Mittags stand er wieder auf der Matte. Das Landratsamt hatte festgestellt, dass die Wahl gültig ist. Nachfolger Dirk Zschoke war aber noch nicht vom Gemeinderat als Bürgermeister vereidigt und verpflichtet. Dennoch übernahm er sofort das Zepter. "Am 30. Oktober hat Herr Zschoke seine Bestätigung bekommen. Am 2. November hat er mir das morgens mitgeteilt, und mittags war mein Arbeitsverhältnis beendet", so Frank Seifert. Besonders traurig war er darüber nicht, trat er doch ohnehin verspätet den vorzeitigen Ruhestand an.

Ein Herz für die Senioren

Mit gemischten Gefühlen sieht Frank Seifert seine sieben Jahre als Bürgermeister. Besonders stolz ist er darauf, dass es gelang, die "Alte Post", in der er viele Jahre als Koch und Küchenmeister arbeitete, wieder zu beleben. Heute gibt es dort eine Ärztin, einen Zahnarzt, eine Physiotherapie, einen Seniorentreff. Die Senioren lagen ihm immer am Herzen, was ihm mitunter vorgeworfen wurde. "Das sind die Leute, die unser Land aufgebaut und unseren Wohlstand erwirtschaftet haben", verteidigt er sich. Auch die Gemeindebibliothek hat in der "Alten Post" ihren Platz gefunden.

Ihn ärgert, dass es nicht gelang, die doppelten Straßennamen abzuschaffen. "Da bin ich gegen eine Wand gelaufen", sagt er. Mit dem Problem hatte schon seine Frau zu kämpfen, als sie noch als Zustellerin arbeitete. Die Seiferts sind auch persönlich betroffen. Den Wiesenweg gibt es in Stauchitz zweimal. In Bloßwitz und eben in Staucha.

Auch dass es mit dem Bau der B 169, die in Seerhausen im Feld endet, nicht weitergeht, ärgert den 65-Jährigen. "Bei sehr vielen Gesprächen ging es um diese Straße. Man kann den Leuten nicht helfen, das ist sehr frustrierend", so der Bürgermeister im Ruhestand.

Dennoch zieht er eine positive Bilanz. "Es ist viel geworden in diesen sieben Jahren. Mehr war unter den finanziellen Zwängen einfach nicht drin", sagt er. Dem Vorwurf, er sei zu gutmütig und nicht durchsetzungsstark gewesen, tritt er nicht entgegen. "Vielleicht bin ich zu gut für diese Welt".

Er könne jedenfalls erhobenen Hauptes durchs Dorf gehen, brauche sich nicht zu verstecken oder gar zu schämen. "Viele Leute haben sich bedankt und es bedauert, dass ich nicht wieder angetreten bin", sagt er. Ursprünglich wollte er nochmal kandidieren. Doch bei einer Seniorenweihnachtsfeier bemerkte er, dass die Leute nicht viel älter als er waren. Und erinnerte sich an einen Schlaganfall, den er vor seiner Zeit als Bürgermeister erlitten hatte. "Nochmal antreten und nach drei Jahren aufzuhören, das wollte ich meinen Wählern nicht antun", so Frank Seifert. Auch zu seinen ehemaligen Kollegen von Real in Riesa hat er ein gutes Verhältnis. "Wenn ich dort einkaufen gehe, dauert das manchmal drei Stunden, weil wir soviel quatschen", sagt er und lacht.

Jetzt genießt er den Ruhestand. Dass es ihm nicht langweilig wird, dafür sorgt schon seine Frau, mit der er seit 43 Jahren verheiratet ist. "Könntest doch mal Skat spielen gehen", schlägt sie ihm vor. Er lächelt: "Lass mal, mir fällt schon was ein."

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