Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Politik
Merken

Aufregung in Russland nach angeblichem Attentatsversuch auf Putin

Zwei Drohnen sollen auf den Kreml zugeflogen sein, um Präsident Putin zu attackieren - so der Vorwurf Russlands. Die Ukraine weist den Vorwurf zurück.

 6 Min.
Teilen
Folgen
NEU!
Kreml-Berichte über einen angeblichen Anschlagsversuch auf Präsident Wladimir Putin haben in Russland für große Aufregung gesorgt.
Kreml-Berichte über einen angeblichen Anschlagsversuch auf Präsident Wladimir Putin haben in Russland für große Aufregung gesorgt. © Artem Geodakyan/Sputnik Kremlin Pool via AP/dpa

Kiew/Moskau/Berlin. Russland wirft der Ukraine einen versuchten Drohnen-Anschlag auf Kremlchef Wladimir Putin vor und droht offen mit Gegenmaßnahmen. Die Regierung in Kiew wies die Anschuldigung am Mittwoch scharf zurück: Man führe ausschließlich einen Verteidigungskrieg und greife daher keine Objekte auf russischem Staatsgebiet an, schrieb Präsidentenberater Mychajlo Podoljak auf Twitter.

Präsident Wolodymyr Selenskyj will am 13. Mai auf Einladung von Kanzler Olaf Scholz nach Berlin kommen, wie eine Sprecherin der Berliner Polizei auf dpa-Anfrage berichtete. Am 14. Mai soll Selenksyj zudem in Aachen den Karlspreis erhalten.

Kreml: Zwei Drohnen zum Absturz gebracht

Das russische Präsidialamt berichtete, in der Nacht zu Mittwoch seien zwei Drohnen zum Absturz gebracht worden, die auf das Kreml-Gelände zugeflogen seien. Putin sei jedoch nicht dort gewesen. "Wir betrachten diese Handlungen als einen geplanten Terrorakt und Anschlag auf das Leben des Präsidenten der Russischen Föderation", stand in einer Mitteilung des Kreml. "Die russische Seite behält sich das Recht vor, Gegenmaßnahmen zu ergreifen." Vor der bald erwarteten ukrainischen Gegenoffensive hatte es in den vergangenen Tagen mehrere Anschläge auf russische Infrastruktur gegeben.

Selenskyjs Berater Podoljak sagte, eine direkte Attacke auf den Kreml würde für die Ukraine kein militärisches Problem lösen. Im Gegenteil könne dies Russland nur einen Anlass geben, um seine Angriffe auf Zivilisten zu rechtfertigen. "Offensichtlich bereitet Russland einen großen Terrorakt vor", meinte er. Hinter den Drohnen könnte auch eine Widerstandsgruppe aus dem Untergrund stecken.

Der Moskauer Kreml.
Der Moskauer Kreml. © AP/dpa

In sozialen Netzwerken war in der Nacht ein Video aufgetaucht, das eine kleine Rauchwolke in der Nähe des Kremls zeigt. Später kursierte zudem ein Clip, der den Moment der Zerstörung durch die Luftabwehr zeigen soll. Die Aufnahmen konnten zunächst nicht verifiziert werden.

Dass zwei Drohnen bis auf das Kreml-Gelände gelangt seien, werfe Fragen über den Zustand der Luftverteidigung auf, schrieb etwa der Duma-Abgeordnete Sergej Mironow am Mittwoch auf Telegram. Zugleich forderte er die "Eliminierung der terroristischen Elite der Ukraine". Parlamentschef Wjatscheslaw Wolodin teilte mit: "Wir werden die Anwendung von Waffen fordern, die in der Lage sind, das terroristische Kiewer Regime zu stoppen und zu zerstören."

Der Kreml hatte zuvor von einem versuchten Drohnen-Anschlag auf Putin berichtet, die Ukraine dafür verantwortlich gemacht und mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht. Das Nachbarland, das sich seit mittlerweile mehr als 14 Monaten gegen einen russischen Angriffskrieg verteidigt, wies eine Beteiligung hingegen zurück. Putin hielt sich den Angaben aus Moskau zufolge in der Nacht gar nicht im Kreml auf und blieb unverletzt.

"In erster Linie hat der Vorfall die Schwäche der russischen Luftverteidigung demonstriert", kommentierte der russische Politologe Abbas Galljamow das Geschehen. Deshalb glaube er nicht an eine so genannte "False-Flag"-Aktion, die der Kreml selbst inszeniert habe. Wenn überhaupt, dann könne es sich seiner Einschätzung nach höchstens um eine Inszenierung durch russische Hardliner handeln, die Putin so überzeugen wollten, der Ukraine nun auch offiziell den Krieg zu erklären.

Unterdessen tauchten in Russlands sozialen Netzwerken weitere Videos auf, die den nächtlichen Zwischenfall auf dem Kreml-Gelände zeigen sollen. So ist in einem Clip etwa zu erkennen, wie ein verhältnismäßig kleines Objekt auf die Kuppel des Senatspalasts zufliegt - und dann offenbar abgeschossen wird. Kurz ist ein Feuerball zu sehen, dann Funken, die zur Seite fliegen.

Für Verwunderung sorgten dabei bei Beobachtern zwei Gestalten, die während des Drohnen-Anflugs auf einer Seite die Kuppel hinauf zu klettern scheinen. Was es mit ihnen auf sich hat, war zunächst unklar.

Bundesregierung bestätigt Selenskyjs Besuch zunächst nicht

Regierungssprecher Steffen Hebestreit sagte zu einem möglichen Selenskyj-Besuch in Berlin, zu den Terminen des Bundeskanzlers äußere man sich erst am Freitag der Vorwoche. Normalerweise werden die seltenen Auslandsbesuche des ukrainischen Präsidenten aus Sicherheistgründen erst kurz vorher oder gar nicht angekündigt.

Die Karlspreis-Veranstalter in Aachen hatten angegeben, sich auf eine persönliche Teilnahme des Präsidenten vorzubereiten, diese sei aber noch offen. Der Karlspreis wird seit 1950 an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die Einheit Europas verdient gemacht haben.

Es wäre der erste Besuch Selenskyjs in Deutschland nach dem Angriff Russlands auf die gesamte Ukraine im Februar 2022. In Deutschland war er zuletzt im Juli 2021, um die damalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu besuchen. Am Mittwoch traf Selenskyj zu einem unangekündigten Besuch in der finnischen Hauptstadt Helsinki ein.

Vor erwarteter Gegenoffensive: Anschläge in Russland

Zuletzt hatten sich Anschläge in Russland gehäuft. Am Wochenende wurde mit einer Drohne ein Treibstofflager auf der Krim in Brand gesetzt. In der westrussischen Region Brjansk entgleisten kurz nacheinander zwei Güterzüge nach Explosionen. Im Süden Russlands östlich von der Krim geriet in der Nacht zu Mittwoch ein weiteres Treibstofflager in Brand. Die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass berichtete auch hier von einem Drohnenangriff.

Die betroffenen Regionen liegen alle in der Nähe zur Ukraine. Eine Gegenoffensive zur Befreiung der von Russland besetzten Gebiete wird in naher Zukunft erwartet. Die Anschläge könnten Teil der Vorbereitung sein.

Selenskyj überraschend in Helsinki - Dank für finnische Unterstützung

Bei seinem Besuch in Helsinki dankte Selenskyj den Finnen für die anhaltende Unterstützung. Bei einer Pressekonferenz mit Präsident Sauli Niinistö zeigte sich Selenskyj zuversichtlich, dass Kiew auch bald westliche Kampfjets erhalten werde.

Niinistö äußerte sich dazu mit Blick auf die veralteten Hornet-Jets Finnlands zurückhaltend. Selenskyj entgegnete mit einem Lächeln: "Aber uns gefallen Ihre Flugzeuge, nur damit Sie es wissen." Für den Nachmittag hatte Niinistö auch die Regierungschefs Schwedens, Norwegens, Dänemarks und Islands zu einem Treffen mit Selenskyj eingeladen.

Tote durch russischen Beschuss im südukrainischen Gebiet Cherson

Im südukrainischen Gebiet Cherson sind durch russischen Beschuss offiziellen Angaben zufolge mindestens 16 Menschen getötet worden. Allein in der Gebietshauptstadt Cherson seien mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. 22 weitere wurden verletzt. Nördlich der Stadt starben demnach drei Elektromonteure und nordöstlich ein weiterer Zivilist durch russischen Beschuss.

Milliardensumme soll Munitionsproduktion in EU ankurbeln

Die Ukraine kann auf deutlich mehr Munitionslieferungen aus der EU hoffen. Nach einem am Mittwoch präsentierten Plan der EU-Kommission soll die europäische Rüstungsindustrie mit finanziellen Anreizen in Milliardenhöhe zu einem schnellen Ausbau der Produktion bewegt werden. Zudem legten die Regierungen der EU-Staaten einen wochenlangen Streit über die gemeinsame Beschaffung von Artilleriegeschossen und Raketen für die Ukraine bei. Die Einigung sieht vor, dafür in den kommenden Monaten bis zu eine Milliarde Euro bereitzustellen.

Hintergrund der Pläne sind insbesondere die Schwierigkeiten der EU-Staaten, der Ukraine ausreichend Munition zu liefern. Ein Ausbau der Produktion soll nun weitere Engpässe der ukrainischen Streitkräfte verhindern und auch dafür sorgen, dass die EU-Staaten selbst verteidigungsfähig bleiben und ausreichend Vorräte vorhalten können. (dpa)