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Auf Schwermetallhalden in Sachsen gibt es Leben

Arsen, Blei, Kadmium – rings um Freiberg schlummern diese toxischen Metalle. Doch selbst im lebensfeindlichen Gebiet gibt es Tiere und Pflanzen.

Die Rostrote Kleinsporflechte ist so winzig, dass Marko Olias vom Naturschutzinstitut Freiberg sie mit der Lupe suchen muss. Auf dem Freiberger Gneis in der Halde „Junge Hohe Birke“ leben rund 50 weitere Flechten-Arten.
Die Rostrote Kleinsporflechte ist so winzig, dass Marko Olias vom Naturschutzinstitut Freiberg sie mit der Lupe suchen muss. Auf dem Freiberger Gneis in der Halde „Junge Hohe Birke“ leben rund 50 weitere Flechten-Arten. © Ronald Bonß

Bergziegen würden hier besser vorankommen. Das grobe Schottergestein auf der „Jungen Hohen Birke“ ist nicht für Menschenfüße gemacht, so steil wie der Hang und spitzkantig wie die Felsbrocken sind. Marko Olias eilt leichtfüßig über alle Hindernisse. Der Leiter des Freiberger Naturschutzinstituts kennt auf der alten Bergbauhalde im Stadtteil Langenrinne wahrscheinlich jeden Stein. Von oben und unten. „Halden“, sagt er, „sind mein Hobby.“

Freiberg ist ein gutes Pflaster dafür. Über 800 Jahre haben Bergleute hier Bodenschätze aus der Erde gegraben, Silber, Blei, Zink gewonnen. Den Abraum aus Stollen und Verhüttung schichteten sie in unzähligen sogenannten Grobbergehalden und Grobschlackehalden auf. Sie prägen diese uralte, stark zergliederte Bergbaulandschaft bis heute. „Viele von ihnen enthalten immer noch mehrere Gramm giftiger Schwermetalle wie Arsen, Blei und Kadmium pro Kilogramm Material“, schätzt Olias.

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Steil und weitestgehend kahl fallen die Schlackehänge in Muldenhütten zur Freiberger Mulde ab.
Steil und weitestgehend kahl fallen die Schlackehänge in Muldenhütten zur Freiberger Mulde ab. © Ronald Bonß

Doch was lebensfeindlich und sanierungsbedürftig klingt, ist für Naturschützer ein Schatz, den es zu erhalten gilt. Sieben ältere Verhüttungs-, Schlacken- und karbonathaltige Abraumhalden genießen seit Anfang der 2000er-Jahre den Schutzstatus eines Flora-Fauna-Habitats (FFH). Dazu kommen blütenpflanzenreiche Schwermetallrasen und Schwermetall-Staudenfluren. Sie alle bilden das FFH-Gebiet „Schwermetallhalden bei Freiberg“, eines von insgesamt 270 dieser Schutzgebiete in Sachsen. Sächsische.de widmet ihnen eine Sommerserie.

Mindestens sechs Beine

Blütenreichtum ist dem Hang der Blockhalde, auf dem Olias herumklettert, wahrlich nicht nachzusagen. Das Material ist so grob, dass sich kaum Erde darauf hält und Wasser sofort versickert. Hier ist nichts grün, abgesehen vom Belag auf den Felssteinen. Es ist genau dieser unscheinbare Bewuchs, der die Halde deutschlandweit zu etwas Besonderem macht und immer wieder Biologen auf Exkursionen lockt.

„Hier wachsen etwa 50 Flechtenarten. Von der Rostroten Kleinsporflechte ist es eines der größten Vorkommen in Deutschland“, sagt Olias und deutet auf eine rotbraune Kruste. Flechten sind eine Symbiose aus Pilzen und Algen. Sie sind absolute Pioniergewächse, die die Oberfläche von Steinen leicht anlösen und damit den Weg ebnen für alles, was größer, gefälliger, pflanzenähnlicher ist. Diese hier sind so hoch spezialisiert, dass sie ohne schwermetallhaltiges Material gar nicht auskommen.

Auch Tiere fühlen sich zwischen den Felssteinen wohl. Meist haben sie mindestens sechs Beine und verstecken sich gern in den großen Zwischenräumen. „Solche extremen Standorte sind auch mikroklimatisch sehr besonders mit heißen Tagen und kalten Nächten. Hier leben Wanzen, Insekten, Käfer, Spinnen – eine Menge, die man nicht sofort sieht“, sagt Andreas Ihl, Referent für besondere Schutzgebiete am Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Ihr Fressfeind, die Zauneidechse, lässt sich durchaus entdecken. Ein schönes Exemplar wärmt sich in der Morgensonne. „Schwermetallhalden sind äußerst lebensfeindlich. Man muss sich wundern, wenn dort überhaupt irgendwelche Organismen existieren können“, sagt Friedemann Klenke, der am Landesamt für den Flächennaturschutz zuständig ist.

Solche Filous gibt es auch jenseits der Flechten. Olias zeigt sie auf einer anderen Halde zwischen Freiberg und Brand-Erbisdorf. Die Pflanzen heißen Augentrost und Klappertopf, Lichtnelke, Kreuzblümchen und Leimkraut. Meist sind sie so klein, dass man sich hinknien muss, um sie zu betrachten. Wiesen-Lein beispielsweise. Stecknadelkopfwinzig sind die weißen Blüten. Er kann hier nur gedeihen, weil edle Braunspatformationen, die sonst unter der Erde liegen, durch den Bergbau nach oben befördert und abgelegt wurden. Das karbonathaltige Gestein ist mit Kalk durchzogen, der die Schwermetalle bindet.

Die Orchidee Braunroter Sitter bringt floralen Glanz auf die Schwermetallhalden.
Die Orchidee Braunroter Sitter bringt floralen Glanz auf die Schwermetallhalden. © Ronald Bonß

Auch das Birngrün ist eine Unscheinbarkeit. Das Kräutlein gedeiht in Steinbrüchen, auf Halden. Es besiedelt rohe Böden und offene, nährstoffarme Stellen. Sie sind selten geworden in unserer durchstrukturierten, statischen Landschaft. Der gemeine Thymian macht da mit seinen bienendurchsummten Teppichen in Rosa, Lila, Weiß schon mehr her.

Großes Kino ist der Braune Sitter. Die seltene Orchidee kommt an sieben Standorten im Brander Revier vor, aber nirgendwo so häufig wie auf der Südböschung dieser versteckten Haldenwiese. Über 1.000 blühende Exemplare hat Olias im Frühjahr bei einem Monitoring gezählt.

Als er 2003 zum ersten Mal hier war, um einen Managementplan für das Flora-Fauna-Habitat zu erstellen, waren es nur einzelne Pflanzen. „Das ist der Verdienst der ehrenamtlichen Helfer des Nabu und des Naturschutzinstituts“, sagt er. Mindestens einmal im Jahr treffen sie sich mit Astscheren und Mähern im Schutzgebiet, um die Wiese freizuhalten.

Ansässige nennen sie liebevoll "Heide"

Würden sie das nicht tun, hätten Lupinen, Goldrute und Pappeln das Biotop längst überwuchert und den zwergwüchsigen Schwermetallgesellschaften Licht und Luft genommen. Eigentlich tun die Naturschützer damit nichts anderes, als die natürliche Entwicklung auszubremsen. Um die seltenen Arten zu erhalten, sichern sie ihnen den Status quo. „Natürlich könnte man alles einfach wachsen lassen. Aber das würde eine Artenverarmung nach sich ziehen“, sagt Ihl.

Erneuter Ortswechsel. Rauchblöße. Der Name des Hügels bei Muldenhütten sagt eigentlich schon alles. Hüttenbetrieb gibt es hier seit 1318. Über Jahrhunderte trug Regen die Abgase auf den gegenüberliegenden Hang. Arsen, Kadmium, Blei diffundierten in den Boden, reicherten sich in den oberen Erdschichten an, bis alle ortsüblichen Pflanzen den Geist aufgaben. Auf Luftbildern lässt sich erkennen, welchen Weg der Wind hier hauptsächlich einschlägt. Der Rauch hinterließ die Erde dort bloß, kahl, nackt.

Wo der zarte Wiesen-Lein wächst, sind die Böden karg und mager.
Wo der zarte Wiesen-Lein wächst, sind die Böden karg und mager. © Ronald Bonß

Fast. Denn selbst für solche extrem lebensfeindlichen Gebiete hat die Natur etwas im Überraschungsköfferchen. Pfeifengras und Heidekraut sind so schwermetalltolerant, dass sie hier gedeihen. Wenige Bodenflechten schaffen das auch. „Es sind große Heideflächen entstanden, die man so im Erzgebirge nicht vermuten würde“, sagt Olias.

Ortsansässige nennen die Fläche liebevoll ihre Hilbigsdorfer Heide. „Sie müssen wiederkommen, wenn das Heidekraut blüht. Das ist eine Pracht“, schwärmt ein Rentnerpaar mit Hund. Besondere Schmetterlinge wie der violette Feuerfalter fühlen sich dann auch wohl. Zur Pflege der Heide dienen andernorts Schafe. Die Schwermetalle würden sich in ihrem Fleisch anreichern, das damit unverkäuflich wäre. Deshalb müssen Olias‘ Freiwillige gelegentlich ran, um Birken und Traubenkirschen auszuschneiden, die sich ansiedeln, sobald ein Fitzelchen Humus entstanden ist.

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Das Hüttenwerk in Muldenhütten thront über einer Flussschleife der Freiberger Mulde. Schlackeberge fallen steil zum Wasser hin ab. Auch darin sind Reste toxischer Schwermetalle enthalten. „Bis 1990 war die Mulde klinisch fast tot“, sagt Olias. Heute kann man Forellen beobachten, mit Glück sogar Eisvögel. Riesige Gesteinsquader stützen das Ufer und verhindern, dass das giftige Zeug das Wasser wieder kontaminiert. An den Hängen halten sich Büschel von Pfeifengras. Heidekrautsträucher tupfen Grün ins Schlackegrau. Sie sind Leben in der Mondlandschaft.

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