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Die große Abzocke bei Senioren aus Sachsen

Jahrelang haben zwei Geschäftsleute Vitaminpillen und Gewinnspiele vertickt. Wer sie sucht, stößt nicht nur auf einen Briefkasten mit 94 Firmennamen.

Von Tobias Wolf & Ulrich Wolf
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Auch mit Monatsabonnements für nutzlose Vitaminpillen haben zwei Dresdner Geschäftsleute alten Leuten das Geld aus der Tasche gezogen.
Auch mit Monatsabonnements für nutzlose Vitaminpillen haben zwei Dresdner Geschäftsleute alten Leuten das Geld aus der Tasche gezogen. © kairospress

Dresden. Gertrud Müller* ist 84 Jahre alt geworden. Dass sie im Sommer 2020 von der Palliativstation einer Dresdner Klinik nicht wieder in ihren Wohnblock in der Altstadt zurückkehren sollte, das wird ihrer Nichte Bianca* im Frühsommer 2020 klar. Jahrelang hatte sie sich um die Seniorin gekümmert. Dass ihr Tod sie noch ein Jahr später beschäftigen würde, das allerdings hatte Bianca Müller nicht erwartet.

Zur Hinterlassenschaft gehören sechs Verträge, die ihre Tante in den vergangenen fünf Jahren mit drei Dresdner Firmen geschlossen hatte: Die erste hieß GF-Naturprodukte, die zweite Rabatt Club Plus und die dritte Regio Plus. Alle drei Firmen residierten unter der gleichen Adresse, alle hatten die gleichen Geschäftsführer. „An die zahlte Tante Gertrud 315 Euro“, erzählt Bianca Müller. „Monat für Monat. Für Rubbellose, Gewinnspiele, Handyverträge und angebliche Vitaminpillen.“ Sämtliche Verträge liefen 24 Monate und verlängerten sich automatisch um ein weiteres Jahr, würden sie nicht drei Monate vor Ablauf schriftlich gekündigt.

Ihre Tante erhielt auch sogenannte Quartalreports. Darin sind die Namen von sechs Gewinnern zu entdecken; Namen, die sich seit Anfang 2017 nicht verändert haben. Auch das Foto einer älteren Dame als angebliche Millionengewinnerin ist immer das gleiche. Auf einem vermeintlichen Einkaufsgutschein über 50 Euro bei Rewe steht im Kleingedruckten: „Die Rewe Group ist weder Veranstalter noch Sponsor dieser Verlosung und steht mit Rabatt Club UG in keiner geschäftlichen Beziehung.“

Angeblich gezogene Gewinnzahlen für "Rentenmillionen" gab es einmal im Quartal nachzulesen: mit jahrelang unveränderten Namen von vermeintlichen Gewinnern.
Angeblich gezogene Gewinnzahlen für "Rentenmillionen" gab es einmal im Quartal nachzulesen: mit jahrelang unveränderten Namen von vermeintlichen Gewinnern. © kairospress

Das dreist wirkende Vorgehen, es hat viel zu tun mit zwei Herren aus Dresden, die es jahrelang auf das Geld von Seniorinnen und Senioren absahen, sich dabei eines schwer zu durchschauenden Firmengeflechts bedienten, so gut wie nie erreichbar waren und damit der Verbraucherzentrale Sachsen jede Menge Arbeit bescherten.

Auch Bianca Müller hat mit diesem Geschäftsgebaren länger zu tun. Die Tante liegt bereits auf dem Friedhof, da kommt noch ein Paket mit angeblichen Gesundheits-Pillen. Auf den Plastikdöschen ohne Herstellerangaben stehen Namen wie Gute-Augen-Kapseln, Starke-Gelenke-Kapseln, Gutes-Gedächtnis-Kapseln oder Vital-Kapseln.

Für die Vital-Kapseln bezahlte Müllers Tante 49,95 Euro pro Monat und erhielt dafür eine Packung mit 180 Stück im Quartal. Kapseln mit vergleichbaren Inhaltsstoffen können Händler zum Preis von ein bis fünf Cent pro Stück einkaufen – macht für 180 Kapseln einen Preis von 1,80 bis 9 Euro. Gertrud Müller bezahlte für die gleiche Kapsel-Menge 149,85 Euro.

Die Pillen schickt Bianca Müller zurück, die Verträge kündigt sie. Doch die Firmen reagieren weder auf Anrufe noch auf Briefe. Als weitere Pakete eintrudeln, widerruft Bianca Müller den Lastschrifteinzug. Das stoppt zwar die Lieferungen, aber nicht die Rechnungen. Alsbald meldet sich ein Inkassounternehmen.

Das verlangt im Mai dieses Jahres rund 640 Euro aus dem Vertrag "Sorte: Basis" für den Gläubiger Rabatt Club Plus UG. Das Geld sei auf ein Konto einer französischen Fintech-Bank in Berlin zu überweisen. Im Juni beträgt die Forderung 645 Euro. „Zahlungen mit schuldbefreiender Wirkung können nur noch direkt an uns erfolgen“, heißt es nun. Insgesamt verlangt die Inkassofirma für alle Verträge der Tante mehr als 3.600 Euro. Müller beschwert sich, schickt eine Sterbeurkunde, droht mit einem Anwalt. Erst seitdem hat sie Ruhe.

Fast 1.500 Euro verlangt die Rabatt Club Plus UG von der bereits im Sommer 2020 in Dresden gestorbenen Gertrud Müller.* Ihre Nichte kümmert sich nun um die Forderungen.
Fast 1.500 Euro verlangt die Rabatt Club Plus UG von der bereits im Sommer 2020 in Dresden gestorbenen Gertrud Müller.* Ihre Nichte kümmert sich nun um die Forderungen. © kairospress

Hinter all dem steckten zwei vorbestrafte Unternehmer aus Dresden. Der eine ist Geschäftsführer einer Immobilienfirma und schreibt auf seiner Internetseite: „Mein Name ist Marc Alzen. Ich bin gerade auf der Reise meines Lebens durch Südostasien! Zum sechsten Mal zieht es mich jetzt schon nach Thailand, Singapur & Co. Dieses Mal wird es aber eine ausgedehntere kleine Weltreise.“ Auf Facebook demonstriert der 40-Jährige gebürtige Meißner seine Leidenschaft fürs Angeln. Der andere heißt Michael Kühn, ist 38 Jahre alt und verwendet viel Energie darauf, unentdeckt zu bleiben: sowohl im realen Leben wie auch in der virtuellen Welt.

Beide gründeten im Oktober 2009 das Direktvertriebsunternehmen Mobile Generations Network GmbH, kurz MGN. Dessen Mitarbeiter riefen vor allem Senioren an, um ihnen „Monatskuren für Premium-Gesundheitsprodukte“ oder Gewinnspiel-, Handy- oder Stromsparverträge anzubieten. Ein der SZ vorliegendes Dokument „Auswertung Callcenter Herr Alzen“ zeigt, dass seinerzeit drei Mitarbeiter in einer Woche Monatsabonnements im Wert von 3.100 Euro verkauften.

Bei Bianca Müllers Tante soll es ein Mann mittleren Alters gewesen sein, wohl ein Vertreter, der immer persönlich vorbeikam. Er soll eine „richtig einnehmende Art“ gehabt haben, habe über Gott und die Welt geplaudert und manchmal sogar ein Stück Kuchen dabeigehabt. Vor allem einsame Senioren könnte dieser Zuspruch dazu verleitet haben, Verträge zu unterzeichnen, vermutet Bianca Müller.

Bis 2020 hatte die MGN ihren Sitz in einer Straße in Dresden-Laubegast nahe der Elbe, nur ein paar Autominuten von Alzens Wohnadresse entfernt. In dem Geschäftshaus hatte man ein Büro im ersten Stock gemietet. Die Fenster sind immer noch mit dem Firmennamen beschriftet.

Wer nach Marc Alzen im Internet sucht, stößt auf diesen Reiseblog. Das wirkt aktuell gemacht, man vermutet ihn in Südostasien.
Wer nach Marc Alzen im Internet sucht, stößt auf diesen Reiseblog. Das wirkt aktuell gemacht, man vermutet ihn in Südostasien. © Screenshot SäZ

„Die sind weg“, sagt ein Nachbar. „Vor einem Jahr, von heute auf morgen.“ Die Chefs seien dort ohnehin kaum zu sehen gewesen, „nur junge Frauen, wohl die Telefonistinnen, und eine ältere Dame mit einem kleinen Hund.“ Das sei eine Sekretärin gewesen. „Meine Mutter hat von denen auch Verträge“, sagt er. „Handy und Strom. Sie versucht immer noch, da herauszukommen.“ Der Nachbar ist überzeugt, dass hier betrogen wurde. „Das war schon echt krass, wie viele hier schon im Hof gestanden haben, um sich zu beschweren.“

Zufällig stellt gerade ein Bote die Post zu. Er sagt, manchmal seien in den vergangenen Jahren bis zu zehn Einschreiben gekommen. Noch immer gehe Post an diese Adresse. Er zeigt einen Brief aus Rothenburg/O. L., der an die Rabatt Club Plus UG gerichtet ist. „Diese Firma hatte hier ebenfalls ihren Sitz, der geht jetzt als unzustellbar zurück.“

MGN, Rabatt Plus, Regio Plus, GF-Naturprodukte, Sparenergie – all das sind Firmen, die Alzen und Kühn gemeinsam gegründet haben. Und die bei der Verbraucherzentrale Sachsen hinlänglich bekannt sind.

Deren Juristin Beate Saupe erzählt, die ersten Beschwerden rund um das Duo Kühn/Alzen habe es ab 2015 gegeben. „Die Zahl der Fälle stieg dann rasch auf rund 200 an“. Oft seien es die Kinder älterer Leute gewesen, die sich gemeldet hätten.

Anfang 2016 zeichnen die Verbraucherschützer die MGN mit dem Negativpreis „Prellbock“ aus. In der Jurybegründung hieß es, die Firma habe insbesondere ältere Menschen durch eine schamlose Kaltakquise am Telefon abgezockt. Es sei „mit elementaren Kernthemen wie Leben und Gesundheit auf fragwürdige Weise Geld gemacht“ worden.

Bereits Anfangs 2016 übergab die ehemalige Geschäftsführerin von Sachsens Verbraucherzentrale, Andrea Heyer, den Negativpreis "Prellbock" an die MGN GmbH in Dresden.
Bereits Anfangs 2016 übergab die ehemalige Geschäftsführerin von Sachsens Verbraucherzentrale, Andrea Heyer, den Negativpreis "Prellbock" an die MGN GmbH in Dresden. © Agentur

2016 und 2018 untersagten Landgerichte in Dresden und Leipzig einige Verkaufspraktiken und Werbeversprechen der MGN. Auch Alzen und Kühn gerieten ins Visier der Justiz. Ein Verfahren wegen des Vorenthaltens von Arbeitsentgelt in 131 Fällen wurde 2014 eingestellt, ein Betrugsverfahren verlief 2016 ebenfalls ergebnislos. Erst 2019 kam es zu einer Verurteilung: Erneut ging es um das Nichtbezahlen von Sozialversicherungsbeiträgen. Alzen muss eine Strafe von 17.500 Euro, Kühn eine von 10.500 Euro zahlen.

Schon drei Jahre vor dem Urteil hatten Alzen und Kühn die MGN in DVM Deutsche Vertriebsmanagement GmbH umbenannt. Es ging weiter um das Vermitteln von Telekommunikations-, Strom-, Gas- und Multimediaverträgen, von Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements und von Nahrungsergänzungsmitteln. Beim zuletzt veröffentlichen Jahresabschluss 2018 stand ein Gewinnvortrag von 229.000 Euro in der Bilanz.

Die Sitze ihrer diversen Firmen verlegte das Duo sukzessive ab 2018 in ein Büro- und Geschäftshaus gegenüber dem Seidnitz-Center. Dort sind an einem einzigen Briefkasten die Namen von 94 Unternehmen aufgeklebt. Der Briefkasten gehört zu einem IT-Systemhaus, dort gibt es unter anderem eine Tür zur Post- und Paketabgabe für die zahlreichen Firmen. Bei der für die Postlieferanten angegebenen Rufnummer meldet sich niemand. Auf Anfrage teilt das IT-Haus mit, man arbeite als Dienstleister für die Firmen, etwa bei Retouren oder dem Scannen der Post. Mehr dürfe man nicht sagen.

Das dürfte Dresdens meist gefragtester Briefkasten sein. Man findet ihn im Stadtteil Seidnitz und ist auch die Adresse für Firmen, die Michael Kühn zuzuordnen sind.
Das dürfte Dresdens meist gefragtester Briefkasten sein. Man findet ihn im Stadtteil Seidnitz und ist auch die Adresse für Firmen, die Michael Kühn zuzuordnen sind. © Ulrich Wolf

Wie all das zusammenhängt, wie man an die Adressen der Senioren gelangt ist oder irgendetwas bereut wird – dazu erhält man weder von Alzen noch von Kühn eine Antwort. Dabei ist es durchaus möglich, dass zumindest Alzen ausgestiegen ist aus dem Geschäft mit dem Direktvertrieb. Wegbegleiter geben an, das Urteil von 2019 habe ihn geläutert.

Tatsächlich trennte sich Alzen im zweiten Halbjahr 2020 von allen Firmen, die er bis dahin gemeinsam mit Kühn geführt hatte. Fortan konzentrierte er sich offensichtlich auf das 2014 gegründete Immobilienunternehmen Imaro, das er mit einem anderen Kompagnon leitet. Die Firma verwaltet mehrere Häuser in der Region Dresden. Ihr Jahresabschluss 2019 weist eine Bilanzsumme von 4,6 Millionen Euro aus und einen Gewinn von 135.500 Euro. Waren die Profite aus dem Direktvertrieb die Grundlage für diesen geschäftlichen Erfolg?

Mails zu diesen und anderen Fragen lässt die Imaro-Geschäftsführung unbeantwortet. Am Telefon heißt es nach der namentlichen Vorstellung: „Ja, vielen Dank, auf Wiedersehen!“ Dabei tourt Alzen, anders als auf seiner Internetseite angegeben, mitnichten durch Südostasien.