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„Das schreit nach Veränderungen“

Der Dresdner Professor Joachim Kugler erklärt, warum viele Patienten gar nicht in die Klinik müssten.

In deutschen Krankenhäusern ist die durchschnittliche Liegedauer der Patienten höher als in anderen Ländern.
In deutschen Krankenhäusern ist die durchschnittliche Liegedauer der Patienten höher als in anderen Ländern. © Christoph Soeder/dpa

Kaum jemand kennt sich im deutschen Gesundheitswesen so gut aus wie Joachim Kugler (62 Jahre). Der Professor leitet seit 1999 den Lehrstuhl Gesundheitswissenschaften/Public Health an der TU Dresden und hat maßgeblich zum Erfolg der Krankenhausführer der Sächsischen Zeitung beigetragen. Sein Standpunkt: Es geht nicht darum, dass es den Krankenhäusern gut geht, sondern den Patienten.

Herr Professor Kugler, woran kranken unsere Krankenhäuser?

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Wenn man Deutschland mit anderen Staaten vergleicht, dann haben wir zu viele Krankenhäuser. Die durchschnittliche Liegedauer der Patienten ist höher als anderswo, ohne dass die Menschen dort früher sterben. Und in den Krankenhäusern werden zu viele Patienten behandelt, die auch gut ambulant versorgt werden könnten.

Patienten kommen unnötigerweise ins Krankenhaus?

Ja. Das sieht man vor allem an den sogenannten Kurzliegern, also Patienten, die nur ein bis drei Tage im Krankenhaus sind. Ihr Anteil ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen, jetzt ist es schon jede zweite stationäre Aufnahme.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Bei Krankenhäusern dreht sich alles um Betten und Auslastung. Um die vorhandenen Betten auszulasten, braucht man Patienten. Hier kommen die Notfallambulanzen ins Spiel. Anders, als es der Name vorgibt, tauchen hier auch viele weniger dringliche Fälle auf. Weil der Betrieb dieser Ambulanzen aber sehr schlecht vergütet wird, stehen die Ärzte unter Druck, einen Teil der Patienten auch bei harmlosen Diagnosen in die Klinik einzuweisen. Fachleute sprechen von einer Konversionsrate, die schon mal bei 50 Prozent liegen kann.

In Sachsen werden deshalb Portalpraxen eingerichtet, wo ein Kassenarzt bereits bei der Anmeldung dringliche und weniger dringliche Fälle trennt.

Wenn es so funktionieren würde, dann wäre das gut. In der Praxis ist es aber nach meinem Wissen oft so, dass die weniger dringlichen Fälle ohne Behandlung nach Hause geschickt werden mit dem Hinweis, sich am nächsten Tag beim Haus- oder Facharzt vorzustellen.

Prof. Joachim Kugler
Prof. Joachim Kugler © privat

Bei aller Kritik: In der Corona-Pandemie hat sich unser Krankenhaussystem doch bewährt.

Das ist auch so ein Irrglaube. Nicht die Krankenhäuser haben Corona besiegt, sondern die Disziplin der Menschen und die Impfungen. Gerade mal ein Viertel der Krankenhäuser hat zwei Drittel aller Covid-19-Patienten behandelt.

Wie viele Krankenhäuser in Sachsen sind überflüssig?

Das kann man so nicht sagen. In Dresden und Leipzig gibt es eine Überversorgung, aber hier sind auch die Speckgürtel zu berücksichtigen. Für eine Reihe von kleinen Häusern in öffentlicher Hand ist die Lage ernst, und wenn nichts passiert, werden sich die Kommunen das nicht mehr leisten können. Ganz abgesehen vom Fachkräftemangel. Aber klar ist auch: Wenn es kein Krankenhaus mehr gibt, ist die Region abgehängt.

Was schlagen Sie vor?

Netzwerke sind eine gute Möglichkeit, um Synergien zu schaffen – sei es beim Einkauf, bei Rechenzentren, beim Personal. Was spricht denn dagegen, wenn mehrere Krankenhäuser einen Pool an Pflegekräften bilden, den sie nach Bedarf einsetzen können? Zurzeit verdienen sich Personaldienstleister damit eine goldene Nase.

Krankenhäuser sind Konkurrenten.

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Die Sachsen werden älter und weniger. Brauchen wir künftig also mehr oder weniger Kliniken? Seit Monaten diskutieren Experten. Nun liegen erste Ideen vor.

Wettbewerb ist ja auch nichts Schlechtes. Aber wenn er zu Lasten der Patienten und Versicherten geht, ist etwas faul. Das System muss ja irgendwie finanziert werden. Nicht nur die Kliniken, sondern auch die Kassen stecken tief im Minus. Das alles schreit nach Veränderungen.

Das Gespräch führte Steffen Klameth.

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