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Schweißen unter Möwengeschrei

Virtual Reality macht's möglich: Im neuen Bildungszentrum des Dresdner Handwerks können Azubis auch mal an einer Ölbohrplattform schrauben.

Der 21-jährige Azubi John Frenz besucht einen Fräs-Lehrgang im neuen Handwerks-Bildungszentrum "Njumii" in Dresden.
Der 21-jährige Azubi John Frenz besucht einen Fräs-Lehrgang im neuen Handwerks-Bildungszentrum "Njumii" in Dresden. © Matthias Rietschel

Dresden. "Ich freue mich eigentlich immer darauf, wenn ich mal für eine Woche nach Dresden darf", sagt Willi Krischer. Mit wenigen Handgriffen lässt der 19-jährige Metallbaulehrling aus Zittau eine 25 Millimeter dicke Aluhülse durch die klobige, grüne Drehmaschine vor ihm gleiten. Am anderen Ende ist die Hülse einen Millimeter dünner, die abgetrennten Aluspäne landen auf einem wollartigen Haufen daneben.

"Die Hülse ist für mein Moped, eine Simson", sagt Krischer. Weil er schon mit den Pflichtaufgaben fertig war, durfte er an diesem Freitagnachmittag kurz vor Feierabend noch an seinem privaten Projekt werkeln.

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Wenn Zeit ist, nutzt der 19-jährige Auszubildende Willi Krischer die Drehmaschine auch mal, um Teile für sein eigenes Moped herzustellen.
Wenn Zeit ist, nutzt der 19-jährige Auszubildende Willi Krischer die Drehmaschine auch mal, um Teile für sein eigenes Moped herzustellen. © Matthias Rietschel

Maschinen zogen von Großenhain nach Dresden

Hier, in einer der rund 30 Werkstätten im neuen Handwerks-Bildungszentrum "Njumii" in der Dresdner Albertstadt, stehen die Dreh-, Bohr-, Fräß- und Schleifmaschinen in Reih und Glied. Die meisten wurden vor zwei Jahren aus Großenhain herbeigeholt, das dortige Handwerkszentrum hatten die Hochwasser der Großen Röder so beschädigt, dass es renovierungsbedürftig geworden war.

So zogen die Werkstätten 2019 eben vom Land in die Stadt, was Ministerpräsident Michael Kretschmer anfangs in Zeiten der Landflucht nicht gerade als positives Zeichen wertete. Nun sei er aber überzeugt: "Es braucht diesen Ort", sagte er bei der Einweihungsfeier am Freitag, die durch Corona fast zwei Jahre zu spät kam.

Denn der Lehrbetrieb ist schon längst in vollem Gange: Im Rahmen der überbetrieblichen Ausbildung kommen Azubis aus verschiedenen ostsächsischen Betrieben wochenweise nach Dresden, übernachten im benachbarten Gästehaus und lernen all das, was ihnen ihre beheimateten Betriebe nicht beibringen können.

"Ein beeindruckendes Gebäude"

Von außen sieht der Neubau mit 7.300 Quadratmetern Nutzfläche durch die vielen schmalen Fenster aus wie ein Strichcode, von oben wie eine eckige Zwei. Die Flure sind lang und hell, sich zu verlaufen ist einfach. Hinter den Türen verstecken sich fabrikhallenartige Werkstätten mit großen Belüftungsschächten unterm Dach, in den Aufsichtskabinen ist ein Ausbilder für zwei Werkstätten gleichzeitig zuständig. "Es ist schon ein sehr beeindruckendes Gebäude", meint Kretschmer.

Das neue Handwerk-Bildungszentrum Njumii - von außen erinnert es an einen Strichcode.
Das neue Handwerk-Bildungszentrum Njumii - von außen erinnert es an einen Strichcode. © Matthias Rietschel

An dem Komplex wurde seit 2017 gebaut, rund 45 Millionen Euro kostete er, 20 Millionen Euro davon kamen von Bund und Freistaat, den Rest trug das Handwerk selbst. Im August 2019 nahm das Zentrum den Betrieb auf, bald soll nun ein Erweiterungsbau folgen, in den auch Teile des Standorts Pirna eingegliedert werden sollen.

Einführung ins Schweißen in Virtual Reality

Njumii - wo der futuristisch anmutende Name des neuen Bildungszentrums herkommt, bleibt beim Gang durch das Gebäude erst einmal ungeklärt. Erst weiter hinten in der Schweißwerkstatt fällt ein mannsgroßer Computer in den Blick, mit der Aufschrift "Virtual Welding" - virtuelles Schweißen.

Die Schutzbrille weicht einer Virtual Reality-Brille, Ausbilder Harald Mogel nimmt den roten Schweißbrenner-Joystick in die Hand und berührt die bankförmige Werkstück-Attrappe. "Wenn ich den Brenner jetzt zum Beispiel zu steil halte, wird die Schweißstelle rot. Das heißt, ich habe einen Fehler gemacht. Und wenn ich drei Fehler hintereinander mache, sagt er: Schade, versuch's nochmal" - und das in beliebiger Sprache. Nachher kann sich der Lehrling seine Schweiß-Performance noch einmal im Replay anschauen.

"Die Auszubildenden können mit dieser videospielartigen Form des Lernens viel mehr anfangen, als wenn ich sage: Du hast das und das falsch gemacht", erklärt Mogel. Ein Stockwerk höher wird es noch verrückter: In einem leeren Raum üben die Lehrlinge das Schweißen an einer virtuellen Auto-Karosserie oder an einer Ölbohrplattform im Meer - inklusive Möwengeschrei und Meeresrauschen. Vor allem Azubis im ersten Lehrjahr werden so spielerisch an die verschiedenen Fertigungstechniken herangeführt.

Den symbolischen Schlüssel übergab Michael Kretschmer einem Roboter - moderne Technologien spielen eine wichtige Rolle im neuen Handwerks-Bildungszentrum.
Den symbolischen Schlüssel übergab Michael Kretschmer einem Roboter - moderne Technologien spielen eine wichtige Rolle im neuen Handwerks-Bildungszentrum. © Matthias Rietschel

Eines der modernsten Handwerks-Zentren in Sachsen

Hinter dem Namen "Njumii" versteckt sich die Philosophie, das eigene Lernen neu zu denken. Der Name leitet sich aus dem Englischen ab: "new me" - das neue Ich. Das Bildungszentrum ist eines der modernsten im Freistaat. Weil das Lernen nie aufhören soll, sind neben den Auszubildenden auch alle anderen praktizierenden Handwerker eingeladen, Kurse zu besuchen. Ausgestattet ist das Zentrum unter anderem für die Bereiche Schmieden, Drehen, Fräsen, Elektro, Blech, Steuerungstechnik, Wasser, Wärme und erneuerbare Energien.

Für letztere gibt es sogar eine eigene Abteilung. Im Energie-Effizienz-Zentrum lässt sich zum Beispiel demonstrieren, wie Photovoltaikanlagen in ein Wasserstoffhaus eingebunden werden und mit dem Smart Home verknüpft werden. Ein kleines Demonstrationshaus mit vielen Schaltern hat auch hier einen spielerischen Effekt.

Für Azubi Willi Krischer geht es am Wochenende erst einmal zurück nach Zittau. Doch in der übernächsten Woche kommt er schon wieder - dann geht's in die Nachbarwerkstatt an die Fräsmaschinen, bevor sich sein zweites Lehrjahr dem Ende neigt.

Hier können Sie sich selber einen Eindruck vom Inneren des neuen Handwerk-Zentrums machen: 360-Grad-Einblicke in die Werkstätten

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