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Zeugin im Mordprozess gegen Ex-Stasi-Mitarbeiter aus Leipzig: Schuss von hinten

Vor 50 Jahren wurden am DDR-Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße in Ost-Berlin damalige westdeutsche Schülerinnen Augenzeuginnen eines unfassbaren Vorfalls. Nun berichteten sie vor Gericht davon.

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Der  Angeklagte aus Leipzig soll 1974 einen polnischen Staatsbürger am damaligen Grenzübergang Bahnhof Berlin-Friedrichstraße aus einem Versteck heraus heimtückisch erschossen haben.
Der Angeklagte aus Leipzig soll 1974 einen polnischen Staatsbürger am damaligen Grenzübergang Bahnhof Berlin-Friedrichstraße aus einem Versteck heraus heimtückisch erschossen haben. © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Berlin/Leipzig. Rund 50 Jahre nach einem tödlichen Schuss auf einen Polen am DDR-Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße in Ostberlin haben damalige Schülerinnen vor dem Berliner Landgericht ihre Erinnerungen geschildert.

In dem Prozess gegen einen Ex-Stasi-Mitarbeiter wegen Mordes sagte am Donnerstag eine 65-jährige Zeugin aus Hessen: "Vor unseren Augen wurde ein Mann erschossen." Von hinten sei ein Mann, der einen dunklen Mantel und Sonnenbrille trug, an einen anderen Mann herangetreten, habe eine Pistole gezogen und geschossen, sagte die damalige westdeutsche Schülerin.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem inzwischen 80 Jahre alten Angeklagten aus Leipzig vor, dem 38 Jahre alten Opfer am 29. März 1974 aus zwei Meter Entfernung gezielt von hinten in den Rücken geschossen zu haben. Der Deutsche soll zur Tatzeit einer Operativgruppe des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit angehört haben und mit der "Unschädlichmachung" des Polen beauftragt worden sein. Der 38-Jährige soll zuvor versucht haben, seine Ausreise nach West-Berlin mit einer Bombenattrappe zu erzwingen. Der Angeklagte hatte zu Prozessbeginn vor drei Wochen geschwiegen. Seine Verteidigerin erklärte, ihr Mandant bestreite den Vorwurf.

Die Zeugin war mit ihrer Schulklasse in Berlin, am Tattag hatten die Zehntklässler Ost-Berlin besucht und wollten zurück in den West-Teil der damals geteilten Stadt. Sie und zwei Mitschülerinnen hätten sich am dritten Kontrollpunkt befunden, als es zu dem Geschehen kam. Der Mann im Mantel habe hinter einer Glastür mit Drahtgeflecht gestanden. Als der andere Mann, der eine Tasche bei sich hatte, die Kontrolle passiert hatte und in einen Durchgang trat, sei ein Schuss befallen. Danach habe sich sofort das Tor geschlossen. Aus ihrer Sicht sei alles "sehr gut durchorganisiert" gewesen.

Entscheidender Hinweis auf Schützen aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv

Zuvor hatte eine 66-Jährige aus Hessen erklärt, sie könne nicht mehr sagen, ob sie eine Waffe gesehen haben. Bei einer Aussage im April 1974 in Hessen hatte sie zu Protokoll gegeben: "Ich habe gesehen, dass der Mann hinter dem Gitter eine Waffe in der Hand hielt." Im Prozess sagte diese Augenzeugin, sie habe nur noch "das Bild vor Augen, wie sich ein Mann an den Rücken greift und zusammensackt."

Die Ermittlungen zu dem Fall kamen über viele Jahre nicht voran. Laut Staatsanwaltschaft gab es erst 2016 einen entscheidenden Hinweis zur Identität des Schützen aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv. Zunächst ging die Behörde nach Angaben eines Sprechers jedoch von einem Totschlag aus. In diesem Fall wäre die Tat verjährt gewesen. Inzwischen sieht die Staatsanwaltschaft jedoch das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt. Der Prozess wird am 18. April fortgesetzt. (dpa)