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Sachsen wird Hotspot für Plastik-Recycling

Beim Dow-Konzern in Böhlen entsteht Europas größte Anlage für eine neue Kreislaufwirtschaft mit aussortiertem Kunststoff.

Von Sven Heitkamp
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Blick auf das Gelände von Dow-Chemical südlich von Leipzig. Dort soll ab dem Jahr 2025 eine chemische Recyclinganlage in Betrieb gehen.
Blick auf das Gelände von Dow-Chemical südlich von Leipzig. Dort soll ab dem Jahr 2025 eine chemische Recyclinganlage in Betrieb gehen. © dpa/Sebastian Willnow

Am Böhlener Standort des US-Chemiekonzerns Dow soll Europas größte chemische Kunststoffrecyclinganlage entstehen. Das britische Recyclingunternehmen Mura Technology werde in Zusammenarbeit mit Dow auf dem Werksgelände im Süden von Leipzig die erste Anlage für chemisches Kunststoff-Recycling in Deutschland und die größte Anlage ihrer Art in Europa errichten, kündigten beide Unternehmen am Mittwoch bei einem Vor-Ort-Termin an.

Mit dem eigens entwickelten Verfahren sollen unterschiedliche Kunststoffe, die bisher als nicht recycelbar galten, mit bis zu 500 Grad heißem Wasserdampf und unter 200 bar Druck wieder in ihre ursprünglichen Öle und Chemikalien umgewandelt werden. Danach würden sie in den Anlagen von Dow direkt zu neuen Kunststoffen verarbeitet. Auch diese Materialien seien wiederum recycelbar. Auf diese Weise könne eine geschlossene Kreislaufwirtschaft für Plastik geschaffen werden, betonte Katja Wodjereck, Vorstandschefin von Dow Deutschland. Mit der Anlage werde ein Meilenstein für nachhaltigen Fortschritt und Innovation gesetzt.

Das Verfahren, das Mura Technology selbst entwickelt hat, solle das bisherige mechanische Recycling nicht ersetzen, sei aber eine wichtige Ergänzung. Der recycelte Rohstoff, der aus Plastikmüll gewonnen wird, reduziere die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und ermögliche es, einen recycelten Kunststoff zu produzieren, so Wodjereck. Dieser werde von globalen Marken und Märkten stark nachgefragt, insbesondere für Verpackungen mit Lebensmittelkontakt und medizinischen Anwendungen. Das nachhaltige Recycling spare im Vergleich zur Verbrennung 1,5 TonnenCO2 pro Tonne Kunststoff ein.

Mehr als 100 neue Jobs entstehen

Bis zu 120.000 Tonnen aussortierten Kunststoffs sollen künftig in Böhlen verarbeitet werden. Das Plastik soll aus dem normalen Hausmüll, aus dem Dualen System Deutschland mit seinen gelben Säcken und gelben Tonnen sowie aus Gewerbemüll kommen, sagte Oliver Borek von Mura Technology. Der Rohstoff werde von Unternehmen im Dreieck zwischen Leipzig, Dresden und Berlin vorsortiert eingesammelt und in mehr als 300 Ballen am Tag von Lkws angeliefert. Voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2025 solle die Böhlener Anlage in Betrieb gehen, kündigte Borek an. Mehr als 100 neue Jobs sollten mit der Großinvestition entstehen. Die Investitionskosten wurden offiziell nicht beziffert, die Rede ist aber von fast 200 Millionen Euro.

In den kommenden Jahren planen Dow und Mura den Aufbau weiterer Anlagen in Europa und den USA. Bereits voriges Jahr hatten die Unternehmen den Bau einer ersten chemischen Recyclinganlage im nordenglischen Teesside begonnen. Sie soll kommendes Jahr in Betrieb gehen, hat aber nur eine Kapazität von 20.000 Tonnen pro Jahr – ein Sechstel des Böhlener Standorts. Ziel von Mura sei es, bis 2025 Recycling-Kapazitäten für eine Million Tonnen Kunststoff in Betrieb zu nehmen oder in der Entwicklung zu haben, so Borek.

„Wir müssen handeln mit Blick auf fossile Brennstoff, CO2 und die ungebremste Flut von Plastikabfällen an Land und am Meer“, sagte Dow-Chefin Wodjereck weiter. „Entscheidend ist, dass Plastikmüll nicht in die Umwelt gelangt, sondern sinnvoll wiederverwertet wird.“ In Böhlen könnten die recycelten Rohstoffe direkt in der Produktion wiedereingesetzt werden.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bezeichnet die Ansiedlung als großen Erfolg für den Industrie- und Innovationsstandort Sachsen. Chemisches Recycling sei eine Schlüssel-Technologie für eine ressourcenschonende, klimaneutralen Kreislaufwirtschaft. „Den Wandel zur CO2-Freiheit werden wir nur mit Innovation und Technik schaffen“, so Kretschmer.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer am Mittwoch auf dem Gelände von Dow-Chemical südlich von Leipzig.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer am Mittwoch auf dem Gelände von Dow-Chemical südlich von Leipzig. © dpa/Sebastian Willnow

Die Kooperation von Dow und Mura schaffe damit zukunftsfähige Arbeitsplätze und unterstütze zugleich den Strukturwandel in der mitteldeutschen Kohleregion.

Der Dow-Konzern ist spezialisiert auf Kunststoffe, Beschichtungen und Silikone. Er betreibt mehr als 100 Produktionsstandorte in 31 Ländern und beschäftigt weltweit nach eigenen Angaben mehr als 35.000 Mitarbeiter. In Mitteldeutschland, wo Dow seit Anfang der 90er-Jahre aktiv ist, sind es an den vier Standorten Böhlen, Leuna, Schkopau und Teutschenthal etwa 1.500 Beschäftigte.