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Slow Flower erobert Sachsen

Eine neue Gärtnerbewegung besinnt sich auf Pflanzen aus regionalem, saisonalem Anbau. Vorreiterin Claudia Keller aus Görlitz erzählt, was daran so toll ist.

Erntezeit im „Sonnengarten“ in Görlitz: Claudia Keller hat prächtigen Feldrittersporn und Muskateller Salbei geschnitten.
Erntezeit im „Sonnengarten“ in Görlitz: Claudia Keller hat prächtigen Feldrittersporn und Muskateller Salbei geschnitten. © kairospress

Pünktlich zum Besuch im „Sonnengarten“ öffnen sich die Himmelsschleusen: Es gießt und pladdert, Blasen bilden sich in Pfützen. Claudia Keller strahlt aus blauen Augen. „Endlich Gärtnerwetter“, sagt sie zur Begrüßung und lädt ein zum nassen Rundgang durch ihre grüne Manufaktur am Stadtrand von Görlitz.

Der Ort hat eine besondere Energie. Mächtige Eichen weisen den Weg zu einem alten Gutshaus. Putz hat sich vor langer Zeit großflächig von der Wand gelöst. Dahinter erstreckt sich ein terrassierter Hang mit Gewächshäusern und langen Beeten. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts wird hier ununterbrochen Landwirtschaft und Gartenbau betrieben. 1848 legten Kunstgärtner Herbig und Carl Richtsteig, später Oberbürgermeister der Stadt, einen pomologischen Garten mit Gewächshäusern und einer umfangreichen Sammlung von Obstsorten an. „Er war der erste Ananaszüchter in der Görlitzer Region“, schreibt Michael Schlitt von der Oberlausitz-Stiftung über das Gartendenkmal.

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Auch heute ist der geschichtsträchtige Ort etwas Besonderes. Claudia Keller, die die alte Gärtnerei 2020 übernommen hat, baut hier 250 verschiedene Bio-Schnittblumenarten im Freiland und aus eigenem Saatgut gezogene Gemüse-, Kräuter- und Staudenjungpflanzen an. Sie ist der Slow-Flower-Bewegung beigetreten – als eine von drei Sächsinnen.

Slow Flower ist ein Netzwerk von Gärtnern, Floristen und Farmerfloristen, die die Blumen selbst binden, die sie anbauen. Es ist ein Verein in Gründung. Seit dem ersten Treffen im März 2019 hat die Bewegung stetigen Zulauf. „In der vergangenen Woche haben wir unser 100. Mitglied aufgenommen“, sagt Gründungsmitglied Chantal Remmert aus Leipzig. Die Frauen und Männer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wollen regionale, saisonale Schnittblumen frei von Pestiziden und Giften herstellen. Sie düngen nur mit organischem Material, verzichten komplett auf den Einsatz genmanipulierter Pflanzen, lassen Steckmasse und Einmalplastikverpackungen weg. So gut es geht, wirtschaften sie in Kreisläufen, verwenden Nützlinge bei Schädlingsbefall und Pflanzensud zur Stärkung von Mickerlingen. Das braucht Zeit. Geduld. Beobachtungsgabe. Verständnis für Pflanzen, Bodenverhältnisse, Witterung. Das braucht vor allem Idealismus. „Wir arbeiten mit traditionellen Techniken, die kurz vor dem Verschwinden sind. Das ist harte Handarbeit“, sagt Chantal Remmert. Die Landschaftsarchitektin baut ihre Slow Flowers im Leipziger Osten an. „Vor der Wende gab es etwa 300 Gärtnereien in der Stadt“, sagt sie. Die Gelben Seiten listen jetzt nicht einmal 30.

Wie eine kleine Sonnenblume - der Sonnenhut: Herbstwald heißt diese Sonnenhut-Sorte. Die Sommerstauden gibt es auch in strahlendem Gelb.
Wie eine kleine Sonnenblume - der Sonnenhut: Herbstwald heißt diese Sonnenhut-Sorte. Die Sommerstauden gibt es auch in strahlendem Gelb. © kairospress

Die deutschen Gärtnereien produzieren nicht einmal ein Fünftel der Schnittblumen, die hier gekauft werden. 85 Prozent werden aus den Niederlanden importiert, der Rest aus Afrika, Lateinamerika und Asien, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Die holländischen Großhändler wiederum beziehen mindestens ein Drittel der Ware aus den dortigen Entwicklungsländern. Rosen kommen aus Kenia, Sambia und Zimbabwe, Nelken aus Kolumbien und Kenia, Orchideen meist aus Thailand. Während in Deutschland streng geregelt ist, welche Pestizide eingesetzt werden dürfen, gibt es solche Vorgaben in den Billiglohnländern nicht. Zum Teil kommen Mittel zum Einsatz, die in Europa längst verboten sind. Schutzmaßnahmen bei der Anwendung der Pflanzengifte werden selten eingehalten. Die Folge: Die Arbeiter, zu zwei Dritteln Frauen, aber auch Kinder, bekommen Kopfschmerzen, Schwindel, klagen über Atembeschwerden, Ekzeme. Das geht bis hin zu Nervenleiden, Fehlgeburten und Krebs, informiert die Verbraucherinitiative Bundesverband. Will man einen Brautstrauß haben, dessen Blüten so angebaut und geerntet wurden?

Der Regen trommelt auf Gewächshausfenster aus den 1960-er Jahren. Emailleschüsseln fangen auf, was sich durch Risse hindurch mogelt. Leises Plätschern neben der Sitzecke aus Paletten. Claudia Keller sitzt auf einem Gartenstuhlkissen mit verwaschenem Muster. „Für mich stellt sich auch die Frage: Wie will ich arbeiten? Kann ich meine Produkte guten Gewissens verkaufen?“, sagt die 38-jährige Gartenbauingenieurin. Für sie ist es inmitten der Klimakrise nur eine Frage der Zeit, bis sich das Bewusstsein für Bio-Schnittblumen durchsetzt – und Kunden auch auf vermeintlich Nebensächliches achten. Auf Verpackungen zum Beispiel: Es gibt verrottbare Pflanztöpfe, die nicht halten, was sie versprechen, Modelle aus Kokosfasern, die zu teuer sind. Keller hat sich für Töpfe aus recyceltem Plastik entschieden. Große Sträuße wickelt sie in den Tagesspiegel, für mittelgroße und kleine Gebinde reicht die ausgelesene SZ der Eltern und Nachbarn.

Wie eine Orchidee - der Feld-Rittersporn: Die zarten Blüten des Feldrittersporns gibt es von tiefem Blau über Lila bis Rosa. Er ist eine tolle Trockenblume.
Wie eine Orchidee - der Feld-Rittersporn: Die zarten Blüten des Feldrittersporns gibt es von tiefem Blau über Lila bis Rosa. Er ist eine tolle Trockenblume. © kairospress

Ina Richter aus Brand-Erbisdorf ist die dritte Sächsin, die sich der Slow-Flower Bewegung angeschlossen hat. „Als gelernte DDR-Bürgerin hat mich die Fülle in den Blumenläden kurz nach der Wende begeistert. Aber irgendwann habe ich mich gefragt: Wo kommen die Rosen im Winter eigentlich her? Und mir hat ihr Duft gefehlt“, sagt sie. Nun baut sie Blumen an, die mit unseren klimatischen Verhältnissen bestens zurechtkommen und schon im Bauerngarten ihrer Oma wuchsen: Sonnenhut zum Beispiel, Ringel- und Glockenblumen, Bartnelken, Gladiolen. In viele Blumenläden finden sie kaum Eingang, weil die meisten Kunden sie „nur als Gartenblumen ansehen“, sagt Sylke Nagel, Präsidentin des sächsischen Floristenverbandes. „Oft fehlt die Wertschätzung“, weiß sie. „Aber ihr Anbau macht viel Arbeit, und sie halten sich bei richtiger Pflege bis zu zehn Tage“, sagt Ina Richter. Wer länger etwas von seinem Strauß haben möchte, wechselt gelegentlich das Wasser und schneidet die Stiele an, denn die Blumen veröden die Schnittstellen und verschließen die Kapillaren.

„Bei aller Bio- und Ökoromantik müssen wir trotzdem wirtschaftlich sein“, sagt Keller. Zumal keiner der Slow-Flower-Betriebe in den Genuss von Agrarsubventionen kommt. Die meisten sind über Social Media sehr aktiv, versuchen, mit Design und besonderen Blütenarrangements Kunden anzusprechen. Sie vermarkten ihre Produkte selbst in der Gärtnerei oder auf Wochenmärkten. Das spart Transport- und Lagerkosten, macht Kühlhäuser unnötig. Chantal Remmert sagt: „Erfahrungsgemäß sind unsere Blumen nicht teurer als die beim Floristen.“

Hält sich länger als Gerbera - die Zinnie: Zinnien sind farbenfroh und blühfreudig. Die Korbblütler durften früher in keinem Bauerngarten fehlen.
Hält sich länger als Gerbera - die Zinnie: Zinnien sind farbenfroh und blühfreudig. Die Korbblütler durften früher in keinem Bauerngarten fehlen. © kairospress

Der „Sonnengarten“ von Claudia Keller wirft inzwischen so viele Schnittblumen ab, dass sie sie an Blumenläden im Landkreis Görlitz oder auch über dessen Grenzen hinaus verkaufen kann. Eine Marktlücke. „Uns ist im Interesse der Kunden und unserer Mitglieder sehr an nachhaltig und ökologisch einwandfreien Schnittblumen und Pflanzen gelegen“, erklärt Nicola Fink vom Bundesverband der Deutschen Floristen. Aber es gibt kaum welche. So ist kein einziger der über 300 Mitgliedsbetriebe des Mitteldeutschen Gartenbauverbandes bio-zertifiziert. Denn dieser Prozess ist aufwendig und teuer. „Aber die Gärtnereien sind natürlich bestrebt, immer weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen“, sagt Geschäftsführer Tobias Muschalek. „Wir bauen zunehmend auf Nützlinge.“ Natürlich gibt es auch in den Entwicklungsländern Produzenten, die auf faire Löhne und bessere Arbeitsbedingen achten. Sie labeln ihre Produkte an den Großverpackungen entsprechend mit Siegeln wie „Fairtrade“ oder „TransFair“. Aber an den gebundenen Sträußen im Laden ist das nicht zu sehen. „Das geht dann nur über das direkte Gespräch“, sagt Sylke Nagel. „Allerdings heißt fair gehandelt auch fair gezahlt“, spielt sie auf die höheren Preise an.

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