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Wo Gottfried Silbermann seine erste und letzte Orgel baute

Eine Wanderung auf den Spuren des Orgelbaumeisters rund um dessen erzgebirgische Heimatstadt Frauenstein. Erster Teil der Serie "Pfad-Finder".

Durch diesen Bogen führt der Silbermann-Pfad am Schloss Frauenstein oberhalb von Gottfrieds Heimatstadt. Dort erinnert seit 1983 ein Museum an den berühmten Orgelbaumeister.
Durch diesen Bogen führt der Silbermann-Pfad am Schloss Frauenstein oberhalb von Gottfrieds Heimatstadt. Dort erinnert seit 1983 ein Museum an den berühmten Orgelbaumeister. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Er ist in vieler Ohren, doch von ihm selbst ist wenig Privates bekannt: Orgelbaumeister Gottfried Silbermann (1683 – 1753). Es gibt kein Porträt, aber 31 erhalten gebliebene Instrumente der königlichen Art von ihm. Dank dieser gilt Sachsen als eine der reichsten und schönsten Orgellandschaften der Welt. Was man aber relativ sicher weiß: Silbermann ist nicht groß gewandert. Dazu war er zu fleißig. Nach Aussage seines Neffen Johann Andreas hatte er keine Zeit, sein Streben war, möglichst viele Aufträge zu erhalten: „Ich habe nur alles machen wollen, nur ich“, so Gottfried. „Dabey er seinen nur auf Lob und Ruhm zielenden Affect erkante“, so Johann Andreas.

Und doch gibt es seit einem Jahr einen Gottfried-Silbermann-Pfad. Dieser verbindet Kleinbobritzsch, den Geburtsort des großen Orgelbaumeisters, mit seiner Heimatstadt Frauenstein und dem Stadtteil Nassau, wo die letzte, von Silbermann komplett geplante, gefertigte und fertiggestellte Orgel steht. Die Strecke ist je nach Wahl der Wege zwischen zehn bis 15 Kilometer lang. Das Gute an ihr: Sie kann ganzjährig erkundet werden. Das geht zu Fuß oder mit robusten Fahrrädern, allein oder mit einer Führung.

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Zwillingslinden weisen den Weg

Der Pfad ergänzt das bereits hervorragend ausgebaute, im Netz detailliert beschriebene und bestens ausgeschilderte Wanderwegenetz der Region. Dieser Service ist kein Wunder: Das kleine, über 800 Jahre alte Erzgebirgsstädtchen mit seinen Stadtteilen ist seit über 100 Jahren staatlich anerkannter Erholungsort. Da bedarf es immer wieder neuer Impulse.

Nun also hat man eben die Orgelfans unter den Naturfreunden bedacht. Doch drei schöne Rastplätze mit großzügigen Spielplätzen an den drei Stationen des Pfades dürften auch Familien ansprechen. So zeugt der Silbermann-Pfad, den der Handwerker-Künstler maximal in Teilstrecken gereist ist, von der Cleverness der Frauensteiner, Fördermittel einzuwerben. Oder, um es mit Brecht zu sagen: Die Frauensteiner ehren den ökonomischen Künstler Silbermann, indem sie sich selber nützen. Eigentlich folgt man der Wandermarkierung mit einem Grünen Strich. Nur an Wegekreuzen ist das Silbermann-Logo, eine rotbraune Markierung mit einer Orgel, angebracht. Wer sich hier verläuft, ist selber schuld. Stetig quert man oder läuft teilweise parallel zu anderen historischen Wegen, wie dem ehemaligen „Fürstenweg“ der einst wichtigen Achse Meißen-Frauenstein-Böhmen. Und stetig geht es wie in dieser Landschaft üblich berghoch und bergab. Oben mit grandiosen Ausblicken gern immer wieder zur weit sichtbaren Burg und Ruine Frauenstein. Letztere aus dem 12. Jahrhundert gilt als größte und am besten erhaltene Ruine in Sachsen. Unten mit malerisch Tälern und Flüssen wie der Bobritzsch.

Eine Gedenktafel am Geburtshaus in Kleinbobritzsch – hier startet der Pfad.
Eine Gedenktafel am Geburtshaus in Kleinbobritzsch – hier startet der Pfad. © Jürgen Lösel

Los geht es im Waldhufental Kleinbobritzsch – natürlich auf dem Silbermann-Weg, der an dessen gut erhaltenem, aber privat genutztem Geburtshaus von 1680 vorbeiführt. Wie überall auf der Strecke gibt es an der Talstraße ein Wanderinformationsschild mit QR-Code – an dieser Stelle zu den Wirkungsstätten Silbermanns. Wichtig ist das Haus auch deshalb, weil hier auch der ältere Bruder, der Gottfried so prägende Andreas, geboren wurde. Um die Jahreswende 1685/1686 zog die Familie ins benachbarte Frauenstein.

Über Gottfrieds Jugend ist wenig bekannt: etwa nur der Besuch der Stadtschule. Ansonsten gibt es viele, nicht belegbare Geschichten, wie die seiner Flucht aus Frauenstein in Mädchenkleidern. Als verbürgt freilich gilt, dass er eine Nacht im Schlossareal eingesessen hat. Das war die Strafe, dass er, der sein Leben lang ledig blieb, Mägde mit über den Hof gezogenen Schnüren erschreckt haben soll.

Wie auch immer: Die Frauenstädter machen sich ihren Reim auf ihren berühmten Sohn. Zumindest zeigt ein Brunnen auf dem Markt Silbermann als kleinen, sich recht selbstbewusst gebenden Jungen vor riesigen Orgelpfeifen.

Die letztvollendete und nahezu unverändert gebliebene Orgel in Nassau – hier endet der Pfad.
Die letztvollendete und nahezu unverändert gebliebene Orgel in Nassau – hier endet der Pfad. © Gottfried-Silbermann-Gesellschaft

Belegt ist, dass Gottfried ab 1701 bei Andreas in Straßburg das Orgelbauerhandwerk erlernte und 1710 als Meister nach Sachsen zurückkam. Seine erste Orgel auf deutschem Boden baute er für Frauenstein 1711. Obwohl er später ein extrem wirtschaftlich denkender Mensch war, verzichtete er auf Lohn, „weil Frauenstein mein Vaterland, Gott zu Ehren und der Kirche zu Liebe“. Doch dieses Instrument wurde wie sein Silbermann-Nachfolger von 1734 durch Brand zerstört.

Wer also erleben will, welch klangliches, technisches und architektonisches Konzept ein Instrument von Silbermann ausmacht, der muss weiter: entweder mit dem Auto ins nicht so ferne Freiberg mit seinen großen Silbermann-Orgeln etwa im Dom. Oder er läuft runter in Gimmlitz-Tal und übers Feld in Richtung der Zwillingslinden, die den Weg nach Nassau weisen.

Wo Wanderer zur Ruhe kommen

Dort, in einer schlichten Saalkirche aus dem 16. Jahrhundert, ist seine letzte Orgel von 1748 zu erleben. Diese hat noch außergewöhnlich viel Original-Substanz, sowohl das Pfeifenwerk als auch die gesamte Orgelanlage betreffend. Es ist ein vergleichsweise kleines Instrument mit wohlproportioniertem Prospekt. 740 Taler hatte die Gemeinde zu zahlen. Das Original der Quittung ist im Silbermann-Museum Frauenstein ausgestellt. Das berühmte S, des Erbauers Initial, krönt den zurückhaltend gestalteten Orgelprospekt.

Schon sein Anblick inmitten des weiß erstrahlenden Raumes lässt den etwas abgekämpften Wandersmann zur Ruhe kommen. Schön wäre es, wenn jetzt noch das Instrument erklingen könnte. Zu normalen Zeiten ist die Orgel regelmäßig zu hören. Derzeit ist das wegen der Pandemie eher in Aufnahmen möglich. Derer gibt es viele. Die Nassauer Orgel wurde bereits 1968 in die vom VEB Deutsche Schallplatten in Berlin herausgegebene Reihe „Bachs Orgelwerke auf Silbermannorgeln“ aufgenommen. Aber es gibt auch schöne neue Aufnahmen. Der Fachhandel und auch das Tourismus-Büro von Frauenstein bieten CDs wie „250 Jahre Silbermannorgel zu Nassau“ und „Ausschnitte aus Konzerten zum 250. Jahrestag der Orgelweihe“ für je zwölf Euro plus drei Euro Versand an.

Die Aufnahmen lohnen. Kein Geringerer als Johann Sebastian Bach lobte die silbermannsche Arbeit gern als „edel und von feinster Qualität in den besten Materialien“. Obwohl er mit der altmodischen Orgelstimmung, die Gottfried bevorzugte, haderte. Diese würde seinem Ausdruck Grenzen setzen – freilich „ist das Spiel der reine Wohlklang“, wie er in deutschem Lande zuvor nie vernommen wurde.

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Die Serie Pfad-Finder:

Sachsen ist ein Wanderland. Unzählige Pfade wie der Pumphut-Steig, der Karl-May-Pfad und der Erlebnispfad Guttauer Teiche laden zu Erkundungen bei jedem Wetter ein. Redakteure von Sächsische.de stellen einige vor.

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