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Was eine Handball-Reizfigur zu ihrem Abschied zu sagen hat

Bob Hanning reformierte den deutschen Handball. Das brachte ihm hin und wieder Ärger ein, doch er zog sein Ding durch. Nun geht er – und grüßt seine Kritiker.

Ein Macher mit einer „narzisstischen Persönlichkeitsausprägung“ oder einfach nur „konsequent in der Sache“? An Bob Hanning scheiden sich die Handballgeister. Als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes hört er nun auf.
Ein Macher mit einer „narzisstischen Persönlichkeitsausprägung“ oder einfach nur „konsequent in der Sache“? An Bob Hanning scheiden sich die Handballgeister. Als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes hört er nun auf. © 54° / Felix Koenig

Von Marc Stevermüer

Mannheim. Den Leuten im Ruhrgebiet wird nachgesagt, ehrlich und direkt zu sein, eine eindeutige Meinung zu vertreten und klare Kante zu zeigen. Es verwundert daher nicht, dass Bob Hanning diesen besonderen Menschenschlag ausdrücklich schätzt. Und das nicht nur aus purer Verbundenheit, weil der „Pott“ seine Heimat ist, sondern vielmehr, weil er sich mit dieser unverblümten Gradlinigkeit ganz einfach identifizieren kann. Man weiß, woran man ist. So wie bei Hanning. Dem gebürtigen Essener.

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Seit jeher nimmt der 53-Jährige nur ganz selten ein Blatt vor den Mund und als logische Konsequenz daraus entsprechend häufig eine Position oder Haltung ein, die er meist leidenschaftlich und konsequent verteidigt. Vor allem immer dann, wenn sein Gegenüber keine besseren Argumente liefert und es noch dazu um etwas ganz Bestimmtes geht. Nämlich um die „Sache“, der er sich verschrieben hat.

Wer Hanning seit ein paar Jahren begleitet, der weiß genau, dass er gerne das Wort „Sache“ benutzt, wenn er über den Handball spricht. Und zwar in all seinen Facetten. Im Großen und Kleinen. Der Tausendsassa kennt sich überall aus, bringt sich auch überall ein. Von der Jugendarbeit bis zur Nationalmannschaft. Entsprechend scheute er auch nicht die Verantwortung, als der Deutsche Handballbund (DHB) 2013 am Boden lag und er sich zum Vize-Präsidenten des Verbandes wählen ließ.

Damals sah es wirklich schlimm aus um den DHB, was man wissen muss, um die Gegenwart vernünftig einordnen zu können. Der Boom und das Interesse am Handball waren nach dem WM-Triumph 2007 ungenutzt geblieben und die Strukturen im Verband nicht nur veraltet, sondern verkrustet. Zur schockierenden Bestandsaufnahme gehörte darüber hinaus die bittere Erkenntnis, dass sich die Männer-Nationalmannschaft in die Mittelmäßigkeit verabschiedet hatte.

„Es sah einmal anders aus als jetzt. Ich kann mich sehr gut an Niederlagen in Qualifikationsspielen gegen Montenegro, an eine verpasste EM-Teilnahme, das Fehlen bei Olympia in London, die WM-Teilnahme nur aufgrund einer Wildcard und an Holzbanden erinnern, vor denen wir gespielt haben. Das war zu Beginn meiner Amtszeit“, erinnert sich Hanning, der am Sonntag beim DHB-Bundestag in Düsseldorf nicht erneut kandidieren wird. Der 53-Jährige sieht seine Mission als erfüllt an. Auch wenn das große sportliche Ziel verpasst wurde.

Als er 2013 beim DHB seine Arbeit aufnahm, versammelte der Geschäftsführer des Bundesligisten Füchse Berlin als Hoffnungsträger und Erneuerer den ganzen Verband hinter der Version Olympiasieg 2020. Dieser ersehnte und angestrebte Erfolg blieb aus. Doch wenn man bedenkt, wo der deutsche Handball stand, als dieses Ziel ausgerufen wurde, macht das nur umso deutlicher, in welchen Kategorien Hanning traditionell denkt. Für ihn geht es immer um das „Maximale“, was noch so ein Lieblingswort von ihm ist. Alles muss maximal sein. Der Erfolg. Die Ziele. Die Hingabe. Die Leistungsbereitschaft.

Seine Errungenschaften überwiegen

Er selbst lebt das vor. Und völlig erfolglos war die Nationalmannschaft selbst ohne Olympiasieg nicht. Im Gegenteil: Für die großen Turniere qualifizierte sich das Team zuletzt immer problemlos. 2016 folgte wenige Monate nach dem sensationellen EM-Triumph noch Olympia-Bronze in Rio. Damals mit dem Bundestrainer Dagur Sigurdsson, den Hanning von den Füchsen Berlin kannte, der sein Wunschkandidat war und den er gegen interne Widerstände durchdrückte.

Der Isländer war eine gute Entscheidung, was für die Wahl von Sigurdssons Nachfolger Christian Prokop aber nicht gilt. Auch der war Hannings Mann – und mit ihm lag der DHB-Vize daneben. Der 53-Jährige weiß das. Und doch überwiegen seine Errungenschaften.

Abseits des Feldes stellte sich der Verband mit dem Beginn der Hanning-Ära komplett neu auf. Alles wurde hinterfragt, viele Dinge umgekrempelt. Der ehrgeizige Visionär aus der Hauptstadt zog den Verband auf links, nachdem er schon vor seiner Wahl ein Positionspapier mit dem Titel „Amateure hoffen, Profis arbeiten“ präsentiert hatte und sagte: „Wir leben im DHB noch hinterm Mond. Tradition ist gut und schön, aber ohne Moderne geht es nicht. Innerhalb des Verbandes müssen kompetente Personen die Verantwortung übernehmen.“

Nach seiner Amtsübernahme ging der ehemalige Bundesligatrainer dieses Thema mit Mut, Entschlossenheit und Herzblut an. Ja, er agierte bisweilen forsch und fordernd. Auch unbequem. Aber niemals unverschämt, sondern ehrlich. Im Dienste der „Sache“ gab es schlichtweg keine Tabus mehr, dafür aber den einen oder anderen Konflikt. Oder anders ausgedrückt: Der gewiefte Strippenzieher unternahm und wagte alles, um den Handball populärer und besser zu machen; um den DHB zu entstauben, ihn aus dem Dornröschenschlaf zu wecken.

Zwangsläufig führte dieser Prozess zu einigen schmerzhaften Auseinandersetzungen. Der gebürtige Essener überwarf sich nach seinem Amtsantritt erst mit dem damaligen DHB-Präsidenten Bernhard Bauer, später entzweite er sich mit der lebenden Handball-Legende Heiner Brand. Der Weltmeister-Trainer von 2007 bescheinigte Hanning anschließend eine „narzisstische Persönlichkeitsausprägung“. Bis heute sprechen beide kein Wort mehr miteinander.

Für Brand und einige Ex-Nationalspieler aus dessen Bundestrainer-Ära ist Hanning längst so etwas wie ein rotes Tuch. Sie halten ihn für eine Ich-AG, der aus dem Deutschen Handballbund den Deutschen Hanning-Bund gemacht hat. Markus Baur, Kapitän der Weltmeistermannschaft von 2007, zählte und unterstrich einst in einem Hanning-Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ jedes „Ich“. Es waren 45. Baur schickte es in die Verbandszentrale. Eine Reaktion darauf blieb aus. Übrigens auch von Hanning.
„Störfeuer von außen begleiteten mich während meiner gesamten acht Jahre beim DHB. Das Schlimmste an der permanenten Kritik war, dass sie so unsachlich vorgetragen wurde, so persönlich. Die Kritik war nicht konstruktiv, zielte nicht darauf ab, etwas besser zu machen, sondern darauf zu zerstören. Mich zu zerstören“, schreibt der scheidende DHB-Vize dazu in seiner Biografie mit dem Titel „Hanning. Macht. Handball.: Geheimnisse aus dem Innersten eines faszinierenden Sports“, die am Freitag und somit passend zu seinem nahenden Abschied erscheint.

In seinem Buch gewährt der 53-Jährige tiefe und ehrliche Einblicke in den Handball im Allgemeinen und sein Wirken im Speziellen, weshalb der Wahl-Berliner alles andere als ein Abrechnungswerk verfasst hat. Ein paar deutlichere und an die „alte Garde“ um Brand, Christian Schwarzer, Daniel Stephan und Martin Schwalb gerichteten Sätze finden sich darin aber trotzdem.

Warum der Machtmensch fehlen wird

„Kritiker ist ein ziemlich dummer Beruf, wenn man nichts ist, was darüber hinausgeht. Kritik ist für mich vollkommen okay, doch sie schützt vor eigener Leistung nicht“, schreibt Hanning. Stephan etwa sei zwar ein begnadeter Handballer gewesen und nun „ein glücklicher Privatier“. Er habe aber, „wenn wir ehrlich sind, als solcher nie etwas auf die Beine gestellt, was den Handball voranbringt“.

Schwarzer wiederum hätte, „begünstigt durch alte Seilschaften“, beim Verband Jugendmannschaften trainieren dürfen. Er habe zum „System Brand“ gehört, als Trainer aber nicht überzeugt: „Es klingt hart, und es macht mich wirklich traurig, aber er hat beim DHB eine Lücke hinterlassen, die ihn vollständig ersetzt hat.“

Und was macht der Verband nun ohne Hanning? Also ohne die treibende Kraft, die den Handball wieder salonfähig machte, wenngleich streng genommen die große Bühne immer erst dann zu einer eben solchen wurde, wenn Hanning dort Platz nahm. Fest steht: Der 53-Jährige prägte den Verband. Er war das Gesicht des DHB. Als polarisierende Persönlichkeit. Als Mahner, Macher und Machtmensch. Er wird fehlen: Als Mann mit Ideen, die nicht jeden begeistern, die aber oft gut sind. Und als Blitzableiter: Denn wenn es nicht lief, lenkte der Lautsprecher des deutschen Handballs mehr als einmal das Rampenlicht auf sich.

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Notfalls mit seinem extravaganten, sündhaften teuren und vor allem schrillen Modestil. Oder mit kernigen Ansagen. In diesen Momenten fokussierte sich alles auf ihn. Die Kritik. Die Aufmerksamkeit. Der Druck. Hanning nahm all das gelassen hin. Weil er das aushalten konnte. Und weil es der „Sache“ diente.

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