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Benny Kirsten über seine neue Aufgabe bei Dynamo

Der Publikumsliebling spricht im exklusiven Interview über sein Karriereende, das Verhältnis zu seinem Vater Ulf und die deutschen Torhüter.

Trotz des verletzungsbedingten Karriereendes ist Benjamin Kirsten zufrieden – und zurück bei Dynamo.
Trotz des verletzungsbedingten Karriereendes ist Benjamin Kirsten zufrieden – und zurück bei Dynamo. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Er ist bei Dynamo „wieder daheeme“. So hat Benjamin Kirsten seine Rückkehr zu dem Verein kommentiert, für den er als Torwart zwischen 2008 und 2015 insgesamt 128 Pflichtspiele bestritten hat. Bis sein Vertrag nicht verlängert wurde. Erst wechselte Kirsten zu NEC Nijmegen in den Niederlanden und schließlich zum 1. FC Lok Leipzig. Doch im Juni musste er mit 34 Jahren seine Karriere nach mehreren Verletzungen und einer Meniskustransplantation im rechten Knie als Fußball-Invalide beenden. Nun absolviert er eine Umschulung zum Sportfachwirt – und den praktischen Teil bei Dynamo.

Benjamin Kirsten, wie geht es Ihrem Knie?

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Was sind die besten Schnäppchen?

Es ist nach mehr als einem Jahr Reha soweit alltagstauglich, aber ich muss weiter daran arbeiten.

Sie könnten also nicht mal im Garten aus Spaß kicken?

Nein, derzeit nicht. Ich bin aber nach wie vor guter Dinge, dass es sich so entwickelt, wie ich es erhoffe. In drei, vier Monaten kann es schon anders aussehen.

Er war einer von ihnen. Benny Kirsten hatte selbst als Kind oft im Fanblock gestanden, meist bei Auswärtsspielen. 2008 kam er zu Dynamo und wurde schnell zu einem Publikumsliebling.
Er war einer von ihnen. Benny Kirsten hatte selbst als Kind oft im Fanblock gestanden, meist bei Auswärtsspielen. 2008 kam er zu Dynamo und wurde schnell zu einem Publikumsliebling. © Robert Michael

Sie haben im Juni mit 34 Jahren Ihre Profi-Karriere offiziell beendet. Was macht das mit Ihnen?

Wenn man sein ganzes Leben lang dieses Spiel mit dieser Leidenschaft gespielt hat, fällt einem das natürlich total schwer. Aber es ist für mich entschieden worden durch die Verletzung und auf ärztlichen Rat. Die Berufsgenossenschaft hat mir die Berufsunfähigkeit bescheinigt.

Haben Sie trotzdem für sich das Maximum rausgeholt?

Ich denke, es war sogar mehr, als ich zu träumen gewagt hätte. Ich bin dankbar für die Zeit, habe für große Vereine spielen dürfen bei Bayer Leverkusen und Dynamo, was für mich besonders emotional war, aber auch die Zeit in den USA, obwohl es dort nicht geklappt hat, bei Nijmegen in den Niederlanden und anschließend Lok Leipzig, wo ich den Fußball noch mal von einer anderen Seite kennengelernt habe.

Inwiefern?

Man schwebt in der zweiten oder dritten Liga in einer gewissen Blase durch die Welt. Bei Lok habe ich meine Mitspieler als sehr professionell kennengelernt, die meisten sind arbeiten gegangen oder haben studiert. Und dennoch haben sie versucht, ihre Höchstleistungen abzurufen. Mit Heiko Scholz hatte ich dort einen tollen Trainer. Mein Ziel war es, mit Lok in die 3. Liga aufzusteigen, das hat leider nicht geklappt. Für mich stand aber fest, dass ich nicht mehr als Fußballer durch die Weltgeschichte reisen will, weil wir uns als Familie mit dem Hausbau dazu entschlossen haben, dass Dresden unser Zuhause bleibt.

Bei einem Jahrhundertspiel "Ost contra West" liefen Ulf Kirsten (l.) und sein Sohn Benjamin im Oktober 2015 gemeinsam auf.
Bei einem Jahrhundertspiel "Ost contra West" liefen Ulf Kirsten (l.) und sein Sohn Benjamin im Oktober 2015 gemeinsam auf. © Archivfoto: Robert Michael

Ihr Vater Ulf ist Ehrenspielführer bei Dynamo, Sie haben selbst zumindest einen Kultstatus bei den Fans erlangt. Was bedeutet Ihnen das?

Ich denke, es ist das Resultat ehrlicher Arbeit. Ich hatte als Torwart sicher Reserven, aber ich bin immer an meine Grenzen gegangen, sowohl im Training, als auch im Spiel, weil ich die Verantwortung für die Menschen gespürt habe, die für den Verein arbeiten und leben. Sie sollten auf mich zählen können und wissen, dass ich keiner bin, der ein sinkendes Schiff verlässt.

Zu Beginn waren Sie der Sohn von Ulf, jetzt sind Sie Benny Kirsten, haben sich Ihren eigenen Namen gemacht. Stolz?

Ja, ich glaube, spätestens mit dem Aufstieg 2011 wurde das Thema ad acta gelegt. Es ging mir nie darum, aus seinem Schatten zu treten. Was mein Vater als Spieler bei Dynamo und in Leverkusen geleistet hat, ist legendär: bester Bundesliga-Torschütze der 1990er-Jahre. Mein großes Ziel war es, meine eigene Geschichte zu schreiben. Was wir gemeinsam haben: Wir lieben und leben den Fußball. Das haben wir beide auf dem Platz gezeigt.

Sie sind Torhüter geworden, obwohl Ihr Vater Sie eigentlich als Stürmer sehen wollte. Waren Sie da trotzig?

Ich habe im Nachwuchs auch Stürmer gespielt, aber mir schon als Dreijähriger Torwarthandschuhe gewünscht. Mir hat dieser Reiz gefallen, das Zünglein an der Waage zu sein. Als Torhüter musst du speziell sein, diesen Kitzel mögen.

Sein erster Erfolg mit Dynamo: Als Torwart der zweiten Mannschaft gewinnt Benjamin Kirsten den Sachsenpokal im Finale gegen den VFC Plauen. Allerdings lief er danach mit einer bengalischen Fackel auf den Platz, wurde gesperrt und musste Strafe zahlen. Leh
Sein erster Erfolg mit Dynamo: Als Torwart der zweiten Mannschaft gewinnt Benjamin Kirsten den Sachsenpokal im Finale gegen den VFC Plauen. Allerdings lief er danach mit einer bengalischen Fackel auf den Platz, wurde gesperrt und musste Strafe zahlen. Leh © Lutz Hentschel

Was war für Sie der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Das ist schwierig zu beantworten. Jede Situation hat ihren Reiz. Klar, der Aufstieg mit Dynamo 2011. Oder persönliche Würdigungen wie zum besten Spieler der zweiten Liga. Das kann mir keiner nehmen.

Was war Ihre größte Enttäuschung?

Natürlich das Ende bei Dynamo, als mein Vertrag trotz mündlicher Absprache 2015 nicht verlängert worden ist. Das war das Schlimmste, weil es völlig unerwartet kam. Danach hatte ich einen mentalen Tiefgang.

Zumal es Ihnen Ralf Minge, bis dahin ein guter Freund Ihres Vaters, verkündet hat …

Nein, das war für mich kein Problem. Wenn einer das Recht gehabt hätte, dann er, weil er mich 2008 auch geholt hatte. Aber für mich ist in dem Moment ein Traum zu Ende gegangen, emotional habe ich damals meine Karriere eigentlich schon beendet. Danach habe ich ein neues Leben als Fußballer begonnen, das war anders, aber genauso professionell.

Wie haben Sie die emotionale Bindung zu Dynamo danach aufgebaut?

Es war eine unheimlich schwierige Zeit, auch für meine Frau Sarah, ich war schwierig zu händeln. Für mich stand fest: Ich werde das Stadion nie mehr betreten. Wenn ich mit dem Auto dort vorbeigefahren bin, hatte ich 180 Puls oder mehr. Als ich nach zwei Jahren wieder mal drin war, fühlte es sich fremd an. Aber ich habe dann gespürt, dass mich die Fans behandeln wie immer. Es war mir wichtig, dass sie das Gefühl haben, ich bin einer von ihnen. Und das haben sie mir zurückgegeben. Das hat es mir leichter gemacht, die emotionale Bindung wieder aufzubauen, was Ralf Minge bis zu seinem Abschied gefördert hat.

Geschafft - und er hatte daran einen bedeutenden Anteil: Benjamin Kirsten hält stark und mit Dynamo in der Relegation gegen den VfL Osnabrück im Mai 2013 die Klasse in der 2. Bundesliga.
Geschafft - und er hatte daran einen bedeutenden Anteil: Benjamin Kirsten hält stark und mit Dynamo in der Relegation gegen den VfL Osnabrück im Mai 2013 die Klasse in der 2. Bundesliga. © Robert Michael

Jetzt sind Sie zurück im Verein, gehören zum Torwart-Expertenteam. Wie kam das zustande?

Es ist in Zusammenarbeit mit der VBG Dresden möglich geworden, die mir aufgrund meiner Verletzung eine Umschulung zum Sportfachwirt ermöglicht. Mit Dynamo habe ich sehr schnell einen Praktikumsbetrieb gefunden, Kristian Walter (Chefsocut und Kaderplaner/Anm. d. Red) hat sich unheimlich dafür engagiert. Als es am 1. August begann, war das für mich wie nach Hause zu kommen, auf jeden Fall.

Was sind Ihre Aufgaben?

In Abstimmung mit unserem Torwartcoach David Yelldell kümmere ich mich um das Scouting, also die Analyse der gegnerischen, aber auch perspektivisch interessanter Torhüter. Darüber hinaus wollen wir in den nächsten Jahren konzeptionell und strukturell etwas entwickeln, um die Torwart-Ausbildung im Verein so zu gestalten, dass wir in Zukunft auf dieser Position möglichst aus unserem Nachwuchs schöpfen können. Das ist ein langfristiges Projekt. Außerdem möchte ich ein Ansprechpartner für die Jungs sowohl bei den Profis als auch in der Jugend sein.

Wie beurteilen Sie die Torwart-Situation mit Kevin Broll und Neuzugang Anton Mitryushkin bei Dynamo?

Mit Erik Herrmann trainiert derzeit auch ein erst 16 Jahre alter, talentierter Torwart aus dem Nachwuchs bei den Profis mit. Er hat sehr gute Ansätze, braucht aber natürlich noch viel Zeit. Wenn Patrick Wiegers nach seinem Kreuzbandriss zurück ist, haben wir die beste Torhüter-Konstellation seit vielen Jahren. Alle drei können problemlos in der zweiten Liga spielen.

Wo sehen Sie die Schwächen von Dynamos Stammtorwart Kevin Broll, der derzeit in einer Top-Form ist?

Schwächen ist ein krasses Wort. Ich würde es Reserven nennen, aber er spielt derzeit so stabil, war auch vorige Saison gerade am Ende in den wichtigen Momenten top. Viele meinen, als Torhüter müsstest du doch jede Woche die Welt einreißen, aber du musst in den wichtigen Momenten da sein. Das ist eine Qualität, die musst du dir erarbeiten. Kevin ist die Nummer eins, mit Anton haben aber wir einen zweiten Mann, der ihm in nichts nachsteht, im Training pushen sie sich gegenseitig. Das ist schön zu sehen.

Stark auf der Linie und beim Elfmeter: Benny Kirsten war bei Dynamo und danach in Leipzig beim 1. FC Lok ein verlässlicher Rückhalt.
Stark auf der Linie und beim Elfmeter: Benny Kirsten war bei Dynamo und danach in Leipzig beim 1. FC Lok ein verlässlicher Rückhalt. © Robert Michael

Und was sagen Sie zur Entwicklung in Deutschland? Ein Nachfolger für Manuel Neuer scheint nicht in Sicht zu sein – oder gibt es einen?

Einen so kompletten Torhüter wie Manuel Neuer wird es so schnell nicht mehr geben, er hat einfach alles. Wir haben zwar einige Talente. Es ist klar, dass sich der Anspruch an die Position geändert hat. Trotzdem glaube ich, dass die Torhüter wieder mehr dahin kommen müssen, was die Basis ist, nämlich Bälle zu halten.

Bekommen die jungen Torhüter zu wenige Chancen?

Nein, ich glaube sogar, sie kriegen zu früh die Chance. Sie brauchten mehr Zeit, Fehler machen zu dürfen. Das ist die Grundlage für Entwicklung. Ein Beispiel ist Markus Schubert. Er hat gute Anlagen, in der Bundesliga zu bestehen. Aber er hatte auf Schalke nicht die Chance, aus seinen Fehlern zu lernen, weil er, der Trainer und die Mannschaft unter Druck gerieten. Die öffentliche Kritik ist ein Problem gerade für junge Torhüter. Ich habe den Eindruck, Älteren werden Fehler eher nachgesehen.

War es für Sie persönlich wichtig, dass Sie bei Dynamo in der zweiten Mannschaft angefangen haben und nicht gleich im Fokus standen?

Klares Ja. Woher soll ein Torhüter zum Beispiel wissen, ob er rauskommen darf oder nicht? Man hat über mich gesagt: Der ist klein, der unterläuft jede Flanke. Aber ich hatte einfach nicht den Erfahrungsschatz. Später hatte ich zwar immer noch den Stempel, habe aber die Fehler nicht mehr gemacht beim Rauslaufen.

Wie erfolgt die Umschulung zum Sportfachwirt?

Sie baut auf meiner Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann auf, läuft als Fernstudium an der IST Düsseldorf zwei Jahre. Es ermöglicht mir, auch in konzeptioneller oder auch buchhalterischer Hinsicht im Verein arbeiten zu können.

Das heißt, Sie könnten mal kaufmännischer Geschäftsführer werden?

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Nein, dafür müsste ich Betriebswirtschaftslehre studieren. Aber das ist nicht das Ziel. Das bleibt, als Torwart-Trainer zu arbeiten. Ich durfte beim Sächsischen Fußball-Verband die B-Lizenz erwerben. Das werde ich weiter verfolgen. Ansonsten müsste ich schauen, in welche Richtung es geht.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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