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„Stehen Sie bitte zu Ihrer Tat!“

Annelis Eltern appellieren im Gerichtssaal an die mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter. Es ist ein emotionaler Prozess. Eine erfahrene Polizistin weint, sie hatte gehofft, Anneli lebend zu finden.

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Alexander Schneider

Dresden. Anneli wäre am Mittwoch 18 Jahre alt geworden. Einen Tag danach ergreift ihr Vater, Uwe Riße, im Prozess gegen ihre Mörder das Wort. „Stehen Sie bitte zu Ihrer Tat, das kann der erste Weg zur Sühne sein“, appelliert er an die beiden Angeklagten. Der Mann, der mit seiner Frau Ramona als Nebenkläger den mutmaßlichen Tätern gegenübersitzt, wirft ihnen vor, sie hätten bisher keine Anzeichen von Reue oder Buße gezeigt. „Ihr Auftritt hier ist feige und erbärmlich.“

Der Angeklagte Markus B. am Donnerstag im Dresdner Landgericht.
Der Angeklagte Markus B. am Donnerstag im Dresdner Landgericht. © Robert Michael
„Unsere Tochter wäre gestern 18 Jahre alt geworden“: Annelis Eltern am Donnerstag im Gerichtssaal.
„Unsere Tochter wäre gestern 18 Jahre alt geworden“: Annelis Eltern am Donnerstag im Gerichtssaal. © Robert Michael
Heute soll die Frau des 40-jährigen Hauptangeklagten aussagen.
Heute soll die Frau des 40-jährigen Hauptangeklagten aussagen. © Robert Michael

Die Vorsitzende Richterin der Schwurgerichtskammer Birgit Wiegand wartet geduldig, bis Riße endet. Dann sagt sie ruhig, es gebe Menschen, die haben nicht viel oder gar keine Empathie. Mit dieser Frage würden sich auch die beiden psychiatrischen Sachverständigen auseinandersetzen, die am Prozess teilnehmen. „Dass das ein wichtiges Datum für Sie ist, haben wir schon erkannt“, sagt die Richterin zu den Eltern.

Markus B. (39) und Norbert K. (62) wirken ungerührt. Wie schon an den vier Sitzungstagen zuvor stieren sie auf den Tisch vor sich. Sie sollen das Mädchen aus Robschütz bei Meißen am 13. August vergangenen Jahres entführt haben. Ziel war laut Anklage, von Annelis wohlhabender Bauunternehmer-Familie 1,2 Millionen Euro Lösegeld zu erpressen. B. soll die Gymnasiastin am nächsten Tag ermordet haben. Bislang wurden in dem Prozess am Landgericht Dresden nur wenige Details der Tat bekannt. Die Angeklagten schweigen.

Das Gericht muss daher zahlreiche Zeugen befragen, um sich auch das Vorleben der beiden ungleichen Männer zu erschließen. Beklemmend sind die Schilderungen der Beamten, die Norbert K. nach dessen Festnahme am Montag, 17. August, vernahmen. Eine 49-jährige Ermittlerin der Dresdner Kripo bricht nachmittags in Tränen aus, als sie beschreibt, wie sie versucht habe, den 62-Jährigen zum Reden zu bringen. „Wir hofften, das Mädchen zu retten.“

Die erfahrene Kriminalhauptmeisterin beschreibt ihren ersten Eindruck, als sie K. sah: „Der Mensch steht unter Spannung.“ Mimik, Gestik und seine Antworten – „mein Gefühl sagte, es passte nicht“. K. habe jeden Blickkontakt vermieden, habe auffallend lange überlegt, ehe er selbst leichte Fragen beantwortete. Sie hätten den Mann damit konfrontiert, dass die DNA des Mitangeklagten an Annelis Fahrrad gefunden wurde. Sie hielten ihm das 14-minütige Telefonat vor, das B. mit K. am Abend zuvor geführt hatte – B. habe schon in einer „zynischen Art“ versucht, K. zu beruhigen. Die Männer unterhielten sich auch über die Entführung und taten ahnungslos. „Mein Eindruck war, man spricht nicht in dieser Stimmlage, wenn man nichts mit der Sache zu tun hat“, sagt die Beamtin. „Ich dachte: Jetzt, jetzt kippt es. Doch dann, nach 15 Sekunden, sagte er wieder, er habe mit der Sache nichts zu tun. Erst in einer Zigarettenpause am Nachmittag habe ihr Kollege ihn gefragt, ob das Mädchen noch lebt. Er habe geantwortet: „Er hat sie umgebracht.“

Die zweistündige Vernehmung ist nicht frei von Spannungen. K.s Verteidiger Andrej Klein kritisiert erneut, Vernehmungszeiten, Änderungen der Protokollierungen, späte Belehrungen oder die Frage, warum sich nicht in den Akten finde, dass „Gefahr in Verzug“ geherrscht habe – die Polizistin scheint, als verstehe sie die Welt nicht mehr. Sie entgegnet, alle hätten bis zuletzt versucht, ein lebendes Mädchen zu finden. Als Verteidigerin Ina Becherer auch noch fragt, ob es üblich sei, Beschuldigte in Pausen weiter zu befragen, platzt es aus Annelis Vater heraus: „Ja wann denn sonst!“

Am Vormittag befragte Richterin Birgit Wiegand, die Vorsitzende der Schwurgerichtskammer, ausführlich die Noch-Ehefrau von Markus B. Die 33-Jährige habe B. 2004 in einem Heidelberger Hotel kennengelernt, er war Chefkoch, sie im Service. Noch im gleichen Jahr seien sie nach Weinböhla gezogen. Nach dem Tod ihres Vaters 2008 zogen sie zu ihrer Mutter in den Dreiseithof in Klipphausen-Lampersdorf. Dort, wo B. Anneli getötet haben soll.

B. sei immer der Bestimmer gewesen, beschrieb sie ihn. „Auch für mich war Gesetz, was er sagte.“ Sie habe nachgegeben, um Streit zu vermeiden. Gewalttätig sei er aber nur zum Hund gewesen. Erst später erfuhr sie jedoch von ihren Söhnen, dass B. sie mit dem Messer bedroht habe – damit sie nichts von dessen Frauengeschichten erzählen, die sie miterlebt hätten. Viel habe sie von ihm nicht gewusst, er habe einmal vier Jahre wegen Betruges im Gefängnis gesessen. B.s Familie kenne sie nicht.

Auch in Sachen Finanzen hatte B. das Sagen. Der Umzug nach Bayern im Sommer 2015, der Hauskauf, der samt Anschaffungen und Handwerkerleistungen etwa eine halbe Million Euro kostete, habe ihr den Boden unter den Füßen weggerissen, sagte sie. Ihr Mann habe jahrelang getan, als erwarte er nach dem Tod seiner Mutter eine millionenschwere Erbschaft. Bis zuletzt habe B. so getan, als habe er mit der Entführung nichts zu tun. Als er am Sonnabend, 15. August aus Lampersdorf ins neue Haus bei Bamberg kam, habe er gefragt, ob sie schon von der Entführung gehört hätten. Der Prozess wird am heutigen Freitag fortgesetzt.