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Alles für die Katz

Die Liebe zum Tier wächst, sagt Mario Knop. Eine Sprechstunde beim Chefarzt des Tiergesundheitszentrums Pirna-Sonnenstein.

Kater Spot verliert seine Männlichkeit. Kastrationen gehören zu den häufigsten OPs, die Doktor Mario Knop in seiner Pirnaer Tierarztpraxis durchführt.
Kater Spot verliert seine Männlichkeit. Kastrationen gehören zu den häufigsten OPs, die Doktor Mario Knop in seiner Pirnaer Tierarztpraxis durchführt. © Daniel Schäfer

Das Maunzen von Kater Spot könnte Steine erweichen. Nichts gefrühstückt, und jetzt auch noch der Stich einer Nadel, ein Brennen unter der Haut. Spot ist erst vier Monate alt. Aber er ist frühreif, pullert daheim in die Schuhe. Der Stress mit den Hormonen soll aufhören. Deshalb muss Spot seine Hoden abgeben. Mit sicherer Hand führt Mario Knop die Narkosespritze. "In fünf Minuten ist er ganz tief weg."

In Sachsen arbeiten gut 500 niedergelassene Tierärzte. Eine recht konstante Zahl. Bundesweit ist die Anzahl praktizierender Tiermediziner in den letzten zwanzig Jahren allerdings deutlich gestiegen, um etwa anderthalb Tausend, auf aktuell rund 12.000. Einer von ihnen ist Mario Knop. Im Sommer 2001 öffnete er seine Tierarztpraxis im Schlosspark auf dem Pirnaer Sonnenstein.

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Den Kindertraum wahr gemacht

Heute heißt die Praxis Tiergesundheitszentrum und ist praktisch ein kleines Krankenhaus. Doktor Knop, so steht es auf seiner Hemdbrust, ist der Chefarzt. Jahrgang 1970, stabil gebaut, aufgewachsen im bäuerlichen Milieu. Er ist ein Mann, der den Traumberuf seiner Kindertage tatsächlich ergriffen hat. "Ich wollte nie was anderes machen", sagt er.

"Ich wollte nie was anderes machen." Mario Knop ist der Chefarzt vom Tiergesundheitszentrum Pirna-Sonnenstein.
"Ich wollte nie was anderes machen." Mario Knop ist der Chefarzt vom Tiergesundheitszentrum Pirna-Sonnenstein. © Daniel Schäfer

Bevor die Sprechstunde losgeht, kommt das Planbare: die OPs. Auch die von Katerchen Spot. Kastrationen stehen drei- bis viermal pro Woche auf Knops Programm. Er findet das in Ordnung. Katzen gibt es genug. Er selbst hat auch drei, wenn man Praxiskatze Lexi mitzählt. "Wir brauchen keine unkontrollierte Vermehrung."

Gekappte Hoden als Beweismittel

Spot ist weg. Schlaff wie ein Kuscheltier, das zu wenig Füllung hat, liegt er auf dem OP-Tisch, steril abgedeckt, bis auf den Fleck zwischen den Hinterbeinen. Der Doktor greift zum Skalpell. Zwei kleine Schnitte, schon hält er Spots Kügelchen in den Fingern, Schnitt drei - und aus ist es mit der Zeugungskraft. Blutgefäße und Samenstränge verknoten, Wunde nähen, fertig.

Fertig machen zur OP: Kater Barney leidet an einem Geschwür an der Brust. Das Areal wird rasiert, bevor der Eingriff erfolgt.
Fertig machen zur OP: Kater Barney leidet an einem Geschwür an der Brust. Das Areal wird rasiert, bevor der Eingriff erfolgt. © Daniel Schäfer

Der nächste Piks ist das Aufwachmittel. Ein Tier sollte möglichst kurz schlafen, sagt Knop, um das Narkose-Risiko so weit zu drücken, wie es nur geht. Die Hoden legt er beiseite. Er wird sie Spots Besitzern zeigen, als Beweis für den Vollzug. Kastrationen gelten als Werkverträge. Der Arzt schuldet, anders als bei allgemeiner Behandlung, den Erfolg.

Barney ist der Nächste. Der neunjährige Kater hat ein knopfgroßes Geschwür an der Brust. Das könnte Krebs sein. Lieber rausschneiden, als zu lange warten. Das Tier bekommt einen Venenkatheter in die Vorderpfote. Ältere Patienten sind während der OP am Tropf besser aufgehoben, sagt der Doktor, wegen der Nierenfunktion und der Elektrolyte. Dann schickt er Barney ins Katzentraumland.

So sieht der Kopf des Britisch-Kurzhaar-Katers Ty im Röntgen aus. Der Verdacht auf eine Knochenkrankheit bestätigt sich nicht.
So sieht der Kopf des Britisch-Kurzhaar-Katers Ty im Röntgen aus. Der Verdacht auf eine Knochenkrankheit bestätigt sich nicht. © Daniel Schäfer

Die Leute achten ihre Tiere heute mehr als früher. Das ist Mario Knops Resümee von 25 Jahren im Beruf. Es gab eine Zeit, da waren die Haustiere, speziell auf dem Land, einfach nur da. Heute gehörten Hund und Katze, Kaninchen und Meerschwein zur Familie. Und wenn es zum Äußersten kommt, ein Tier erlöst werden muss, wird es sehr emotional, sagt Knop. "Da sieht man gestandene Männer mit den Tränen kämpfen."

"Tiere machen uns nichts vor"

Der Arzt hantiert mit Klinge, Klemme, Schere - schon schwimmt Barneys Geschwür in Formalin. Was das wirklich ist, wird im Labor geklärt. Das umliegende Gewebe war jedenfalls intakt. Keine Anzeichen für Schlimmeres. Die Wunde wird dreifach vernäht. Die letzte, die Hautnaht, zieht Knop besonders sorgfältig. Er nennt sie "die Unterschrift des Operateurs".

Ein Helfer braucht Hilfe: Dietmar Zschech bringt seinen Blindenführhund Janosch, den die Milben plagen, zur Sprechstunde.
Ein Helfer braucht Hilfe: Dietmar Zschech bringt seinen Blindenführhund Janosch, den die Milben plagen, zur Sprechstunde. © Daniel Schäfer

Jetzt geht die Sprechstunde los. Mit Kater Nummer drei. Charly ist Stammkunde. Er leidet an Herzbeutelwassersucht. Flüssigkeit sammelt sich immer wieder an seinem Herzen und erschwert das Pumpen. Er kriegt Ultraschall. Frauchen Gudrun Heinze hilft, Charly in Position zu halten, während der Arzt den Schallkopf an den Katzenkörper führt.

Stammpublikum wie die Besitzer von Charly hat Mario Knop viel. Von den 12.000 Kunden in seiner Kartei kommen etwa vierzig Prozent mehr oder weniger regelmäßig zu ihm, schätzt er, vielleicht auch mehr. Bei manchen hat er schon Generationen von Hunden und Katzen betreut, bis zum Ende. "Das schweißt zusammen."

Detektivarbeit: Boxer Finlays rechte Gesichtshälfte ist von einer Nervenlähmung betroffen. Aber warum? Doktor Knob ermittelt.
Detektivarbeit: Boxer Finlays rechte Gesichtshälfte ist von einer Nervenlähmung betroffen. Aber warum? Doktor Knob ermittelt. © Daniel Schäfer

Gudrun Heinze war zuvor mit ihren Frettchen in Behandlung - Nierenprobleme. Jetzt ist es Charly mit seinem Herzfehler. "Wir hatten Angst, dass er gar nicht alt wird", sagt sie. Bald hat er 12. Geburtstag. Aber die Wassersucht ist noch da, ein schwarzer Saum, der das zuckende Gebilde auf dem Monitor umschließt. Der Arzt wirkt dennoch ganz zufrieden. Die Therapie mit den Entwässerungstabletten geht weiter.

Janosch, ein Labrador-Retriever, wird auf den Untersuchungstisch gehoben. Er ist was ganz Besonderes. Nicht nur, weil er ein bisschen adlig ist und Janosch of Brownbank Cottage heißt. Vor allem ist Janosch ein Blindenführhund. Er gehört Dietmar Zschech, 74, aus Pirna-Copitz. Herr Zschech sieht seine Umwelt zwar noch schemenhaft. "Aber Janosch gibt mir die Sicherheit, die sonst total fehlt", sagt er.

Für tapfere Patienten: Die Belohnungsdose ist mit reichlich Leckerlis bestückt.
Für tapfere Patienten: Die Belohnungsdose ist mit reichlich Leckerlis bestückt. © Daniel Schäfer

Janosch ist elf, quasi auch schon Rentner. Vielleicht liegt es am trägeren Immunsystem, dass er nun mit Demodex-Milben zu kämpfen hat. Die Spinnentiere kriechen in die Einstülpungen der Haut, wo die Haare wachsen, und vermehren sich dort. Juckreiz und kahle Stellen an den Pfoten sind die Symptome.

Die Gegenwehr besteht aus einer Spritzenkur. "Sieht schon besser aus", urteilt der Arzt. Anti-Parasiten-Tabletten mit Langzeitwirkung sollen das Problem endgültig lösen. Dietmar Zschech hört das gern. Janosch ist für ihn und seine Frau, die komplett blind ist, weit mehr als ein Hilfsmittel. Er treibt die beiden an, den Alltag zu bestehen. "Er ist wie unser Kind."

Weiter! Der Britisch-Kurzhaar-Kater Ty braucht ein Röntgenbild vom Kiefer. Katze Miez hat Magen-Darm. Boxer Finlay hat Gesichtslähmung. Eine harte Nuss für den Doktor. Er guckt in die Ohren, ins Maul, fühlt die Prostata, testet Blut.

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Das Gute ist: Tiere machen ihrem Arzt nichts vor. Der Nachteil: Sie können nicht sagen, was ihnen fehlt. So bleibt nur die Detektivarbeit. Mario Knop ist gern Detektiv. "Das ist ja der Reiz an der Sache", sagt er, "wenn man mit gründlicher Untersuchung der Krankheit auf die Schliche kommt."

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