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Gibt's Chancen für die Wolfsjagd in Sachsen?

Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes sind die Aussichten in Sachsen für Tötungen schlecht. Landespolitiker suchen nach Alternativen.

Mit der Zahl der Wölfe und Rudel in Sachsen nahm die der gerissenen Schafe, Ziegen und anderer Nutztiere zu.
Mit der Zahl der Wölfe und Rudel in Sachsen nahm die der gerissenen Schafe, Ziegen und anderer Nutztiere zu. © Soeren Stache/dpa

Die Obergrenze für Wölfe in Sachsen – diskutiert wird darüber seit Jahren. Aktuell macht sich der Landesbauernverband dazu Gedanken. Wie eine Sprecherin kürzlich der SZ sagte, müsse genau definiert werden, wie viele Wölfe es in Sachsen geben kann. Auch über wolfsfreie Zonen müsse nachgedacht werden. Doch hat Sachsen da Handlungsspielraum und welche alternativen Hilfen sind denkbar? Die Sächsische Zeitung hat nachgefragt.

Die Situation: 2021 bislang mehr Nutztierrisse als letztes Jahr

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36 Schafen, Ziegen und Zucht-Damhirsche haben Wölfe in der Oberlausitz bis Ende April getötet. 24 weitere Nutztiere wurden verletzt oder sind nach einem Wolfsangriff verschwunden. Vor einem Jahr gab es im gleichen Zeitraum zehn von Wölfen getötete Tiere im Landkreis Bautzen. Der Görlitzer Kreis war im ersten Quartal 2020 nicht betroffen. Weil die Zahl der Wolfsübergriffe auf Schafe und Co. deutlich gestiegen ist, hatte das Landesamt für Umwelt, Geologie und Landwirtschaft Mitte April eine Warnung und einen Aufruf veröffentlicht. Tierhalter in ganz Sachsen sollen ihren Herdenschutz überprüfen und wirkungsvolle Maßnahmen gegen Wolfsübergriffe aufbauen, hieß es. Doch wie Bauernverbandssprecherin Diana Henke daraufhin betonte, sei der Aufwand, den Tierhalter dafür betreiben müssten, extrem hoch.

Die Zahlen: Mehr Wölfe bedeuten mehr tote Schafe, Ziegen und Co.

Die Statistik der sächsischen Fachstelle Wolf ist eindeutig – mit der Zahl der Wölfe und Rudel in Sachsen nahm die der gerissenen Schafe, Ziegen und anderer Nutztiere zu – mit einigen Schwankungen. Wurden 2002 noch 33 geschädigte Nutztiere gezählt, waren es 2019 insgesamt 547. Das war bislang der höchste Wert, im Folgejahr gingen die Fälle etwas zurück. Allerdings gab es vor zwei Jahren in Ralbitz-Rosenthal einen Wolfsübergriff, bei dem mit einem Mal 36 Schafe getötet wurden. In Bernstadt waren es am 27. September 2019 ganze 19 auf einen Schlag, plus drei verletzte Tiere. Nach dem ersten Rudel im Jahr 2000 in der Muskauer Heide wurden zuletzt 31 Territorien in Sachsen nachgewiesen – 28 besetzt von Wolfsfamilien, drei von Paaren, darunter neu je ein Paar bei Weißwasser und im Haselbachtal bei Kamenz. In der Oberlausitz existieren 21 Rudel sowie eines in der Massenei; hinzukommen drei Paare. Zudem gibt es Wölfe, deren Reviere teils in der Oberlausitz und teils in Polen, Tschechien, Brandenburg oder angrenzenden sächsischen Gebieten liegen.

Der Abschuss: Tötung möglich, aber extrem selten

Sachsens Wolfsverordnung und das Bundesnaturschutzgesetz lassen eine „Entnahme“, also die Tötung von Wölfen, grundsätzlich zu. Aber die Regeln dafür sind eng gefasst. Erlaubt ist es unter anderem, wenn Wölfe Menschen oder andere Arten stark gefährden oder massiv Nutztiere in einem Gebiet reißen, sich durch Schutzmaßnahmen nicht abhalten und sich auch nicht verschrecken lassen. Bislang wurden in Sachsen lediglich zwei Wölfe legal getötet. Zur Tötung des Wolfes „Pumpak“, der unter anderem Futter von Komposthaufen gefressen hatte, kam es nicht, weil das Tier plötzlich verschwunden ist. Weitere Wölfe wurden nach Verkehrsunfällen wegen schwerer Verletzungen eingeschläfert.

Auch Wolf-Hund-Mischlinge, sogenannte Hybride, dürfen im Freistaat eingefangen oder getötet werden. Hybride gab es bislang aber erst einmal in der Oberlausitz. Zudem sind Fälle in Rumburk in Tschechien und in Thüringen bekannt.

Die Rechtslage: Trotz Aufnahme ins Jagdrecht ist Jagd verboten

2011 wurde der Wolf in Sachsen ins Jagdrecht aufgenommen. Begründet wurde der Schritt damals damit, dass sich die Jäger dann an der Aufsicht und Beobachtung der Tiere beteiligen müssen. Doch das Tier ist ganzjährig geschützt. Das bedeutet, es darf im normalen Jagdgeschehen nicht getötet werden. Momentan sei nicht geplant, den Wolf wieder aus dem Jagdrecht zu nehmen, heißt es aus dem Umweltministerium. Eine Lizenzjagd wie in Schweden ist in Sachsen und Deutschland nicht erlaubt. Grund dafür sind nicht nur Landes- und Bundesgesetze, sondern auch Regelungen der Europäischen Union. Der Wolf fällt da in die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH). Darin werden Lebensräume sowie Tier- und Pflanzenarten aufgelistet, die in der EU unter Schutz stehen. Der Wolf gehört dazu.

Die Urteile: Der EuGH setzt enge Grenzen für Wolfsjagd

In jüngster Zeit gab es zur Wolfsjagd in Deutschland und der EU mehrere Urteile. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat dabei die Wolfsjagd nicht generell verboten, aber er setzt ihr sehr enge Grenzen. 2019 hatte sich der EuGH mit einem Wolfsjagd-Fall in Finnland beschäftigt. Hintergrund: Die finnische Wildtierbehörde hatte für Anfang 2016 den Abschuss von sieben Wölfen genehmigt. Als Begründung hieß es, man wolle damit Wilderei von Wölfen verhindern. Dagegen gab es eine Klage. Das Oberste Verwaltungsgericht Finnlands hatte den EuGH um eine Überprüfung gebeten. Die Richter urteilten, dass die „Bekämpfung der Wilderei als von der Richtlinie umfasstes Ziel geltend gemacht werden kann“, wie nachzulesen ist.

Allerdings müsse die Jagd tatsächlich geeignet sein, illegale Abschüsse zu verhindern. Das müsse wissenschaftlich belegt werden. Die Jagd muss sich zudem positiv auf die Wolfspopulation auswirken, es sollen zuerst andere Möglichkeiten ausgeschöpft werden und der Erhaltungszustand muss eine Jagd zulassen. Laut Fachstelle Wolf hat zudem das Oberste Verwaltungsgericht in Schweden, im Dezember 2016 geurteilt, dass im Sinne der Arterhaltung eine Mindestanzahl von 300 Wölfen in Schweden vorhanden sein müsse. 2020 wurde der Wolf von der schwedischen Umwelt- und Naturschutzbehörde als stark gefährdet eingeschätzt. Die dort dennoch erlaubte Lizenzjagd werde derzeit von der Europäischen Kommission geprüft.

Wie das Bundesamt für Naturschutz weiß, wurden 2018/2019 sowie 2019/2020 aufgrund des Rückgangs der schwedischen Wolfspopulation keine Wölfe bei Lizenzjagden getötet. Ende 2020 scheiterte das Land Niedersachsen mit dem Vorhaben, eine Wolfsobergrenze zu setzen. Danach sollten Wölfe geschossen werden, wenn die überschritten wird. Das Bundesumweltministerium hat dies mit Verweis auf die EU-Regeln abgelehnt. Laut Bundesamt für Naturschutz ist die normale Jagd auf den Wolf rechtlich ausgeschlossen. Es seien überdies keine wissenschaftlichen Grundlagen bekannt, welche die Notwendigkeit einer generellen Bestandsregulierung von Wölfen plausibel begründen.

Der Erhaltungszustand: In Europa gilt der Wolf als „nicht gefährdet“

Ist der Wolf in Sachsen und Deutschland gefährdet oder nicht? Da gehen die Meinungen auseinander. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN stuft die Population des Grauen Wolfes in Europa als stabil ein und bezeichnet das Tier als „nicht gefährdet“. In Sachsen wird das Raubtier als „stark gefährdet“ geführt; allerdings stammt die aktuelle „Rote Liste“ von 2015. Laut Fachstelle Wolf gibt es aber ohnehin „keine sächsische Wolfspopulation“. Die Tiere im Bundesland werden „gemeinsam mit den westpolnischen und den in Gesamtdeutschland verbreiteten Wölfen als eine zusammenhängende Population betrachtet“, heißt es. Grundsätzlich habe sich der Wolfsbestand in Sachsen seit 2000 durchgängig positiv entwickelt. Für Deutschland gibt das Bundesamt für Naturschutz an, der Erhalt der Art sei ungünstig, auch wenn sich der Trend verbessere.

In Deutschland steht der Wolf auf der „Roten Liste“ der bedrohten Arten unter „gefährdet“. Das Amt begründet dies damit, dass viele Wölfe im Straßenverkehr umkommen und illegal getötet werden. Das belegen auch Zahlen aus Sachsen. Laut Fachstelle Wolf wurde hier 2006 der erste tote Wolf entdeckt. Insgesamt weist die Statistik bislang 133 Totfunde aus. Bis April 2021 gab es zehn illegale Tötungen. 88 Tiere starben bei Unfällen, 22 auf natürliche Weise. Elf Fälle sind ungeklärt. Zwei Tiere wurden legal getötet. Laut Fachstelle Wolf zeige sich, „dass diese festgestellten Todesursachen die Wölfe in ihrem Bestand aktuell nicht gefährden. Die natürlichen Voraussetzungen sind vielmehr so gut, dass sich die Wölfe weiterhin ausbreiten.“ Sie kommen wegen ihrer hohen Anpassungsfähigkeit mit vielfältigen Lebensräumen zurecht, sofern sie ausreichend Nahrung und Ruheplätze finden.

Alternativen: Prämie für Weidetiere könnte 2022 kommen

Um Nutztiere gegen Wölfe zu sichern, empfiehlt der Freistaat Sachsen Herdenschutzmaßnahmen mit Zäunen, Flatterband, Untergrabschutz oder auch Hunden. Das wird gefördert. Seit 2012 flossen knapp 3,4 Millionen Euro. Außerdem wurden bislang 330.600 Euro gezahlt, um Tierhalter zu entschädigen. Seit einigen Jahren fordern Verbände, Züchter und einige Politiker zudem eine Weidetierprämie. Denn, so heißt es in einem Gesetzentwurf des Landes Niedersachsen, „Weidetierhaltung von Schafen und Ziegen ist (...) für die Erhaltung der offenen Kulturlandschaften unerlässlich“. Doch sie werde zunehmend unrentabel, der Wolf verstärke das.

Deswegen gibt es den Vorschlag, jährlich 30 Euro je Mutterschaf oder -ziege zu zahlen. 60 Euro soll es für Mutterkühe geben. In der Bundesratssitzung am 7. Mai wurde die Prämie erneut diskutiert. Ein Ergebnis gab es nicht; das Thema wurde an einen Ausschuss verwiesen. Noch vor der Sommerpause sei eine Entscheidung geplant. Kommen könnte die Prämie 2023; Sachsen und Brandenburg haben beantragt, sie auf 2022 vorzuziehen. Sachsen selbst zahlt bereits eine Hektarprämie für naturschutzgerechte Hütehaltung und Beweidung. Zudem biete man seit 2019 einen Zuschuss für Schaf- und Ziegenhalter an, „womit deren Arbeit unterstützt und insbesondere die Mehrkosten für den Schutz der Herde vor dem Wolf auf Grünlandflächen abgemildert werden sollen“, so ein Ministeriumssprecher.

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