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"Unser Umgang mit Russland war ein kollektiver Irrtum"

Ex-Ministerpräsident Georg Milbradt rechnet mit allzu vielen, naiven "Putin-Verstehern" hart ab. Acht Jahre hat er die Ukraine beim Verwaltungsaufbau beraten. Das exklusive Gespräch im Podcast.

Von Annette Binninger
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Sachsens früherer Ministerpräsident Georg Milbradt ist zu Gast im Podcast "Politik in Sachsen". Foto: Ronald Bonß
Sachsens früherer Ministerpräsident Georg Milbradt ist zu Gast im Podcast "Politik in Sachsen". Foto: Ronald Bonß © [M] Ronald Bonß/Sächsische.de

Dresden. Sachsens früherer Ministerpräsident Georg Milbradt hat die späte Einsicht vieler "Putin-Versteher" kritisiert. "Die Vorstellung, dass man im ewigen Frieden lebt, ist historisch natürlich naiv, aber sie war bequem", kritisierte der 77-jährige Wirtschafts- und Finanzexperte im Podcast "Politik in Sachsen" von Sächsische.de. "Wir hatten viel zu lange ein naives Russland-Bild, weil wir Erfahrungen aus der Vergangenheit in die Zukunft oder Gegenwart projiziert haben und nicht sehen wollten, dass die Welt sich massiv verändert hat", sagt Milbradt.

Er habe nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des sächsischen Regierungschefs 2008 durch lange Aufenthalte in Polen und anderen osteuropäischen Ländern sein "Damaskus-Erlebnis" früher gehabt und aus anderer Perspektive auf Russland geschaut. 'Man wollte es auch gar nicht so genau wissen, was in Georgien oder anderswo vorgefallen ist und hat es als lokale Angelegenheit abgetan." Milbradt hat seit 2014 die ukrainische Regierung beim Aufbau einer kommunalen Selbstverwaltung beraten.

Er wolle nicht namentlich über einzelne Verantwortliche wie ein "Oberlehrer" im Nachhinein richten. "Es war ein kollektiver Irrtum", so Milbradt. Auch viele Spitzenvertreter von Dax-Unternehmen seien noch bis vor kurzem zu Wladimir Putin gegangen. "Da hat auch eine gewisse Blauäugigkeit geherrscht. Oder wie Lenin einmal gesagt hat: Nur die Kapitalisten sind so blöd, dass sie den Strick, an dem sie aufgehängt werden, auch vorher verkaufen."

"Den Glauben, dass die Deutschen einen besonderen Zugang zu Russland haben, den sollten wir uns abschminken", sagt Milbradt. "Zumindest nicht zu den Herrschenden, für die sind die Gesprächspartner China und die USA. Wir sind Objekt, nicht Subjekt." Die Differenzierung zwischen dem Herrscher von Russland und Teilen der Bevölkerung, nicht der gesamten, sei aber wichtig. "Da hoffe ich, dass mittelfristig mehr Vernunft in die Sache hineinkommt", so Milbradt. Er empfiehlt, Deutschland so schnell wie möglich unabhängiger von russischen Gas- und Ölimporten zu machen. "Wir müssen jetzt unser Hauptaugenmerk nicht auf unsere Exporte, sondern auf unsere Importe richten", fordert Milbradt. Dazu müsse auch eine Verlängerung von Kohle-und Atom-Energie geprüft werden.

Das ganze Gespräch hören Sie im Podcast "Politik in Sachsen" direkt über den hier eingebetteten Player.

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