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„Diese Stadt ist viel besser als ihr Ruf“

Das Interview zum SZ-Familienkompass in Weißwasser. Oberbürgermeister Torsten Pötzsch über Probleme, Gutes, Wünsche und staunende Südkoreaner.

Oberbürgermeister Torsten Pötzsch im Neufert-Bau, dem ehemaligen Lager und Versandzentrum der Glasindustrie in Weißwasser. Die wiederzubeleben, ist eine der Hoffnungen des 49-Jährigen.
Oberbürgermeister Torsten Pötzsch im Neufert-Bau, dem ehemaligen Lager und Versandzentrum der Glasindustrie in Weißwasser. Die wiederzubeleben, ist eine der Hoffnungen des 49-Jährigen. ©  Wolfgang Wittchen

Herr Pötzsch, Weißwasser landet mit der Gesamtnote 2,93 bei der Familienkompass-Umfrage auf Platz 121 unter 146 ausgewerteten Gebieten. Sie sind seit genau zehn Jahren Stadtoberhaupt dieser Stadt. Ist das für Sie ein niederschmetterndes Ergebnis oder sagen Sie: Das ist schon in Ordnung so und hat seine Gründe?

Beides. Statistiken muss man sich immer genau anschauen, wie Zahlen zusammenkommen. Man muss sich die gestellten Fragen anschauen und mit Leuten bewerten, die sich in der Materie auskennen. Es gibt Punkte, da sind wir nicht schlecht aufgestellt, und andere, bei denen es gefühlsmäßig vielleicht anders gesehen wird, als es in der Realität ist. Was die Einordnung in eine solche Rangliste anbetrifft, da bin ich relativ schmerzfrei.

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Besonders dramatisch erscheint die Situation beim Thema Arbeit, bei dem Weißwasser in dieser Umfrage den letzten Platz belegt. Was können Sie als Stadt überhaupt tun, außer sich um gute Rahmenbedingungen bemühen?

Wir können Kontakte herstellen. Es kommen Anfragen. Als zum Beispiel die Anfrage zur neuen Außenstelle des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle kam, haben wir uns schon ins Zeug gelegt, dass das hier passiert und nicht woanders. Natürlich verbessern solche Ansiedlungen die Situation ein wenig, weil ausgebildete Mitarbeiter gefragt sind und sich durch die Konkurrenzsituation um sie auch das Lohnniveau etwas verbessert.

Trotzdem, und mit ihren jetzt zehn Jahren Erfahrung als OB: Fühlen Sie sich, was die Schaffung industrieller Arbeitsplätze in Weißwasser betrifft, von der Politik allein gelassen?

Zum Teil schon. Es geht um Aussichtschancen. Zum Beispiel ist uns immer wieder die Erweiterung des Industriegebietes verwehrt worden, mit der Begründung, dass wir noch zwei kleine Flächen frei haben. Aber wir haben eben keine Flächen auf Vorrat. Was ist, wenn ein Investor käme und sagt: «Ich brauche zehn Hektar?» Da ist ja kaum in der Lausitz was da. Und bis ich nach einer solchen Anfrage eine Fläche ausweisen könnte, geht so viel Zeit ins Land, dass dieser Investor längst weg wäre. Wir müssen also etwas auf Vorrat machen, müssten bei den Regionalplänen diesbezüglich besser berücksichtigt werden.

Kommt bei Weißwasser konkret hinzu, dass die Anbindung an eine Autobahn eine Katastrophe ist?

Ja. Viele Investoren wollen keine größere Entfernung zur Autobahn als 15, maximal 20 Minuten. Nun können wir unsere geografische Lage nicht ändern, aber die B 115 Richtung Norden und die B 156 Richtung Bautzen müssten viel besser ausgebaut werden – mit Ortsumfahrungen und mehr Spuren, damit wir für Investoren interessanter werden. Da können wir aber immer nur die Finger in die Wunde legen.

Bei der Frage nach den Zukunftschancen für die Kinder vor Ort ist das Umfrageergebnis völlig ernüchternd. Die Note 4,26 ist eine ganze Schulnote schlechter als der sächsische Schnitt. Niemand, auch Sie selbst nicht, gibt bei dieser Frage eine bessere Note als eine Drei. Glauben die Menschen nicht an Chancen aus dem Strukturwandel?

Da ist was dran, wobei seit dem Zeitpunkt dieser Umfrage in der ersten Jahreshälfte vielleicht das eine oder andere vielleicht schon positiver gesehen wird. Insgesamt aber zweifeln die Menschen nach den Erfahrungen des ersten Strukturwandels nach der Wende daran, dass diesmal alles besser wird. Da fehlt das Vertrauen. Ich sage aber: Diesmal können wir viel mehr selbst beeinflussen. Wenn wir das ordentlich anpacken, sind die Chancen viel größer. Erst vor zwei Wochen waren bei uns Vertreter einer großen Unternehmensgruppe, die in Weißwasser was machen will. Für die war wichtig: Was habt ihr für Schulen, für Sportvereine? Für diese Leute waren die weichen Standortfaktoren wichtiger als die Autobahnanbindung. Können wir hier Leute für unser Vorhaben ausbilden, fühlen sich unsere Mitarbeiter hier wohl? Das macht auf der anderen Seite auch Hoffnung. Nicht alles kann und wird in unserer Stadt passieren. Bei der Leag gibt es Pläne, ein Batteriezentrum zu bauen, im Industriepark Schwarze Pumpe wird investiert, wir reden mit Firmen, die wieder Glasproduktion in der Stadt machen wollen und auch gute Löhne bezahlen.

Die Umfrage offenbart ja auch Widersprüche: Obwohl die Leute ihren Kindern hier kaum Zukunftschancen einräumen, benoten sie die These «Ich fühle mich in meiner Wohngegend wohl», mit einem Notendurchschnitt von 1,74 überragend gut. Kann es sein, dass Ihre Stadt bei den harten Standortfaktoren wie Arbeit oder Verkehrsanbindung eher schlecht wegkommt, bei den weichen Faktoren wie Schulen, Kitas, Wohnumfeld und Vereine aber gut?

Ja, das deckt sich mit meiner Einschätzung. Auf die weichen Standortfaktoren haben wir in der Vergangenheit ja auch viel Wert gelegt. Wenn da Vorschläge kamen, zum Beispiel das Freibad zu schließen, haben wir uns immer dagegen durchgesetzt.

Kommt da Druck vom Kreis, vor allem in Zeiten, in denen es mit dem städtischen Haushalt schwierig war und ist?

Ich glaube, da hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken eingesetzt. Wenn es bei allen Problemen auch noch unattraktiv ist, hier zu leben, ziehen noch mehr Leute weg, und auch die Haushaltslage wird noch schwieriger. Wir haben auch mehrere Sportplätze, die Schwimmhalle, natürlich das Eisstadion, die Bibliothek, den Tierpark. Das sind natürlich Standortfaktoren, die für die Menschen auch zählen, besonders wenn man Kinder hat. Unsere Philosophie war in den letzten Jahren immer: Lasst uns in die Kinder investieren!

Wird das am Ende belohnt?

Es gibt ein paar kleinere Erfolge. Für die kleine private Schule, die wir haben, sind sogar Leute aus Berlin hergezogen. Und es gibt auch Polen, die ihre Kinder in Deutschland zur Schule schicken wollen und herziehen. Am Ende hängt unser Werben um Familien aber immer am Arbeitsplatz. Bei solchen Aktionen wie den Rückkehrertagen haben wir aber auch gemerkt, dass da Potenzial ist. Es ist schön, wenn man auf alten Bildern von diesen Rückkehrertagen Leute sieht, die heute in der Stadt leben.

Wenn man eine gute Arbeit hat, lässt es sich in Weißwasser gut leben, würden Sie sagen?

Definitiv ja. Das spiegeln uns auch die Unternehmen und die Leute, die hergekommen sind, auch zurück. 

Wenn Sie drei Wünsche an die Politik frei hätten, was würden Sie dann fordern?

Ganz wichtig wäre mir eine bessere Infrastruktur. Der Ausbau der Bahnverbindung von Berlin bis Zittau wäre ganz wichtig. Ein Traum wäre eine direkte Bahnverbindung nach Hoyerswerda. Hoyerswerda ist an das S-Bahn-Netz von Dresden angeschlossen. Auch nach Leipzig käme man dann besser. Das Thema Straße haben wir ja schon besprochen, über Erleichterungen beim Ausweisen von Industrieflächen auch. Und dann wünschte ich mir, dass wir in der Lausitz als Modellregion zusammenarbeiten, in der zum Beispiel schnellere Antragsverfahren möglich sind. Vielleicht könnten wir dann auch zeigen, dass man so einen Strukturwandel gut managen kann.

Sind Sie unzufrieden, wie der Strukturwandel  jetzt gemanagt wird?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Strukturverstärkungsgesetz, von dem unsere Region jetzt profitieren kann, nicht gekommen wäre, wenn sich nicht einige Leute vor Ort so ausdauernd dafür eingesetzt hätten, dass sowohl in Brüssel als auch im Bund der Fokus auf die Lausitz gelegt wird. Jetzt, wo es um das Partizipieren geht, kommen natürlich alle mit ihren Projekten. Mich stören Aussagen wie: „Wenn es Görlitz gut geht, geht es dem ganzen Landkreis gut.“ Diese Leuchtturmpolitik ärgert mich. Die Mittel, die jetzt kommen, müssen auch in den Regionen landen, die vom Strukturwandel direkt betroffen sind. Dass das erste dabei die Erweiterung des Landratsamtes in Görlitz war, halte ich für ein schlechtes Zeichen. Auf der anderen Seite ist es eine spannende Zeit – auch mit Riesenchancen für Weißwasser.


Ist die Realität in Weißwasser besser als der Ruf, den auch die Umfrage widerspiegelt?

Diese Stadt ist viel besser als ihr Ruf. Ich würde uns eher im Mittelfeld einordnen. Leute von außen finden das oft toll, was wir hier haben. Wir hatten jetzt Politiker aus Südkorea hier, die sich am Beispiel von Weißwasser erklären lassen wollen, was Deutschland bei der Wiedervereinigung falsch gemacht hat. Die erwarten einfallende Häuser und sind dann völlig erstaunt, was wir hier alles haben, auch noch mit der Natur ringsherum. Wenn sie das auf eine Stadt vergleichbarer Größe in ihrer Heimat übertragen, können sie gar nicht fassen, dass das als Beispiel für Fehler bei der Wiedervereinigung herhalten soll.

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Und Sie selbst? Werden Sie in Weißwasser bleiben, auch wenn Sie mal nicht mehr Oberbürgermeister sind?

Definitiv ja. Dafür, mit dem Gedanken zu spielen, wegzuziehen, sind wir hier viel zu sehr verwurzelt.

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