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Wo Weißwasser auf dem letzten Platz steht

Beim Thema Arbeit wird die Region Weißwasser extrem schlecht bewertet. Aber ist das gerechtfertigt?

Noch dampfen die Kühltürme des Kraftwerks Boxberg der Leag. Sie werden es auch noch lange tun. Was aber nach der Braunkohleverstromung kommt, macht die Familien in Weißwasser unsicher. Auf die Versprechungen des Strukturwandels scheinen viele noch nich
Noch dampfen die Kühltürme des Kraftwerks Boxberg der Leag. Sie werden es auch noch lange tun. Was aber nach der Braunkohleverstromung kommt, macht die Familien in Weißwasser unsicher. Auf die Versprechungen des Strukturwandels scheinen viele noch nich © André Schulze

Weißwasser. Es ist das wichtigste Kriterium, wenn es um die Entscheidung einer Familie geht, wo sie leben wird – die Arbeit. Ein sicherer, interessanter, der eigenen Ausbildung entsprechender Job in nicht zu großer Entfernung, mit guter Bezahlung, angenehmen Rahmenbedingungen und sich bietender beruflicher Perspektive. Wenn das für die Eltern zusammenkommt, dann ist es ein gewaltiges Argument für einen Wohnort. Und ausgerechnet in dieser Kategorie belegt Weißwasser unter den 146 im Rahmen des Familienkompass untersuchten Gebieten den letzten Platz, das Weißwasseraner Umland landet auf dem drittletzten Platz.

Die Weißwasseraner haben fast alle Fragen zum Thema Arbeit deutlich schlechter benotet als im sächsischen Schnitt: Über die Hälfte der Befragten haben auf die Frage: „Es ist leicht, in unserer Region eine Arbeit in meiner Branche zu finden“ mit der Note vier oder fünf geantwortet.

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Auch bei der Frage nach der angemessenen Bezahlung. Die Fragen nach der Sicherheit des Arbeitsplatzes und der Vereinbarkeit der Arbeit mit der Familie wurden zwar etwas besser bewertet, aber immer noch unter dem sächsischen Durchschnitt. Nur die Frage nach der Länge des Arbeitsweges wurde etwas günstiger bewertet.

Die Frage aber, die einen echten Negativrekord in der gesamten Umfrage darstellt, ist die nach den Zukunftschancen für die Kinder vor Ort: Vier von fünf Befragten haben eine Vier oder Fünf gegeben, auch im Umland.

Na klar, das vereinbarte Ende der Kohleverstromung, die damit verbundene Unsicherheit, sind die Gründe – aber nur auf den ersten Blick. Immerhin wird noch 18 Jahre lang Braunkohle verstromt, und auch danach wird es bei der Leag, dem wohl wichtigsten Arbeitgeber der Region, noch gut bezahlte Jobs geben, mindestens beim Rückbau der Anlagen, hoffentlich auch bei neuen Tätigkeitsfeldern. Also sehen die Weißwasseraner Familien ihre Situation schlechter, als sie tatsächlich ist?

So schlecht steht die Stadt nicht da

Das sieht zumindest Thorsten Rennhak so, in der Stadt Weißwasser für Wirtschaftsförderung zuständig: „Die Zahl der Arbeitsplätze in Weißwasser ist zuletzt wieder gestiegen, die Arbeitslosenquote wieder gesunken, was natürlich auch mit der Demografie zu tun hat. Außerdem pendeln viele Weißwasseraner zu auch gut bezahlten Jobs ins Umland, zum Beispiel zur Leag oder auch in den Raum Bautzen oder Cottbus“. So gering, einen guten Job zu finden, sieht Rennhak die Chancen also nicht, wobei das natürlich für bestimmte Berufe auch schwieriger sein kann.

Bei den Verdiensten geht die Schere auseinander, so wie fast überall in den strukturschwachen Regionen. Natürlich gibt es gutdotierte Industriearbeitsplätze, die Glasindustrie mit ihrer langen Tradition in Weißwasser ist immer noch da, aber es gibt auch Betriebe, die auf Niedriglohn setzen. Gut verdient wird auch im öffentlichen Dienst (Stadtverwaltung, Krankenhaus, neue Behörden). Sollten gutbezahlte Jobs künftig wegfallen, tut das weh, weil damit auch dem Kreislauf Geld entzogen werden würde, die Gutverdiener ihr Geld ja auch vor Ort wieder ausgeben.

Weiche Standortfaktoren sind gut

Gegensteuern kann die Stadt nur bedingt. Sie kann nur Rahmenbedingungen schaffen, um so interessant für Neuansiedlungen zu sein – gerade jetzt, wo der Strukturwandel beginnt. „Bislang war die fehlende Nähe zur Autobahn oft das Totschlagargument“, sagt Rennhak. Inzwischen fehlen auch größere freie Flächen für Industrieansiedlungen. Das soll sich in den nächsten Jahren wieder ändern.

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„Was wir gut beeinflussen können, sind die weichen Standortfaktoren. Die soziale Infrastruktur mit Kindertagestätten, Schulen, Krankenhaus, Freizeitgelegenheiten wie Eisarena, Sportvereine, Tierpark, Bibliothek, Schwimhalle halten wir vor und auf dem neuesten Stand. Das alles ist wichtig für Mitarbeiter der Unternehmen und interessiert auch Investoren immer mehr. Dazu gehören auch gute Grundstückspreise.“ Was den Ausblick in die Zukunft betrifft, wünscht sich Thorsten Rennhak etwas mehr Optimismus: „Warum soll die Lausitz keine Energieregion bleiben – auf moderne, innovative Weise, mit gut bezahlten und sicheren Jobs. Jetzt kommen spannende Zeiten!“

So wird die Arbeit in Weißwasser bewertet

Die Grafik zeigt ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen. Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung der Frage von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut) an, der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grünes Dreieck:
Die Grafik zeigt ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen. Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung der Frage von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut) an, der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grünes Dreieck: © SZ-Grafik

So wird die Arbeit im Umland von Weißwasser bewertet

Die Grafik zeigt ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen. Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung der Frage von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut) an, der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grünes Dreieck:
Die Grafik zeigt ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen. Der Wert rechts über der Farbskala gibt die durchschnittliche Bewertung der Frage von 5 (sehr schlecht) bis 1 (sehr gut) an, der graue Balken zeigt die Abweichung vom Sachsen-Schnitt. Grünes Dreieck: © SZ-Grafik

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