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Für die Dauercamper tickt die Uhr

Der Forst will den Campingplatz Heidemühlenteich bei Karsdorf auflösen. In fünf Jahren sollen alle Bauten geschleift sein.

"Den Sinn für das Zulässige verloren." Der Campingplatz am Karsdorfer Heidemühlenteich entwickelt sich unerlaubt zur Splittersiedlung, sagt Sachsenforst-Jurist Tobias Gockel.
"Den Sinn für das Zulässige verloren." Der Campingplatz am Karsdorfer Heidemühlenteich entwickelt sich unerlaubt zur Splittersiedlung, sagt Sachsenforst-Jurist Tobias Gockel. © Karl-Ludwig Oberthür

Ein Mann in Holzfällerkaro, die Mütze über die Ohren gezogen, hantiert in den verkohlten Resten, die mal sein Bungalow waren. Aus dem Wirrwarr zieht er Metallteile hervor, Rohre, Gestänge, Heizkörper, um sie in den Schrottcontainer zu schmeißen. Es ist mehr als nur Brandschutt, den er hier entsorgt. "Ich schmeiße die Reste meines Lebens weg."

Das Leben von Hagen Kusebauch, bald 63, spielt sich seit über dreißig Jahren auf dem Waldcampingplatz Heidemühlenteich bei Karsdorf in der Dippoldiswalder Heide ab. Ende der 1980er lernte er hier seine Frau kennen. Noch kurz vor der Wende kaufte er sich eine Dauerunterkunft, einen alten Zirkuswagen, der beinahe so teuer war wie ein werksneuer Trabi.

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Bilder aus besseren Tagen: Das Naherholungszentrum Heidemühlenteich mit Campingplatz auf einer Postkarte der DDR aus den 1980ern.
Bilder aus besseren Tagen: Das Naherholungszentrum Heidemühlenteich mit Campingplatz auf einer Postkarte der DDR aus den 1980ern. © Quelle: Sammlung Th. Paul

Das Ende der DDR krempelte sein Leben um. Sein Job im Freitaler Edelstahlwerk - er leitete die Instandhaltung, war für hunderte Kräne verantwortlich - wurde eingespart. Als er 1991 in der Zeitung las, es werde ein Campingplatzbetreiber am Heidemühlenteich gesucht, bewarb er sich. Und schon bald zog er in den Platzleiter-Bungalow ein.

Zahl der Camper hat sich halbiert

Fast zweihundert Wohnwagen standen damals auf dem Gelände. Heute sind es noch etwa hundert, teils seit Generationen in festen Händen. Durchreisende Camper gibt es, spätestens seit Umwandlung der B170 zur "Spielstraße", wie Kusebauch es nennt, kaum noch, eine Folge des Autobahnbaus.

Behausungen wie diese haben mit Camping nicht mehr viel zu tun, sagt der Forst. Er will, dass alle Schwarzbauten binnen fünf Jahren verschwinden.
Behausungen wie diese haben mit Camping nicht mehr viel zu tun, sagt der Forst. Er will, dass alle Schwarzbauten binnen fünf Jahren verschwinden. © Karl-Ludwig Oberthür

Die Verbliebenen fühlen sich laut der Kommentare im Netz meistenteils wohl. Man findet Ruhe, Freunde, einen schönen See und viel Platz für den Hund. Aber es gibt auch Kritik: "Schade, dass nichts mehr gemacht wird." Oder: "Kurz nach der Wende stehengeblieben." Oder: "Das absolut Letzte." Hagen Kusebauch räumt ein, es sei nicht alles Gold bei ihm. "Aber es hat all die Jahre funktioniert."

"Man versucht, Grenzen auszutesten"

Wie es funktioniert, geht dem Staatsbetrieb Sachsenforst, dem die Fläche gehört und der bisher Kusebauchs Vermieter war, gehörig gegen den Strich. Mit Camping hätten die Zustände kaum noch etwas gemein, sagt Tobias Gockel, Leiter des Sachenforst-Referats Recht. Man habe es mit einer sich verfestigenden Splittersiedlung zu tun. Der Sinn für das Zulässige sei verloren gegangen. "Man versucht, Grenzen auszutesten."

Einer Burg kommt die Einhausung dieses Wohnwagens gleich. Sie wird der Neuordnung des Waldes nicht widerstehen können.
Einer Burg kommt die Einhausung dieses Wohnwagens gleich. Sie wird der Neuordnung des Waldes nicht widerstehen können. © Karl-Ludwig Oberthür

Der Campingbetrieb wurde 1968 aufgenommen. In alten Plänen ist von 20 Pkw-Stellplätzen für "Autocamping" die Rede, daneben sollte Platz für 120 Zelte bleiben. Tatsächlich wurden keine touristischen Campingwagen aufgestellt, sondern andere Mobilunterkünfte wie Bau- und Zirkuswagen oder Wohncontainer. Fahrbereit, wie es für Camping die Norm wäre, waren diese Behausungen schon zu DDR-Zeiten kaum noch.

Bauarbeiten ohne Erlaubnis des Vermieters

Die Urbauten, soweit sie Bestandsschutz haben, klammert Tobias Gockel aus dem Problem aus. Was ihn ärgert ist, dass auch nach der Wende in Größenordnungen um- und ausgebaut wurde, ohne Erlaubnis des Forsts, und auch, da ist er überzeugt, entgegen der Bauordnung. Man befinde sich im Außenbereich. Eigenständige Baulichkeiten mit Dach und Tür seien unzulässig. "Diese Grenze dürfte bei einer ganzen Anzahl von Objekten erreicht sein."

"Zustand, der nicht mehr tolerabel ist." Forstjurist Gockel hält die verwegene Anordnung von Kabeln und Antennen für die Akten fest.
"Zustand, der nicht mehr tolerabel ist." Forstjurist Gockel hält die verwegene Anordnung von Kabeln und Antennen für die Akten fest. © Karl-Ludwig Oberthür

Was er meint, zeigt er beim Rundgang: Zwar ist der Wohnwagen oft als Keimzelle zu erkennen. Doch dann: eine Naht aus Bauschaum, ein größerer Anbau, Faserplatten, Dämmung, Putz, separater Eingang. "Daran ist nichts Mobiles mehr." Manchmal sind sogar Essen zu sehen. Neulich warb ein Besitzer bei Ebay für seine zum Verkauf stehende "Waldhütte". Der Kamin schaffe es, schrieb er stolz, die Hütte auf 50 Grad zu erwärmen.

Wegen Munition: Feuerwehr muss Abstand halten

Feuern unter Fichten, die womöglich bald noch knacktrocken werden, wenn der Borkenkäfer so weiter frisst - "da schlägt's dreizehn", sagt Tobias Gockel. Abgesehen davon, dass es verboten ist, gäbe es im Ernstfall ein Problem mit dem Löschen. Da das Gelände im Verdacht steht, mit Weltkriegsmunition verseucht zu sein, dürfte sich die Feuerwehr genau genommen nicht ohne Weiteres nähern.

Auch ein Problem des Platzes: Müll. Dieser herrenlose Bastei-Camper aus DDR-Produktion ist mit Unrat vollgestopft.
Auch ein Problem des Platzes: Müll. Dieser herrenlose Bastei-Camper aus DDR-Produktion ist mit Unrat vollgestopft. © Karl-Ludwig Oberthür

Das Flair der Behausungen changiert. Adrettes Balkonien gibt es genauso wie verwahrloste Verschläge. Zwischen den Bäumen ist ein abenteuerlich anmutendes Kabelnetz gesponnen. Satellitenschüsseln sind an Strommasten festgezurrt. Schilder aufhängen ist beliebt: Opa GmbH. Vorsicht, wachsamer Nachbar. Irrenanstalt - Betreten auf eigene Gefahr.

Freunde des Reichsadlers fliegen raus

Manche erklären ihre Parzelle mittels Adler-Schild zum "Deutschen Schutzgebiet" oder weisen darauf hin, dass vor der Wohnwagentür die "Deutsche Reichsgrenze" verläuft. Tobias Gockel hat fünf solche Schilder gezählt. Für ihn steht fest: Wer sowas aufhängt, stellt die verfassungsmäßige Ordnung infrage. Strafbar sei das nicht, aber auf Grund und Boden des Freistaats nicht akzeptabel. Neue Verträge werde es für diese Camper nicht geben.

Das Reich lebt: Schilder wie dieses sind keine Seltenheit auf dem Campingplatz Heidemühlenteich. Der Forst will solche Untermieter nicht mehr dulden.
Das Reich lebt: Schilder wie dieses sind keine Seltenheit auf dem Campingplatz Heidemühlenteich. Der Forst will solche Untermieter nicht mehr dulden. © Karl-Ludwig Oberthür

Doch auch für die anderen läuft die Zeit ab am Heidemühlenteich. Das Areal ist nicht entwicklungsfähig, sagt Gockel. Um den Platz weiter anbieten zu können, müsste groß investiert werden. Dass das nicht gewollt ist, hat der Forst im Grundsatz schon vor Jahren beschlossen. "Unsere Aufgabe ist der Erhalt und die Entwicklung von Wald", sagt Sven Irrgang, der den zuständigen Forstbezirk Bärenfels leitet.

Ursache des Bungalowbrands liegt im Dunklen

Binnen fünf Jahren sollen sämtliche Bauten weg sein. Mit den Nutzern des Altbestands will der Forst sich selbst einigen, Hagen Kusebauch soll für die Demontage aller in seiner Amtszeit entstandenen Baulichkeiten sorgen. Für die schrumpfenden Einnahmen - ein Standplatz kostete zuletzt um die 500 Euro pro Saison - bietet der Forst Mietminderung an. Tobias Gockel weiß, dass mit den Wagen auch Lebensgeschichten verschwinden werden. Man werde behutsam vorgehen. "Wer sich einbringt und mitzieht, für den finden wir eine Lösung."

Die Reste des Sommersitzes von Platzleiter Kusebauch: Anfang Dezember 2020 brannte der Bungalow aus bisher nicht geklärter Ursache nieder.
Die Reste des Sommersitzes von Platzleiter Kusebauch: Anfang Dezember 2020 brannte der Bungalow aus bisher nicht geklärter Ursache nieder. © Karl-Ludwig Oberthür

Hagen Kusebauch, dessen Mietvertrag zurzeit gekündigt ist, hat noch nichts Neues unterschrieben. Im Grundsatz hat er den Deal akzeptiert. Was bleibt ihm anderes übrig, sagt er. "Es bringt doch nichts, sich gegen Windmühlenflügel zu stemmen." Mit seinem Platzleiter-Bungalow ist ein Bau schon vorfristig verschwunden. Anfang Dezember 2020 stand er plötzlich in Flammen. Laut Kripo ist die Ursache bislang unklar.

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