merken
PLUS Freital

Alarmstufe Lila

Satelliten liefern Bilder des Waldsterbens. Doch vielerorts gedeiht längst neues Leben, auch im Tharandter Wald.

Zu klein fürs Satellitenauge? Grillenburgs Revierförster Holger Baumann freut sich mit Praktikantin Julia Ackermann über seine jungen Eichen. Aus dem All betrachtet, sieht das Gelände noch kahl aus.
Zu klein fürs Satellitenauge? Grillenburgs Revierförster Holger Baumann freut sich mit Praktikantin Julia Ackermann über seine jungen Eichen. Aus dem All betrachtet, sieht das Gelände noch kahl aus. © Norbert Millauer

Nur gucken, nicht anfressen! Das gebietet den Rehen und Hasen ein Drahtzaun, der mitten im Tharandter Wald um eine fußballfeldgroße Leere gezogen ist. Denn leer ist es hier keineswegs. Wer genau hinschaut, erkennt die Stieleichen, die Revierförster Dirk Junkuhn vor zwei Jahren gepflanzt hat. Ausfallrate? Praktisch null. "Die stehen wie die Orgelpfeifen."

Bis zum Januar 2018, bis Orkan Friederike kam, standen hier 110 Jahre alte Fichten. Dass sie plötzlich weg waren, ist sogar im Weltall aufgefallen. Die Sentinel-Satelliten, Erdbeobachter aus dem Copernicus-Programm, haben die Veränderung fotografiert. Förster Junkuhns Eichenschwuppen übersehen sie. Daher gilt sein Baumkindergarten noch als kleines Stück der großen Katastrophe.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Satellitenfotos aus drei Jahren analysiert

Im sächsischen Wald herrscht Alarmstufe Lila. Lila, so sehen auf den Satellitenbildern von Copernicus jene Waldteile aus, die seit Oktober 2017, seit Beginn der Sturm-, Dürre- und Käferjahre, geschädigt wurden, dazwischen Flecken von rosa, wo gar nichts mehr steht. Die Färbung geht auf Analysen des Kompetenzzentrums Wald und Forstwirtschaft in Graupa zurück, quasi die Forschungsabteilung vom Staatsbetrieb Sachsenforst. Danach sind rund 17 Prozent des Sachsenwalds in Mitleidenschaft gezogen.

Schadmuster in lila: Dirk-Roger Eisenhauer vom Kompetenzzentrum des Sachsenforsts vor einem Satellitenbild der Sächsischen Schweiz.
Schadmuster in lila: Dirk-Roger Eisenhauer vom Kompetenzzentrum des Sachsenforsts vor einem Satellitenbild der Sächsischen Schweiz. © Steffen Unger

Die Satelliten tasten die Erdoberfläche, auch den Freistaat, im Abstand weniger Tage immer wieder ab. Fernerkunder von Sachsenforst haben sich die Bilder besorgt und anhand des Reflexionsverhaltens in bestimmten Wellenlängenbereichen gesunde von geschädigter Vegetation unterschieden. Auch Veränderungen in der Textur des Waldes wurden erfasst.

Ursache der Veränderungen bleibt unscharf

Als schadhaft gelten sachsenweit etwa 820 Quadratkilometer Wald. Die Freiflächen umfassen 75 Quadratkilometer. Insgesamt entspricht das beinahe dem Dreifachen der Fläche Dresdens. Der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist mit fast 140 Quadratkilometern Schadfläche am drittschwersten betroffen. Bezogen auf den Landeswald liegt er sogar auf Platz eins unter allen sächsischen Kreisen und kreisfreien Städten.

Diese Fläche im Revier Tharandt ist aus dem All besehen kahl. Praktikantin Julia Ackermann aber findet schon viele kleine Stieleichen.
Diese Fläche im Revier Tharandt ist aus dem All besehen kahl. Praktikantin Julia Ackermann aber findet schon viele kleine Stieleichen. © Norbert Millauer

"Die Vogelperspektive gibt uns einen Überblick über das Schadensmuster im Gesamtwald", sagt Dirk-Roger Eisenhauer, Chef des Kompetenzzentrums. Diese Perspektive erkennt Veränderungen in immensem Ausmaß. Was sie nicht kann, ist, zu erkennen, was genau diese Veränderung auf einer konkreten Fläche verursacht hat: Sturm? Käferfraß? Oder doch der Waldbesitzer, der planmäßig Holz geschlagen hat?

Umweltminister: lautlose Naturkatastrophe

Dirk-Roger Eisenhauer ist sicher: Wetterextreme und Borkenkäfermassen waren die prägenden Ursachen für die aus dem All beobachteten Veränderungen der Vegetation. Er geht davon aus, dass, dank Waldumbau, im überwiegenden Teil der Gebiete schon junge Bäume "mit großer Anpassungsfähigkeit für die Zukunft" wachsen. Ob das der Fall sei, könne man, vorerst, nur direkt im Wald feststellen.

Die Veränderungen im Tharandter Wald seit Oktober 2017: Lila Flächen gelten als geschädigt, die rosa Bereiche als Freiflächen.
Die Veränderungen im Tharandter Wald seit Oktober 2017: Lila Flächen gelten als geschädigt, die rosa Bereiche als Freiflächen. © SZ Grafik

Der lila gescheckte Wald, in mancher Gegend mehr lila als grün, macht Eindruck. "Die Herausforderung durch diese lautlose Naturkatastrophe bleibt riesig", sagt Wolfram Günther, Sachsens Umweltminister. Für Sven Irrgang, Chef des Forstbezirks Bärenfels, zu dem der Tharandter Wald gehört, ist das der eigentliche Effekt der Fotos: Entscheidungsträgern und Öffentlichkeit klar machen, dass es ein großflächiges Problem gibt. "Das geht nur über solche Bilder."

Operative Entscheidungen ohne Satellit

Im schlimmsten Jahr der Waldkrise, 2019, hatte Irrgangs Bezirk um die 280.000 Kubikmeter Schadholz zu verkraften, mehr als das Doppelte einer normalen Jahresernte. Aber es wurde auch neu gepflanzt. Aktuell kommt wieder eine knappe Million Bäume in die Bestände. Was wo wachsen soll, wissen seine Förster am besten, sagt Irrgang. "Für operative Entscheidungen sind die Satellitenbilder nicht relevant."

In diesem Waldstück bei Dorfhain wurden Altbäume gefällt um Weißtannen mehr Licht zu geben. Der Satellit missversteht die Veränderung als Schaden.
In diesem Waldstück bei Dorfhain wurden Altbäume gefällt um Weißtannen mehr Licht zu geben. Der Satellit missversteht die Veränderung als Schaden. © Norbert Millauer

Das liegt vor allem daran, dass die Fotos aus dem All keine Verbindung zur Akte der einzelnen Waldstücke haben, die jeder Förster per Computerprogramm, dem Forstinformationssystem, pflegt. Dort trägt er jeden Arbeitsschritt ein. Karten dieses Systems sind nicht lila, sondern kunterbunt: orange bedeutet Tanne, grün Buche, grau Fichte. Und hellgelb sehen die Eichen aus, etwa die von Förster Junkuhn. Für die Entscheidung, sie zu pflanzen, wäre die Information des Satelliten, dass es Platz dafür gibt, zwei Jahre zu spät gekommen.

Stress in der "Naundorfer Badewanne"

Dass auch im Tharandter Wald Alarmstufe Lila gilt, ist offensichtlich. Die Farbtupfer sind überall, besonders aber westlich der Enklave Grillenburg in Richtung Naundorf. Hier gibt es viele nasse Ecken. Holger Baumann, Revierförster von Grillenburg, nennt es die "Naundorfer Badewanne". Die Fichten wurzeln in der dünnen Humusschicht, durchdringen aber nicht den Lehm darunter. Wird es doch mal trocken, kriegen die Bäume gleich Stress, stürmt es, finden sie keinen Halt.

Schlagfertig: Damit Wildschweine nicht auf den neuen Bäumen herumkauen, werden sie im Tharandter Wald mit Stromzäunen geschützt.
Schlagfertig: Damit Wildschweine nicht auf den neuen Bäumen herumkauen, werden sie im Tharandter Wald mit Stromzäunen geschützt. © Norbert Millauer

Doch auch Holger Baumann hat Flächen, die, obwohl nicht beschädigt, aus dem Weltall zur Katastrophe gezählt werden. Eine liegt am Dorfhainer Weg, nahe bei der Warnsdorfer Quelle. Vor neun Jahren hat er hier selber einen kleinen Kahlschlag vorgenommen, um Eichen zu pflanzen. Die Eiche mag keine Wasserkonkurrenz. Deshalb findet sie es ganz gut, wenn die Altbäume weg sind.

Diebe legen Stromzaun lahm

Inzwischen muss Förster Baumann schon den Kopf in den Nacken legen, um in die Krone manches Eichbaums zu blicken. Noch ein, zwei Jahre, dann ist es zu dunkel für das Gras darunter. Verschwindet es, so schwindet auch die Bedrohung durch die Mäuse. "Dann haben wir gewonnen", sagt Baumann. Falls nicht doch mal Nass-Schnee im Oktober fällt und alles zerdrückt.

Im Nationalpark Sächsische Schweiz werden die Schäden nicht bekämpft. Der neue Wald, hier 2018 am Hochhübel aufgenommen, kommt trotzdem.
Im Nationalpark Sächsische Schweiz werden die Schäden nicht bekämpft. Der neue Wald, hier 2018 am Hochhübel aufgenommen, kommt trotzdem. © Norbert Millauer

Dazwischen kommen kann immer was, das wissen die Förster. So kauen neuerdings Wildschweine gern auf den Wurzeln frisch gepflanzter Eichen herum. Stromzäume werden aufgestellt, die Schwarzkittel abzuhalten. Das funktioniert. Solange Diebe nicht den Impulsgeber klauen.

Weiterführende Artikel

Das Experiment im Erzgebirgswald

Das Experiment im Erzgebirgswald

Derzeit läuft im Forstbezirk Bärenfels vieles anders als normal. Trotzdem wird rund eine Million Bäumchen gepflanzt, darunter auch Mammutbäume und Atlaszedern.

Im April wird wohl der Kampf mit dem Käfer wieder losgehen. Für Forstbezirkschef Irrgang steht die Taktik fest, um die lila Flecken in seinem Wald nicht ausufern zu lassen: Möglichst früh möglichst viele befallene Bäume finden und fällen. "Das wird der entscheidende Faktor sein."

Mehr Nachrichten aus Freital lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Freital