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So testen Dresdner Raketen und Straßenbahnen

Der Traditionsbetrieb IMA Dresden gehört jetzt Spaniern. Warum dieser Verkauf neue Arbeit an den Flughafen Dresden bringen kann.

Große Prüfstände: Teile der Trägerrakete für die Ariane 6 sind bei IMA Materialforschung und Anwendungstechnik in Dresden getestet worden. IMA Dresden ist künftig spanisch.
Große Prüfstände: Teile der Trägerrakete für die Ariane 6 sind bei IMA Materialforschung und Anwendungstechnik in Dresden getestet worden. IMA Dresden ist künftig spanisch. © IMA/Andreas Scheunert - Lichtwerkedesign

Dresden. Jeder Autofahrer kennt Tüv und Dekra, denn sie vergeben alle zwei Jahre die Prüfplaketten. Doch wer testet Flugzeugflügel und Wasserhähne, Hüftgelenk-Implantate und neue Baustoffe? In vielen Fällen sind es Dresdner: In einer großen Halle neben dem Flughafen sowie in Laboren im Industriegelände arbeiten 240 Experten des Unternehmens IMA Materialforschung und Anwendungstechnik GmbH.

Sie arbeiten künftig für die spanische Firmengruppe Applus. Doch der Geschäftsführer und bisherige Mitbesitzer Professor Thomas Fleischer sieht in dem Besitzwechsel Chancen für noch mehr Aufträge für IMA Dresden. Fleischer sagte der Sächsischen Zeitung, der neue Eigentümer sei der optimale Partner und biete den Dresdnern verbesserte Entwicklungsperspektiven in aller Welt. Dabei hat IMA schon selbst eine Niederlassung in Schanghai.

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Vier Ingenieure retten Betrieb nach der Wende

Bekannt geworden ist IMA vor allem durch Belastungstests am Doppelstockflugzeug Airbus A 380 vor rund zehn Jahren. Damals steckten Rumpf und Flügel des Riesenfliegers in hohen Gerüsten in der Halle am Flughafen, und die Prüftechnik zerrte am Material.

Festigkeit und Lebensdauer sind laut Geschäftsführer Fleischer meistens die Prüfaufgaben von IMA. Das galt auch für das Unternehmen selbst: Nach der Wiedervereinigung geriet der Vorgänger, das Instituts für Leichtbau, in Existenznot. Vier leitende Ingenieure wagten auf eigene Rechnung die Übernahme und führten den Betrieb 1993 mit knapp 100 Beschäftigten als Management-Buy-Out weiter.

Inzwischen hat sich die Belegschaft mehr als verdoppelt und kann nach Fleischers Einschätzung weiter wachsen. Von den vier Manager-Unternehmern ist keiner mehr dabei, Fleischer selbst kam 1994 zu IMA. Er hatte am Lehrstuhl Betriebsfestigkeit der Technischen Universität Dresden gearbeitet. Auch an Festigkeitsprüfungen für den Wiederaufbau der Frauenkirchenkuppel arbeitete er mit. Bei IMA war Fleischer bis vor kurzem einer der beiden Gesellschafter, die nun ihre Anteile an die Applus-Gruppe verkauft haben.

Auch kleine Teile müssen großen Kräften standhalten: Gelenk-Implantate werden bei IMA einem Lebensdauertest unterzogen. Halten sie fünf Millionen Bewegungen aus?
Auch kleine Teile müssen großen Kräften standhalten: Gelenk-Implantate werden bei IMA einem Lebensdauertest unterzogen. Halten sie fünf Millionen Bewegungen aus? © IMA/Andreas Scheunert - Lichtwerkedesign

"Die Arbeitsplätze sind sicher"

Die spanische Gruppe hat laut Fleischer wie andere Prüfkonzerne in den vergangenen Jahren Interesse an der IMA geäußert und passt nach seinen Angaben auch von der Mentalität her gut zum Dresdner Unternehmen. Zwar ist Applus schon in Deutschland vertreten und erbringt mit seiner Laborsparte Dienstleistungen in Werkstoffprüfung, Zertifizierung und Entwicklungstechnik. Doch laut Fleischer gibt es vor allem Ergänzungen und wenige Überschneidungen zu den IMA-Sparten.

„Die Arbeitsplätze sind sicher“, sagt der Geschäftsführer, der wie seine beiden Kollegen im Unternehmen bleibt. Auch der Firmenname bleibt nach seiner Einschätzung erhalten – der sei schließlich in Fachkreisen auch in den USA und China bekannt. Jordi Brufau, Executive Vice President der Division Applus Laboratories, sagte laut Pressemitteilung, IMA Dresden leiste einen wichtigen Beitrag „in dieser zunehmend schwierigeren und umweltverträglicheren Epoche, in der alle Verkehrssysteme effizienter werden müssen“.

Neue Dresdner Straßenbahn im Belastungstest

Wachstum für IMA erwartet Fleischer durch die neuen Technologien im Automobilbau – mit Leichtbau und neuen Werkstoffen. Neue Produkte benötigen Zertifikate, häufig begleiten IMA-Experten auch die Produktion. Außer Autos und Flugzeugen gehören auch Bahnen zu den Prüfobjekten der Dresdner – genügend Platz dafür haben sie.

Jedes Jahr füllen Drehgestelle und Wagenkästen die Prüfhallen, Ultraschall und Magnetpulver gehören zum Test. Fleischer freut sich, dass IMA derzeit an einem großen sächsischen Projekt beteiligt ist: an der neuen Dresdner Straßenbahn. Für das Alstom-Werk Bautzen testet IMA die statische Belastung der Waggons.

Kunden aus Asien lassen in Dresden testen

Großaufträge aus der Flugzeugbranche sind rar geworden, laut Fleischer gibt es derzeit in der EU kein Flugzeugentwicklungsprogramm. Doch ganz ähnliche Aufträge bekam IMA aus der Raumfahrt, etwa zu Raketenstufen der Ariane-6-Trägerrakete. Raketenhüllen sind beim Start großen Belastungen ausgesetzt.

Die Dresdner sind spezialisiert darauf, solche Lasten gezielt einzusetzen. Und wenn es um Gelenkimplantate für Menschen geht, dann bewegen sie die eben fünf Millionen Mal in der anatomisch korrekten Stellung. So lässt sich die Lebensdauer simulieren.

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Die IMA entwickelt auch den Schichtaufbau von Flügeln für Windkraftanlagen, gemeinsam mit den Herstellern. Bei Rohrprüfungen ist das Unternehmen Nummer zwei in Deutschland, sagt Fleischer. Selbst asiatische Hersteller lassen bei IMA Dresden ihre Produkte testen – wenn sie ein Zertifikat für den deutschen Markt brauchen. Der Umsatz von rund 25 Millionen Euro pro Jahr wird nach Fleischers Einschätzung in diesem Jahr steigen.

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