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Wird eine Hausversicherung zur Pflicht?

Laut Forsa-Umfrage ist die Mehrheit der Deutschen für den obligatorischen Schutz vor Elementarschäden. Was Sachsens Verbraucherschützer jetzt planen.

Auch in Sachsen haben Mitte Juli Starkregenfälle Häuser, Grundstücke und Straßen beschädigt – hier in Krippen in der Sächsischen Schweiz.
Auch in Sachsen haben Mitte Juli Starkregenfälle Häuser, Grundstücke und Straßen beschädigt – hier in Krippen in der Sächsischen Schweiz. ©  Ronald Bonss

Der von Tief „Bernd“ entfesselte Starkregen hat bundesweit Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe verursacht. Parallel zum Beginn des Wiederaufbaus mehren sich nun die Stimmen für eine gesetzliche Pflichtversicherung gegen Elementarschäden. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage sprechen sich mittlerweile 59 Prozent der Deutschen dafür aus, Hausbesitzern den Abschluss einer solchen Versicherung vorzuschreiben. 37 Prozent sind dagegen, der Rest unentschieden. „Auch eine nach Risiko gestaffelte Prämie zwischen fünf und 50 Euro monatlich halten fast drei Viertel der Befragten für angemessen“, sagt Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen, die die Umfrage beauftragt hat. Die Zustimmung falle bei Hausbesitzern und Mietern ähnlich hoch aus, ebenso in Ost und West.

In vielen Verträgen deckt die Wohngebäude- oder Hausratpolice lediglich Schäden durch Hagel, Brand, Blitzschlag, Sturm und auslaufendes Leitungswasser ab. Was fehlt, ist ein Zusatzbaustein, der bei Zerstörungen durch Starkregen, Hochwasser, Erdrutsche, Erdsenkungen, Schneedruck, Lawinen, Erdbeben und Vulkanausbrüche greift. Laut Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sind nur 46 Prozent aller Gebäude in Deutschland gegen derlei Elementarschäden versichert. Sachsen hat mit 48 Prozent eine minimal höhere Quote, Baden-Württemberg hingegen, wo bis 1993 eine Versicherungspflicht bestand, kommt auf 94 Prozent.

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In Extremfällen fünfstellige Jahresprämien

Eigentümerverbände wie Haus und Grund lehnen einen Versicherungszwang ab. Eines ihrer Argumente: Für Eigentümer in Risikogebieten könnten die Prämien unbezahlbar werden. So nützlich die Pflicht zur Absicherung auch sein möge, lasse sie doch auch die Kosten des Wohnens weiter ansteigen, gibt Verbandspräsident Kai Warnecke zu bedenken. Das träfe auch die Mieter. Denn laut Betriebskostenverordnung dürfen die Kosten für die Elementarversicherung umgelegt werden.

Tatsächlich zahlten manche Hausbesitzer in Extremfällen Jahresprämien von „20.000, 30.000 Euro“, weiß Andreas Eichhorst vom Vorstand der Verbraucherzentrale Sachsen. „Für diese Betroffenen müssen gesonderte Lösungen gefunden werden.“ In der Masse jedoch seien die Kosten für zusätzlichen Elementarschadenschutz moderat. In einem Gebiet, für das statistisch gesehen nur alle 200 Jahre ein Hochwasser zu erwarten ist, würden in der Regel weniger als 100 Euro pro Jahr fällig, sagt Eichhorsts Stellvertreterin Andrea Heyer.

Die Verbraucherschützer hoffen, dass die Politik in der nächsten Legislaturperiode den Weg für eine Versicherungspflicht frei macht. In den Wahlprogrammen der Parteien findet sich allerdings wenig zu diesem Thema. Aufschlussreicher sind inhaltliche Statements von Union, SPD, FDP und Grünen, die der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen beim zuständigen Bundesministerium kürzlich erbeten hat. „Keine der Parteien, die uns geantwortet haben, lehnt eine solche Pflicht kategorisch ab“, sagt Professor Gert G. Wagner, selbst Mitglied des Beratergremiums. Allerdings sei mehrfach erklärt worden, zuvor müssten verfassungsrechtliche Bedenken ausgeräumt werden. Von der AfD habe man keine Antwort erhalten.


Aus Sicht des Marburger Jura-Professors Markus Roth kann eine obligatorische Elementarschadenversicherung durchaus verfassungsgemäß ausgestaltet werden. So habe das Bundesverfassungsgericht in den 1970er-Jahren eine solche Regelung für Baden-Württemberg gebilligt, sagt der Rechtswissenschaftler. Weitere Pro-Argumente seien ähnliche Regelungen in vielen Kantonen der Schweiz oder in Frankreich.

Weitgehend unstrittig ist, dass die Kosten für Versicherungen durch häufigere Extremwetterereignisse steigen dürften. Selbst bei Erreichen des im Pariser Klimaabkommen genannten 1,5-Grad-Ziels könnten Elementarschäden hierzulande bis 2040 um mehr als 90 Prozent zulegen, heißt es in einer diese Woche vorgestellten Studie des Swiss Re Institute, einer Forschungsabteilung des weltweit zweitgrößten Rückversicherers. Für Großbritannien nennen die Wissenschaftler einen Wert von bis zu 120 Prozent. „Jede Bürgerin und jeder Bürger in Deutschland kann von unwetterartigen Starkregen-Ereignissen wie an der Ahr betroffen sein“, sagt Professor Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Seine Schlussfolgerung: „Wir brauchen eine All-Unwetter-Versicherung.“ Aus Sicht der Verbraucher sei ohnehin nicht nachvollziehbar, „warum man sein Haus gegen Sturm versichern muss, nicht aber gegen Starkregen“.

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Die Verbraucherzentrale setzt derweil ihre Infokampagne fort. Für den 14. September ist ein kostenloses Onlineseminar zum Thema „Elementarschadenversicherung“ geplant, kommenden Monat soll eine „Hochwasserschutz-Tour“ mit Stopps in Meißen
(4. 10.), Auerbach (5. 10.) und Pirna (6. 10.) folgen.

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