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Wer ist schuld an den hohen Lebensmittelpreisen?

Lebensmittel haben sich in Deutschland in zwölf Monaten um mehr als 20 Prozent verteuert. Zum großen Teil liegt das an gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten. Doch gibt es auch einen anderen Verdacht.

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Im Vergleich zum Frühling 2022  zahlen wir für Lebensmittel heute gut 20 Prozent mehr.
Im Vergleich zum Frühling 2022 zahlen wir für Lebensmittel heute gut 20 Prozent mehr. © Symbolfoto: dpa/Sven Hoppe

Hamburg. Der Lebensmitteleinkauf im Supermarkt oder beim Discounter ist für viele Menschen zum Ärgernis geworden. Denn Lebensmittel haben sich in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 20 Prozent verteuert. Zum großen Teil liegt das an gestiegenen Rohstoffkosten. Doch immer häufiger wird auch der Verdacht geäußert, dass große Lebensmittelkonzerne die hohe Inflation zu unangemessenen Preisanhebungen nutzen und so die eigene Gewinnmarge steigern.

"Mehr als ein Drittel des jüngsten Anstiegs der Lebensmittelpreise" in Deutschland könne nicht mit den traditionellen Treibern wie den Rohstoffkosten oder der Entwicklung der Energiepreise erklärt werden, berichtete der Inflationsexperte des Kreditversicherers Allianz Trade, Andy Jobst, in einer am Montag veröffentlichte Studie. "Es scheint zunehmend Anzeichen für Gewinnmitnahmen zu geben sowie unzureichenden Wettbewerb in den Bereichen mit besonders starken Preissteigerungen, wie zum Beispiel bei Herstellern von Milchprodukten und Eiern, aber auch bei nicht-saisonalem Gemüse und Obst", sagte der Branchenkenner.

Mit seiner Einschätzung steht Jobst nicht allein. Die deutschen Verbraucherzentralen haben ebenfalls bereits Alarm geschlagen. "Manche Preissteigerungen bei Lebensmitteln sind weder gerechtfertigt noch nachvollziehbar", urteilten sie kürzlich. Deshalb sei ein kritischer Blick der Politik und des Kartellamtes auf Handel und Lebensmittelhersteller notwendig, um zu prüfen, ob Unternehmen die Lage nutzen, um die eigenen Erträge zu verbessern.

Handel sieht Schuld bei Markenherstellern

Der Handel sieht die Schuld vor allem bei großen Markenherstellern. Die Chefs der beiden führende deutschen Supermarktketten Edeka und Rewe, Markus Mosa und Lionel Souque, warfen in den vergangenen Monaten wiederholt großen internationalen Konsumgüterherstellern vor, Preiserhöhungen zu fordern, die nicht nachvollziehbar seien. Der Chef der Drogeriemarktkette Rossmann, Raoul Roßmann, sagte kürzlich der "Lebensmittel Zeitung": "Auch Rossmann hat mit einigen Lieferanten, die überzogene Preiserhöhungen verlangen, Ärger."

"Wir beobachten, dass insbesondere Lebensmittelhersteller hungrig nach Profiten sind. Sie haben die Preise wesentlich stärker erhöht als die Einzelhändler", sagte der Allianz-Trade-Branchenexperte Aurélien Duthoit. Die Lebensmittelproduzenten hätten in Deutschland 2022 rund 18,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr aufgeschlagen, der Lebensmitteleinzelhandel dagegen "nur" 12,6 Prozent.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie bezeichnete die Vorwürfe einer "der gesamten Branche unterstellten Bereicherung" allerdings als "substanzlos". Schon angesichts der Einkaufsmacht der vier großen deutschen Handelsketten erscheine es schwer vorstellbar, dass Hersteller unverhältnismäßig hohe Profite generieren könnten.

Auch die großen Markenhersteller wollen das nicht auf sich sitzen lassen. "Wir weisen dies entschieden zurück", hieß es bei der Deutschland-Tochter von Weltmarktführer Nestlé. Die Gewinnmarge sei 2022 in Europa spürbar gesunken. Das Unternehmen habe zusätzliche Kosten von mehrere hundert Millionen Euro nur zum Teil weitergereicht. Auch bei Coca-Cola hieß es: "Wir haben unsere Kostensteigerungen nicht vollumfänglich an unsere Kunden im Lebensmittelhandel und im Außer-Haus-Markt weitergegeben."

Händler wollen auch Profite stärken

Wettbewerber Unilever (Langnese, Pfanni, Dove) betonte, die Unternehmenskennzahlen machten deutlich, dass der Konzern im Jahr 2022 weder global noch in Europa in der Lage gewesen sei, gestiegene Rohstoffpreise und Energiekosten weiterzugeben. Der Konsumgüterriese Mars, der neben Schokoriegeln auch Lebensmittel wie den Nudel-Klassiker Miracoli und ein umfangreiches Tierfutterangebot von Whiskas bis Frolic vertreibt, wies die Vorwürfe ebenfalls zurück.

Der Handelsexperte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf warnte denn auch vor einseitigen Schuldzuschreibungen. "Ich glaube im Großen und Ganzen nicht, dass der Vorwurf der Preistreiberei gegenüber den Markenherstellern berechtigt ist. Das mag hier und da bei den ganz Großen zutreffen, die mit ihren starken Marken mehr Möglichkeiten haben, Preiserhöhungen durchzusetzen. Aber sonst eher nicht", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Wenn der Handel lautstark darüber klage, dann geht es ihm nicht zuletzt um die eigene Profilierung gegenüber den Verbrauchern.

Tatsächlich geraten die Preise hier und da mittlerweile wieder etwas ins Rutschen. Nachdem in den vergangenen Monaten schon Butter und Kaffee wieder etwas billiger wurden, senkten am Montag große Händler wie Kaufland, Lidl und Norma auch die Preise für zahlreiche Käseartikel vom Gouda bis zum Emmentaler dauerhaft. Grund dafür seien die gesunkenen Rohwarenpreise, hieß es.

Hoffnung, dass die Welle der Preiserhöhungen im Lebensmittelhandel nun insgesamt rasch abebbt, wäre aber wohl verfrüht. Die Experten von Allianz-Trade erwarten jedenfalls, dass sich Nahrungsmittel in Deutschland in diesem Jahr noch einmal um mehr als zwölf Prozent verteuern. "Für das nächste Jahr sind die Aussichten bei der Teuerung von Lebensmittel besser", sagte Jobst. Allerdings bedeute das in vielen Fällen eher eine Stagnation der Preise. "Durchgesetzte Preiserhöhungen werden erfahrungsgemäß nur selten zurückgenommen." (dpa)