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Leipziger Waldforscher: Bäume rufen die Vögel um Hilfe

Mit einem spektakulären Umweltexperiment haben Wissenschaftler aus Leipzig beobachtet, wie Pflanzen und Tiere sich untereinander verstehen.

Von Stephan Schön
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40 Meter hoch in die Baumkronen schweben die Forscher mit ihrer schwankenden Gondel für Messungen vor Ort.
40 Meter hoch in die Baumkronen schweben die Forscher mit ihrer schwankenden Gondel für Messungen vor Ort. © Jürgen Lösel

Auch Bäume können sprechen. Auf ihre Art. Es klingt wie eine Botschaft von einer anderen Welt: Wenn Bäume von Schädlingen angegriffen werden, dann rufen sie um Hilfe. Wenn Raupen oder Käfer an Rinde oder Blättern herumknabbern, dann werden sie diese lästigen Begleiter von allein nicht wieder los. Es sei denn, es kommt jemand vorbei und befreit sie. "Genau das passiert im Wald in den Baumkronen", sagt Nicole van Dam, Professorin für Interaktionsökologie, tätig im Leipziger Institut für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

Jeder Baum hat seinen ganz eigenen Duft bestehend aus hunderten bis tausenden Stoffen. Baumparfüm nennen dies auch die Forscher. Ähnlich eines menschlichen Fingerabdrucks stößt jede Baumart ihre ganz eigene Zusammensetzung flüchtiger organischer Stoffe (VOCs) aus. Dieses Muster lernten Tiere im Laufe der Evolution zu lesen. Insekten, die an diesen Bäumen fressen, finden so ihre Nahrung. Doch die Bäume reagieren darauf und wehren sich. Sie produzieren andere Pflanzenstoffe wie etwa Bitterstoffe, die den Pflanzenfressern nicht schmecken. Das allein reicht aber meist nicht.

Ein faszinierendes Real-Labor im Wald: der Leipziger Auwaldkran.
Ein faszinierendes Real-Labor im Wald: der Leipziger Auwaldkran. © iDiv

Ein Angriff auf die Bäume

Werden Bäume angegriffen, dann verändern sie ihr Parfüm. Sie produzieren zusätzlich andere chemische Stoffe und setzen diese im Wald frei. Die Bäume riechen nun anders. Es ist ein chemischer Hilferuf, der durch den Wald hallt. Räuberische Insekten wie einige Wespen und Wanzenarten werden damit angelockt.

Auch Vögel bekommen so den Weg direkt an die Futterstellen gewiesen, wo sie dann besonders fette Maden oder Raupen finden. "Das alles geht unglaublich schnell und passiert binnen weniger Minuten schon", sagt van Dam der Sächsischen Zeitung. Die räuberischen Insekten und auch die Vögel haben im Laufe der Evolution gelernt, diese chemischen Signale der Bäume zu verstehen. Sie folgen diesem Ruf und machen dadurch fette Beute.

Eine Saison oben im Baum

Eine Sommersaison lang hat das Team der Professorin die Bäume, die Insekten, die Vögel im Leipziger Auwald beobachtet. Ein Kran macht seit Jahren schon eine einmalige Umweltbeobachtung in 40 Metern Höhe möglich. Nie zuvor konnten Wissenschaftler in der realen Natur beobachten, wie sich der Wald selbst rettet. 300 Stunden Forschung waren dies insgesamt, berichtet Projektleiter Martin Volf.

Die Gelder dafür hatte er als Stipendium von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung bekommen. Sein Fazit im Fachjournal Ecology Letters: Die chemischen Hilferufe sind so wirksam, dass sie die Zusammensetzung der Insektengemeinschaft im Blätterdach maßgeblich bestimmen. Dieses Wissen könnte künftig für die natürliche Schädlingsbekämpfung in Land- und Forstwirtschaft genutzt werden, heißt es in dem jetzt veröffentlichten Bericht.

Um nachprüfbare Ergebnisse zu bekommen, täuschten die Forscher einen Angriff der Raupen vor. Sie besprühten einige Äste der großen Eichen mit dem Lock-Duftstoff der Bäume, andere nicht. Dann beobachteten sie, was passiert. Ihr Fazit: Nicht nur die gefräßigen Raupen verschwinden, sondern die Artenzusammensetzung der Insekten in den Baumkronen insgesamt hängt wesentlich von diesem chemischen Steuermechanismus ab. "Diese Erkenntnisse helfen uns, natürliche Strategien zur Schädlingsbekämpfung zu finden und so Pestizide zu sparen", erklärt van Dam.

Bisher gab es in Gewächshäusern und an kleinen Sträuchern ähnliche Versuche. "So ein Experiment in großen Bäumen, oben in den Waldriesen, das gab es bisher noch nie", sagt die Ökologie-Professorin van Dam. Aber erst dort zeige sich der wirklich biologische Zusammenhang. "Die Natur steckt ja schließlich nicht in einem Blumentopf. Wenn man wissen will, wie sie im großen Stile funktioniert, dann muss man ihr vor Ort zuschauen."