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Warum eine Rentnerin wieder arbeiten geht

Reingard Stephan ist 67. Als die Corona-Pandemie über die Krankenhäuser in Zittau und Ebersbach hereinbricht, bietet sie ihre Hilfe an - und ist seitdem wieder im Dienst.

Von Jana Ulbrich
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Nur fürs Foto ohne FFP2-Maske: Schwester Reingard Stephan ist in der Corona-Pandemie aus dem Ruhestand ins Zittauer Krankenhaus zurückgekehrt - und bis jetzt geblieben - mit 67.
Nur fürs Foto ohne FFP2-Maske: Schwester Reingard Stephan ist in der Corona-Pandemie aus dem Ruhestand ins Zittauer Krankenhaus zurückgekehrt - und bis jetzt geblieben - mit 67. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

"Abstrich-Team, Schwester Reingard", meldet sich Schwester Reingard am Telefon. Das klingelt heute laufend. Reingard Stephan kommt kaum zum Hinsetzen. Gerade hat sie sich den gelben Schutzkittel umgebunden, hat die Brille so über die FFP2-Maske geschoben, dass die Gläser nicht anlaufen, und ihre Hände sorgfältig in ein paar blaue Einweghandschuhe geschoben: "Der Nächste bitte."

Reingard Stephan ist 67 Jahre alt und eigentlich längst im Ruhestand. Aber als im letzten Dezember die Corona-Pandemie über die Krankenhäuser in Zittau und Ebersbach hereinbricht, da hält es die langjährige Krankenschwester nicht mehr zu Hause. Sie greift zum Telefon und ruft die Pflegedienstleiterin an: "Wenn ihr was zu tun habt für mich, dann komme ich."

Und ob es etwas zu tun gibt für die ehemalige Kollegin! "Wir haben uns riesig gefreut", erinnert sich Andrea Zelyk, die Pflegedirektorin. Und schon am nächsten Tag ist Reingard Stephan wieder Schwester Reingard. "Ich hab doch gesehen, wie die Kollegen alle am Limit waren", sagt sie. "Und ich bin alleinstehend, was soll ich da den ganzen Tag zu Hause rumsitzen." Schließlich sei sie doch immer noch Krankenschwester. Eine mit Leib und Seele - das spürt, wer dieser energiegeladenen, pragmatischen Frau begegnet. Bis zu ihrer Rente hat Reingard Stephan im Zittauer Krankenhaus gearbeitet, seit 1970, viele Jahre auf der Inneren, zuletzt in der Notaufnahme.

Acht Rentner aus dem Ruhestand zurückgekommen

Und jetzt eben hier in diesem umfunktionierten Sprechzimmer im langen Gang hinter der Anmeldung: "Corona-Test" steht an der Tür. Alle Patienten, die zur stationären Aufnahme kommen, alle Angehörigen, die ihre Kinder in die Klinik oder Frauen zur Entbindung begleiten, alle Mitarbeiter, die aus dem Urlaub oder dem langen Wochenende zurückkommen oder Kollegen, die Symptome zeigen - sie alle müssen zuerst zu Schwester Reingard.

Gerade hat die Fotografin an die Tür geklopft, die jede Woche in die Klinik kommt, um die Neugeborenen für die Babygalerie in der Zeitung abzulichten. Auch für sie gilt die Testpflicht. Vorsichtig schiebt ihr Schwester Reingard das Teststäbchen in die Nase. Für die Fotografin ist das wöchentliche Routine. 15 Minuten muss sie jetzt warten, bis das Ergebnis vorliegt. Sie wartet bis auf die 15. Minute genau. Schwester Reingard ist da pingelig. "Negativ", sagt sie dann endlich - und die Fotografin darf auf die Wochenstation. Die allermeisten Testergebnisse sind übrigens negativ, sagt Schwester Reingard. Nur einen positiven Fall hatte sie in den letzten zwei Monaten.

"In den ersten Monaten, in der Hoch-Zeit der Corona-Pandemie - als es die Impfung noch nicht gab - da sah das noch ganz anders aus", erinnert sich Reingard Stephan. "Da waren wir hier zu viert." Die 67-Jährige ist nämlich nicht die einzige, die aus dem Ruhestand ins Klinikum zurückgekommen ist. Insgesamt waren das acht Kolleginnen - fünf von ihnen sind immer noch da.

Zahl der Covid-Patienten im Krankenhaus steigt wieder

Auch Schwester Reingard wird immer noch gebraucht. Inzwischen besteht das "Abstrich-Team" aber nur noch aus ihr in Zittau und einer Kollegin am Standort in Ebersbach. Aber wer weiß schon, wie sich die Corona-Situation weiter entwickelt? Zurzeit werden im Klinikum Oberlausitzer Bergland bereits wieder elf Covid-Patienten behandelt, darunter einer auf der Intensivstation. Sie sind zwischen 50 und 80 Jahre alt.

Schwester Reingard rechnet damit, dass die Zahl der Corona-Patienten jetzt wieder steigen könnte. "Ich kann nicht verstehen, warum sich so viele hier nicht impfen lassen", sagt sie und sie hofft, dass es nicht mehr zu so einer dramatischen Situation kommt wie in der zweiten Welle. "Was die Kollegen auf den Stationen in diesen Monaten über den Jahreswechsel geleistet haben, das war unglaublich, das kann man sich gar nicht vorstellen", sagt sie. "Sie haben gearbeitet bis ans Ende ihrer Kräfte. Das kann man eigentlich nicht hoch genug würdigen."

Dass sie selbst ein wichtiges Rädchen in dem Getriebe war - und immer noch ist - das will sie gar nicht so sehen. "Ich bin hier nicht die Wichtigste", sagt die 67-Jährige ganz bescheiden. Ursprünglich hatte sie nur einen Vertrag für zwei Monate. Der wurde immer wieder verlängert - vorerst bis zum Jahresende. Und wenn es weiterginge, würde Reingard Stephan wohl auch nicht Nein sagen: "Ich bleibe, solange ich gebraucht werde", sagt sie. Nächsten Monat wird sie 68.