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Sachsen erwirbt einzigartigen Kunstschatz: Marienthaler Psalter ist gerettet

Der geplante Verkauf der wertvollen Handschrift aus Ostritz wurde lange diskutiert und stand in der Kritik. Nun hat der Freistaat die Klosterbibliothek der Zisterzienser für 5,5 Millionen Euro erworben.

Von Birgit Grimm
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St. Marienthal nahe Görlitz wurde 1234 gegründet und ist nach eigenen Angaben das älteste Kloster des weiblichen Zweiges des Zisterzienser-Ordens in Deutschland.
St. Marienthal nahe Görlitz wurde 1234 gegründet und ist nach eigenen Angaben das älteste Kloster des weiblichen Zweiges des Zisterzienser-Ordens in Deutschland. © Matthias Weber/photoweber.de

Die beiden originalen Handschriftenbücher aus dem 13. Jahrhundert, die man ab sofort in der Schatzkammer des Buchmuseums der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) in Dresden bewundern kann, sind in einem exzellenten Zustand. Über Jahrhunderte wurden sie in Klöstern bewahrt: Das Kapiteloffiziumsbuch des Klosters Altzelle, die älteste Handschrift des Bestandes, und der St. Marienthaler Psalter, die prächtigste Handschrift, wurden einst gestiftet fürs Kloster Altzelle. Im 16. Jahrhundert hat sie der beste Meißener Buchbinder noch einmal neu und aufs Feinste gebunden. Nach der Auflösung des Klosters Atzelle in der Reformation wurden die Kostbarkeiten in der Bibliothek der einstigen Altzeller Tochterabtei, des Klosters St. Marienthal in Ostritz bei Görlitz, bewahrt.

Die alten, dicken Mauern dort bieten Büchern beste Bedingungen. Aber das Zisterzienserinnenkloster, das am Ufer der Neiße liegt, kam nach dem Hochwasser 2010 in finanzielle Schwierigkeiten, aus denen die Schwestern sich mit dem Verkauf der wertvollen Bibliothek retten wollten. Die katholische Kirche schaut in solchen Fällen nur bedauernd zu, denn deren Klöster sind autarke Wirtschaftseinheiten, müssen sich selbst organisieren und sich selbst helfen.

Die Wohltätigkeit der anderen

Blick in den St. Marienthaler Psalter. Aufgeschlagen ist die Kalenderseite Dezember und Darstellung Aarons .
Blick in den St. Marienthaler Psalter. Aufgeschlagen ist die Kalenderseite Dezember und Darstellung Aarons . © SLUB

Die St. Marienthaler Bibliothek mit ihren 2.700 Titeln aus dem 12. bis 19. Jahrhundert birgt so bedeutende Schätze, dass der Freistaat Sachsen und die Ernst von Siemens Kunststiftung in die Bresche sprangen und den Bibliotheksbestand für 5,5 Millionen Euro ankauften. Das Kloster sei damit vorerst gerettet, sagte die Äbtissin Sr. M. Elisabeth Vaterodt OCist und wird die neuen Eigentümer des Bücherschatzes und deren Wohltätigkeit wohl künftig ins Gebet einschließen. Das Kloster, 1234 gegründet, ist das älteste Kloster des weiblichen Zweiges des Zisterzienserordens.

Von höchster wissenschaftlicher und kulturhistorischer Bedeutung im Klosterbestand sind acht Handschriften aus dem Mittelalter, 21 Inkunabeln, 35 Urkunden und etwa 250 Werke aus dem 16. Jahrhundert. Mit dem Kauf übernehme der Freistaat eine geschlossene, seit dem Spätmittelalter gewachsene Sammlung klösterlicher Bildungskultur und herausragender historischer Quellen, sagen Experten.

Blick in den Bibliothekssaal des Klosters St. Marienthal in Ostritz.
Blick in den Bibliothekssaal des Klosters St. Marienthal in Ostritz. © SLUB, Thomas Stern

Die Bücher aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, die den größten Teil des Bestandes ausmachen, bleiben als Leihgabe im barocken Bibliothekssaal des Klosters. Die Urkunden kommen ins Sächsische Hauptstaatsarchiv, die Handschriften und Inkunabeln in die SLUB, die bei Erforschung und Pflege der Kostbarkeiten mit dem Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig zusammenarbeitet. „Neben der bestmöglichen Unterstützung für die Forschung ist es uns ein besonderes Anliegen, der Öffentlichkeit die historische Bedeutung der Klosterbibliothek zu vermitteln“, sagte SLUB-Direktorin Katrin Stump. Für 2025 plane die SLUB eine große Ausstellung mit verschiedenen Objekten aus der Sammlung, die an mehreren Orten in Sachsen gezeigt werden soll.

Und in St. Marienthal wertet man den Verkauf der Bibliothek auch als Beginn einer langen, guten Zusammenarbeit mit dem Freistaat. Denn bei der Vorbereitung des 800–jährigen Jubiläums der Zisterzienserinnenabtei in 2034 sind Wohltäter willkommen.

Der St. Marienthaler Psalter und das Kapiteloffiziumsbuch sind bis 6. Januar in der Schatzkammer des Buchmuseums der SLUB Dresden, Zellescher Weg 18 ausgestellt. Geöffnet Mo – Fr 10 – 18 Uhr, Sa 14 – 18 Uhr. Öffentliche Führung am 7. Dezember, 16 Uhr und am 14. Dezember, 17 Uhr. Eintritt ist frei.