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101 Jahre - dann kam Corona

Johannes Offermann hat viel für seinen Heimatort Schlegel getan. Ein richtiger Abschied blieb der Familie verwehrt. Und ein letzter Wunsch unerfüllt.

Johannes Offermann ist mit 101 Jahren verstorben.
Johannes Offermann ist mit 101 Jahren verstorben. © Matthias Weber (Archiv)

Wenn die Bezeichnung Original berechtigt ist, dann für Johannes Offermann. Mehr als 100 Jahre mit ein- und demselben Ort verbunden zu sein, rechtfertigt zweifellos diesen inoffiziellen Titel. Für Johannes Offermann war Schlegel dieser Ort. Hier wurde er 1919 geboren und war außer der Oberschulzeit, die er bis 1937 im Internat in Löbau verbrachte, und den Kriegsjahren immer in seinem Heimatort zu Hause.

Nun mussten die Schlegler von ihrem ältesten Einwohner Abschied nehmen. Bereits am 27. Dezember ist der hochbetagte Senior mit 101 Jahren verstorben. "Er war am 12. Dezember in seinem Haus gestürzt und kam daraufhin ins Krankenhaus, wo er positiv auf Corona getestet wurde", erzählt sein Ziehsohn Peter. Johannes Offermann konnte aber nach einiger Zeit wieder zurück nach Hause, wurde dort weiter von einem Hirschfelder Pflegedienst betreut. Nachdem er erneut zu Hause gestürzt war, kam der Schlegler erneut ins Krankenhaus, wo er vier Tage vor dem Jahreswechsel verstarb.

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Nachricht war ein kleiner Schock

Für Peter Offermann war die Nachricht ein kleiner Schock. Denn noch einen Tag zuvor hatte er in der Klinik angerufen, wo man ihm mitteilte, dass sein Vater sogar allein auf Toilette gehen kann und so wie er gebaut sei, wieder nach Hause komme. Wenige Stunden später gab es dann einen weiteren Anruf, wo ihn das Krankenhaus informierte, dass Johannes Offermann in der Nacht für immer eingeschlafen sei. Sein Wunsch, im Heimathaus zu sterben, erfüllte sich für den 101-Jährigen nicht mehr.

Besuchen konnte er ihn zuvor nicht mehr - aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen des Krankenhauses war das nicht möglich. Zuletzt gesehen hatte er seinen Vater am 11. Dezember, einen Tag vor seinem ersten Krankenhausaufenthalt. "Als wir erfahren haben, dass er positiv auf Corona getestet wurde, haben wir auch selber gleich einen Test gemacht", sagt Peter Offermann. In den folgenden Tagen konnte er zumindest noch mal mit ihm telefonieren. Das berichtete ihm der 101-Jährige, dass er so kaputt sei. Man schob das auf seine Corona-Erkrankung und die damit verbundene Lungenentzündung.

Johannes Offermann gehört im Landkreis Görlitz zu den mittlerweile über 900 Todesfällen in Zusammenhang mit einer Corona-Erkrankung. Er ist nicht der einzige Schlegler mit diesem Schicksal. Aber der Älteste. Wobei er im gesamten Landkreis wiederum nicht der einzige über Hundertjährige ist, dem Corona das Leben gekostet hat. Laut Kreissprecherin Julia Bjar gibt es unter den bisherigen Corona-Todesfällen sechs Verstorbene, die 100 Jahre oder älter waren.

Gedenkgottesdienst am Geburtstag geplant

Für Peter Offermann war es schwer, nicht richtig Abschied nehmen zu können. Wie ihm geht es aber vielen Schleglern, denn die Trauerfeier fand aufgrund des Corona-Lockdowns im engsten Familienkreis statt. "Am 8. Juli, seinem Geburtstag, soll es aber einen Gedenkgottesdienst für meinen Vater geben", kündigt Peter Offermann an. Vielleicht kann man dann auch wieder im Schlegler Spartenheim zusammensitzen und sich an den Verstorbenen erinnern.

Das hätte Johannes Offermann gefallen. Denn im Spartenheim war er Stammgast, traf sich jede Woche mit seinen Skatfreuden oder verfolgte die Ortschaftsratssitzungen, bei denen er sich auch immer wieder zu Wort meldete. Mit dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 war das nicht mehr möglich. Die damalige Betreiberin hatte danach die Dorfgaststätte nicht mehr wiedereröffnet. Seitdem ist das Spartenheim geschlossen. Die Stadt Zittau suchte einen neuen Pächter - und fand ihn auch, wie Ortsbürgermeister Frank Sieber (parteilos) bestätigt. Wegen des erneuten Lockdowns ist es aber bisher noch nicht zu einer Neueröffnung gekommen. Vielleicht klappt es bis zum 8. Juli.

An diesem Tag soll an die Verdienste von Johannes Offermann erinnert werden. Und davon gibt es reichlich. Bereits als Oberschüler war er beim Bau der Schlegler Turnhalle und des Sportplatzes beteiligt. Als junger Kriegsheimkehrer half er bei Bombenentschärfungen in der Grube auf dem Schlegelberg und reinigte die Wälder in Richtung Großhennersdorf und Neundorf von Restmunition. "Meine Mutter und ich hatten immer Angst, wenn er unterwegs war", erinnert sich Ziehsohn Peter.

Er war auch an der Gründung des Schlegler Volkschors 1945 beteiligt, gestaltete mehrere Festschriften und Chroniken - so die zu 150 Jahre Johanniskirche Schlegel 1995 - und war nach 1990 auch Gemeinderat. Vor allem aber lagen ihm immer die Kinder am Herzen. Er unterstützte über Jahrzehnte die Schlegler Kita und spendete wiederholt größere Beträge für die Neugeborenen, von denen das "Begrüßungsgeld" finanziert wird. Als die Summe 2019 langsam zur Neige ging, bat ihn Frank Sieber wieder um eine Spende. "Von dem Betrag können wir unserer Begrüßungsgeld noch eine Weile finanzieren", ist der Ortsbürgermeister dankbar.

Er hatte eine außergewöhnliche Bodenständigkeit und verkörperte ein hohes Traditionsbewusstsein, meint Peter Offermann rückblickend.

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