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Zittaus älteste Apotheke ist gerettet

Der bisherige Inhaber der 503 Jahre alten Stadt-Apotheke, Stefan Gänsler, hat einen Nachfolger gesucht. Lange erfolglos. Nun fand sich doch eine Lösung.

Von Jan Lange
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Der zukünftige Inhaber der Zittauer Stadt-Apotheke Omar Khayyal.
Der zukünftige Inhaber der Zittauer Stadt-Apotheke Omar Khayyal. © Matthias Weber/photoweber.de

Es sind keine positiven Zahlen, die der Deutsche Apothekerverband (DAV) veröffentlicht. Demnach sinkt die Zahl der Apotheken seit Jahren deutlich. Allein von Ende Dezember 2018 bis Ende März 2022 sind weit mehr als 1.000 Apotheken vom Markt verschwunden. Der negative Trend zeigt sich ebenso in Sachsen, wo im vorigen Jahr 14 Apotheken geschlossen wurden.

In die Liste der pharmazeutischen Geschäfte, für die es keine Zukunft gibt, hätte sich beinahe eine Zittauer Apotheke eingereiht. Denn der Bautzner Apotheker Stefan Gänsler hat für die Stadt-Apotheke am Zittauer Markt einen Nachfolger gesucht. Lange blieb seine Suche erfolglos - doch jetzt fand sich doch noch eine Lösung. Sein Mitarbeiter Omar Khayyal wird die Stadt-Apotheke übernehmen. "Die finale Entscheidung ist vor drei Wochen gefallen", erklärt Stefan Gänsler. Ohne diese Lösung hätte er die Stadt-Apotheke geschlossen, macht der Bautzner Apotheker deutlich.

Die Übergabe erfolgt nicht sofort: Anfang 2023 - so der Plan - soll Omar Khayyal der neue Chef der Stadt-Apotheke werden. Bis dahin ist ein langsamer Übergang vorgesehen. Um ihm den Anfang zu erleichtern, werde er seinem Nachfolger die Apotheke schenken, sagt Stefan Gänsler.

Mit der geplanten Übernahme durch den 32-jährigen Palästinenser ist Zittaus älteste Apotheke gerettet. Seit genau 503 Jahren gibt es die Stadt-Apotheke am Markt - sie gehört damit zu den ältesten durchgehend betriebenen Apotheken in Deutschland. Deshalb hatte Stefan Gänsler, der in Bautzen die "Apotheke Zur Brücke" betreibt, weiter nach einem Nachfolger gesucht - auch nach den ersten vergeblichen Versuchen. In seinen Augen wäre es eine Katastrophe gewesen, wenn nach 504 Jahren die Stadt-Apotheke für immer geschlossen hätte.

Außenansicht der Stadt-Apotheke
Außenansicht der Stadt-Apotheke © Matthias Weber/photoweber.de

Mehrere Faktoren spielen eine Rolle

Er selbst wollte sie aber nicht weiterführen. Er sei in einem Alter, in dem er es etwas ruhiger angehen wolle. Er könne auch nicht immer in beiden Apotheken sein, die mehr als 50 Kilometer voneinander entfernt sind. Die Corona-Pandemie habe bei ihm für ein Umdenken gesorgt, meint Gänsler. Die von ihm 2008 übernommene Stadt-Apotheke in Zittau wollte er wieder abgeben.

Diese Entscheidung beförderten auch andere Faktoren. Es gebe die Konkurrenz mit polnischen und tschechischen Apotheken kurz hinter der Grenze, und zunehmend mit Online-Apotheken. Die Stadt-Apotheke hat sich darauf eingestellt und betreibt seit Jahren einen Online-Handel. Diesen Shop hat Stefan Gänsler aufgebaut.

Zudem versucht der Apotheker durch saisonale Sonderangebote und guten Service, den Dumpingpreisen der Online-Apotheken die Stirn zu bieten. Zum Service gehört beispielsweise, dass Kunden aus Polen und Tschechien in ihrer Landessprache bedient werden. Und die Stadt-Apotheke hat viele Kunden aus den beiden Nachbarländern.

Ein weiterer Faktor sei der große Unterschied zwischen den Hausärzten in Bautzen und Zittau bei der Verschreibung von Medikamenten. Die Zittauer verschreiben viel weniger, hat der Apotheker die Erfahrung gemacht.

Als "Nackenschlag" bezeichnet Stefan Gänsler die Sperrung des Zittauer Marktes. Früher konnten die Kunden bis vor die Apotheke fahren und auf dem Markt parken, seit 2016 ist das nicht mehr möglich. Gefahren und geparkt werden darf seitdem nur noch auf der West- und Südseite - die Stadt-Apotheke liegt allerdings auf der Nordseite des Marktes.

Die Stadt-Apotheke ist damit die einzige Apotheke in Zittau, die nicht direkt angefahren werden kann. Das sei ein Wettbewerbsnachteil, findet Gänsler. Er hätte die Stadt-Apotheke gar nicht übernommen, wenn er von der Marktsperrung vorher gewusst hätte, meint der Apotheker, der seit fast 30 Jahren selbstständig ist.

Seit Jahren immer weniger selbstständige Apotheker

Ein weiteres Problem ist die Personalsituation, die, je näher man der Grenze komme, immer schwieriger werde, findet der Bautzner Apotheker. "Es machen sich immer weniger junge Kollegen selbstständig", sagt er. Das wird auch anhand der Zahlen des Deutschen Apothekerverbandes deutlich. Gab es vor einigen Jahren noch über 20.000 selbstständige Apothekerinnen und Apotheker, sank die Zahl auf rund 14.000. Und die Situation werde absehbar noch schlimmer, bis 2030 gehen viele der in der DDR ausgebildeten Pharmazieingenieure in Rente.

Aus diesem Grund ist Stefan Gänsler froh, dass Omar Khayyal seit einiger Zeit zu seinem Team gehört. Der 32-Jährige, dessen Vater Palästinenser und die Mutter Syrerin ist, wurde in Dubai geboren, lebte einige Jahre in der syrischen Hauptstadt Damaskus und ging dann nach Ägypten. Von dort kam er 2015 nach Zittau. In Deutschland entschied er sich für die Tätigkeit als Fachapotheker, war einige Zeit in der Löwenapotheke tätig, und wechselte schließlich in die Stadt-Apotheke. Hier soll künftig auch seine Frau, die seit Oktober 2020 in Zittau lebt, als Apothekerin arbeiten.

In Zittau habe er sich von Anfang an willkommen gefühlt, meint Omar Khayyal. Deshalb habe er sich auch entschieden, die Stadt-Apotheke weiterzuführen.