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Brauer schütten Fassbier weg

Sachsens Brauer leiden mit den Wirten unter der Schließung. Trotzdem bittet ein Produzent aus Dresden-Neustadt: Jetzt bloß keine Werbung für meine Flaschen!

Zapfhähne außer Betrieb: Weil Gaststätten zu sind und Volksfeste ausfallen, setzen auch Brauer weniger um. In Sachsen sind die Zahlen aber besser als bundesweit.
Zapfhähne außer Betrieb: Weil Gaststätten zu sind und Volksfeste ausfallen, setzen auch Brauer weniger um. In Sachsen sind die Zahlen aber besser als bundesweit. © dpa/Carsten Rehder

Dresden. Der Brauer Christian Schwingenheuer in der Dresdner Neustadt hat einen neuen Lieblingskunden: Der kauft für seine Wohngemeinschaft ab und zu ein Fässchen Helles. So wird Schwingenheuer wenigstens gelegentlich noch Fassbier los.

Die Gaststätten sind geschlossen und fallen als Kunden aus. Die Nachfrage nach Flaschenbier dagegen „boomt wegen Corona“, sagt der Brauer. Doch dafür möchte er jetzt keine Werbung lesen: Flaschenabfüllung bedeute für seinen kleinen Betrieb derzeit viel zu viel Arbeit.

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Gewinn lasse sich damit kaum machen – nur der Umsatz steige, und das mindere die Chance auf Überbrückungshilfe vom Staat. Er verbringe viele Stunden mit Papierkram, sogar einen Hartz-IV-Antrag habe er versucht.

Er setzt immer wieder einen Sud an und hofft auf die Öffnung der Kneipen: Christian Schwingenheuer in der Dresdner Neustadt. Er musste noch kein Bier wegschütten.
Er setzt immer wieder einen Sud an und hofft auf die Öffnung der Kneipen: Christian Schwingenheuer in der Dresdner Neustadt. Er musste noch kein Bier wegschütten. © Sven Ellger (Archiv)

Schwingenheuer spürt viel Hilfsbereitschaft in der Dresdner Neustadt. Doch selbst Gutscheine verkauft er nicht mehr gerne – das seien Kredite, die er später einlösen müsse. Dennoch setzt der Dresdner Brauer immer wieder einen neuen Sud an: „Schließlich wird uns versprochen, dass der Lockdown irgendwann endet.“ Bier brauche vier bis zwölf Wochen, je nach Sorte.

Doch erst einmal habe er seine Minijobber entlassen müssen, für die es kein Kurzarbeitergeld gibt. Für den Lehrling, der dieses Jahr fertig werde, könne er keinen Nachfolger einstellen – und auch nicht für einen Mitarbeiter, der in Rente gehe.

Bier im Millionenwert vernichtet

Nur eines könne kleinen Brauereien jetzt helfen, sagt Schwingenheuer: „dass die Leute mit den Kneipern reden, damit sie unser Bier nach der Öffnung wieder an den Hahn bringen“. Erst einmal haben viele Gaststätten ihr Fassbier an die Brauereien zurückgegeben, wenn die Verträge das zuließen. Den Brauern blieb dann oft nur Wegschütten, sobald das Haltbarkeitsdatum überschritten war.

Bier „im Wert von vielen Millionen Euro“ musste vernichtet werden, heißt es in einem offenen Brief deutscher Brauereien. Hunderte Fässer musste beispielsweise Landskron in Görlitz zurücknehmen und den Inhalt „entsorgen“, auch Köstritzer hatte das Problem.

Sachsens Brauer kreativ mit Bierbrand und Kakao-Sorte

Doch in Sachsen sei wohl kein Bier „in Größenordnungen“ weggekippt worden, sagt Barbara Sarx-Lohse, die Geschäftsführerin des Sächsischen Brauerbundes. Wo möglich, sei Bier in Flaschen gefüllt worden – und manche Brauer zeigten sich kreativ.

Der Löbauer Steffen Dittmar produzierte mit der Kirschauer Spirituosen-Fabrik von Martin Wagner einen Bierbrand. Radeberger-Chef Axel Frech weihte in einem Edeka-Markt in Radeberg eine Zapfanlage ein, aus der unfiltriertes Pilsner verkauft wurde. Frenzel-Bräu aus Bautzen will mit Rhabarber- und Kakao-Bieren in diesem Jahr neue Kunden gewinnen. Schwingenheuer mit seinen geringen Mengen musste kein Bier wegschütten.

Sachsens größere Brauhäuser scheinen insgesamt glimpflicher durch die Corona-Krise gekommen zu sein als ihre Kollegen anderswo in der Republik: Eine deutschlandweite Branchenumfrage ergab im Mittel voriges Jahr 23 Prozent Umsatzrückgang in der Brauwirtschaft. Für Sachsen dagegen meldet der Brauerbund einen Absatz von 752 Millionen Liter im Corona-Jahr 2020, das sind lediglich 3,1 Prozent weniger als im Jahr 2019. Der Absatz sinkt allerdings schon seit 2015 stetig: Damals waren es noch 853 Millionen Liter.

Flaschenverkauf im Handel nimmt zu

Barbara Sarx-Lohse sagt, dass in Sachsen das Geschäft im Sommer „sehr gut“ gelaufen sei. Kleine Gasthausbrauereien wie „Zum Gießer“ in Pirna meldeten Touristenströme wie noch nie. Der Bierverkauf über den Einzelhandel in Sachsen nahm leicht zu. Allerdings war das kein Ausgleich für die Ausfälle in Kneipen und bei Festivals.

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Fassbier habe bei größeren Brauereien in Sachsen wie Feldschlößchen und Radeberger 10 bis 20 Prozent Anteil. Aber kleine leben fast nur davon – und leiden derzeit, wie der Dresdner Schwingenheuer. Im offenen Brief deutscher Brauereien, den auch zehn Sachsen von Wittichenau bis Zwickau unterschrieben haben, wird der Staat um schnelle Finanzhilfe gebeten. Vor allem bitten die Brauer um eine Öffnungsstrategie, die „verantwortbar, transparent und wissenschaftsbasiert“ sein soll.

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