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Corona und ÖPNV: Die Angst fährt mit

In der Corona-Krise meiden Menschen bewusst Busse und Bahnen. Das zeigt eine aktuelle Studie aus Dresden.

Weil sie sich und andere Menschen nicht anstecken wollen, verzichten Reisende derzeit auf Bahnfahrten. Ob das nun dauerhaft so bleibt, zeigt eine neue Studie.
Weil sie sich und andere Menschen nicht anstecken wollen, verzichten Reisende derzeit auf Bahnfahrten. Ob das nun dauerhaft so bleibt, zeigt eine neue Studie. © Christian Juppe

Viele Menschen sind vorsichtig geworden. In einem Zugabteil mit Fremden sitzen, in der Straßenbahn dicht an dicht mit anderen stehen: Was vor Corona Alltag war, wirkt heute wie eine Erinnerung an lang vergangene Zeiten. Für die Deutsche Bahn oder kommunale Verkehrsbetriebe im ganzen Land bedeutet das ein Minus an Fahrgästen und Einnahmen. Die Dresdner Verkehrsbetriebe veröffentlichten jetzt aktuelle Zahlen. Bis zum Jahresende werden in Dresden rund 34 Millionen Menschen weniger Bus und Bahn gefahren sein als noch vor einem Jahr. Ein Rückgang um 21 Prozent. Das liegt nicht nur an fehlenden Touristen, die in diesem Jahr nicht in die Landeshauptstadt gekommen sind. Die Zahlen zeigen auch: Ganz generell hat sich die Mobilität der Menschen im Corona-Jahr verändert. Ein Team von Dresdner Forschern beweist das nun mit ersten Ergebnissen einer Befragung von 5.000 Bürgern. Die Studie ist eine Punktlandung.

Es ist erst zehn Monate her, da gab es Ende Januar die ersten Corona-Fälle in Bayern beim Automobilzulieferer Webasto. Eine chinesische Mitarbeiterin hatte das Virus von einer Dienstreise mitgebracht. Ein paar Wochen später wird in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg Karneval gefeiert. Auf einer Veranstaltung mit dabei ist auch ein Ehepaar mit dem Corona-Virus. Die Party ist Ausgangspunkt für den ersten Corona-Hotspot in Deutschland. Währenddessen haben drei Wissenschaftlerinnen in Dresden eine Idee. „Wir verfolgten die Entwicklungen und ahnten, dass dieses Virus auch auf die Mobilität der Menschen Einfluss haben wird“, erinnert sich Juliane Anke. Sie und ihre beiden Kolleginnen Lisa-Marie Schaefer und Angela Francke sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an der Professur Verkehrspsychologie des Instituts für Verkehrsplanung und Straßenverkehr der TU Dresden. Gemeinsam bereiteten sie dieses Forschungsprojekt vor. Ohne zusätzliche Gelder, aus eigener Neugier.

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Mobilität hat sich stark gewandelt

Sie wollen herausfinden, welche Verkehrsmittel die Menschen meiden, wenn eine ansteckende Krankheit kursiert. Sie wollen ergründen, ob die Leute in solch einer Ausnahmesituation umdenken und umsteigen. „Es war die Chance auf ein riesiges Reallabor“, sagt die Psychologin Juliane Anke. Ende Februar, kurz bevor Deutschland in den ersten Lockdown ging, stand bereits der Fragebogen.

Zehn Monate später haben die drei Forscherinnen einen ganzen Datenberg zusammengetragen und ausgewertet. Bis Anfang Mai haben 5.000 Menschen an der Umfrage teilgenommen. Über verschiedene Kanäle im Internet hatten die Verantwortlichen die Studie bekannt gemacht. „Es war unglaublich, wie viele uns über die Antworten mitgeteilt haben, was sich jetzt für sie verändert hat“, sagt Juliane Anke.

Nach der ersten Auswertung der Daten steht bereits fest: Die Mobilität der Menschen hat sich binnen weniger Monate stark gewandelt. Über 87 Prozent der Befragten erklärten schließlich, seit Ausbruch des Coronavirus weniger mit Bus und Bahn zu fahren. „Die meisten gaben als Grund dafür an, dass sie sich und andere nicht anstecken wollen.“ Lediglich zwölf Prozent behielten ihre Gewohnheiten diesbezüglich bei.

Fahrradfahrer auf der Dresdner Albertbrücke: Das Rad ist in der Corona-Krise als Verkehrsmittel noch beliebter geworden.
Fahrradfahrer auf der Dresdner Albertbrücke: Das Rad ist in der Corona-Krise als Verkehrsmittel noch beliebter geworden. © Robert Michael/dpa

Von den Personen, die vor Corona hauptsächlich den Nahverkehr nutzten, sind 32 Prozent aufs Fahrrad umgestiegen, 26 Prozent aufs Auto und 33 Prozent gehen derzeit lieber zu Fuß. Auch bei den denjenigen, die bisher lieber Auto gefahren sind, veränderte sich das Verhalten. Weil beispielsweise Arbeitswege durchs Homeoffice wegfielen oder weil Fernreisen nicht möglich waren. Fast 21 Prozent der Autofahrer nutzen nun lieber das Rad, 14 Prozent gehen seither öfter zu Fuß.

Das Fahrrad gehört zu den Gewinnern der Pandemie. Zwischen Januar und Juni wurden in Deutschland über drei Millionen Fahrräder und E-Bikes verkauft. Das ist ein Plus von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. „Dass die Menschen jetzt verstärkt aufs Rad steigen, zeigt sich auch in den Daten unserer Befragung“, erläutert Juliane Anke. Das Thema E-Bike wollen die drei Wissenschaftlerinnen deshalb noch näher beleuchten.

Vertrauen zurückgewinnen

An diesem Montag beginnen sie mit einer zweiten Befragung, für die sie möglichst viele Teilnehmer suchen. Im Mittelpunkt steht diesmal die Frage, ob sich das Mobilitätsverhalten nach dem Sommer noch einmal gewandelt hat, in der Zeit nach dem Lockdown und vor der Situation jetzt. „In diesem Rahmen fragen wir auch, ob die Menschen sich in den vergangenen Monaten ein E-Bike oder Pedelec gekauft haben.“ Laut Informationen aus der Fahrradbranche stieg die Nachfrage nach E-Bikes nach einem ersten Hoch im vergangenen Jahr auch in diesem Jahr stark an. „Ich bin gespannt, ob wir diesen Trend auch in unserer neuen Umfrage sehen werden.“ Die Wissenschaftlerinnen schauen aber auch auf das Ende der Pandemie, auf die Zeit, wenn das Virus durch eine mögliche Impfung seine Kraft verloren hat. Das taten sie bereits im Frühjahr, als das Virus erst begann sich auszubreiten. In der damaligen Befragung gaben 61 Prozent an, nach der Corona-Krise wieder Bus und Bahn fahren zu wollen. Rund 23 Prozent wollen diese Verkehrsmittel aber auch danach noch eine Zeit lang meiden. „Das sind wichtige Hinweise, gerade für die Bahn oder Verkehrsbetriebe“, sagt die Verkehrspsychologin. Es würde nach der Krise darum gehen, das Vertrauen der Menschen in diese Art der Mobilität zurückzugewinnen. „Da sind vielleicht initiale Anreize notwendig, um das wieder zu erreichen.“

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Wenn die Krise überwunden ist, soll es noch eine dritte Befragung geben. Fokus dabei: Inwieweit sind die Menschen bei ihren neuen Gewohnheiten geblieben. Daten für erste Hinweise haben die Wissenschaftlerinnen schon im Computer. Bei der ersten Umfrage im Frühjahr waren 50 Prozent der Meinung, dass sie ihr neues Verkehrsverhalten nicht über die Pandemie hinweg beibehalten. Immerhin 28 Prozent wollen das hingegen tun, 23 Prozent waren unentschieden. „Wie es am Ende wirklich wird, sehen wir erst in der dritten Umfrage“, sagt Juliane Anke.

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