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Was von der Querdenker-Bewegung bleiben wird

Die radikale Bewegung der Querdenker zerfällt, doch Experten geben keine Entwarnung. Denn die Folgen werden noch lange nachwirken.

Ein Mann mit Aluhut nimmt an einer Demonstration gegen Corona-Beschränkungen teil. Zuletzt hatten solche Demos wenig Zulauf.
Ein Mann mit Aluhut nimmt an einer Demonstration gegen Corona-Beschränkungen teil. Zuletzt hatten solche Demos wenig Zulauf. © dpa/Christoph Soeder

Von Maria Fiedler

Sie wollten endlich den Umsturz herbeiführen, die angebliche „Corona-Diktatur“ zu Fall bringen. Zehntausende sollten nach Berlin kommen. Doch dann waren es nur einige hundert Querdenker, die an Pfingsten trotz Verbots zweier Demonstrationen durch Berlin zogen. Für Beobachter war da schon klar: Es geht zu Ende mit der Protestbewegung.

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Während die Impfquote steigt, Menschen in Deutschland wieder reisen und in Cafés sitzen können, bricht Corona-Leugnern und radikalen Gegnern der Corona-Maßnahmen die Grundlage weg. Verschwörungsideologen haben Probleme dabei, im Netz neues Publikum anzuziehen. Doch Grund zur Entwarnung sehen Experten trotzdem nicht.

Die Szene hat sich in dem einen Jahr ihres Bestehens radikalisiert. Sicherheitsbehörden sind alarmiert. Neue Netzwerke haben sich gebildet, Strukturen, die auch für andere Zwecke reaktiviert werden können. Und der verbreitete Glaube an Verschwörungserzählungen hat Spuren hinterlassen – in Familien, Freundeskreisen und der Gesellschaft.

Wie ist die Stimmung in der Szene?

Josef Holnburger ist Politikwissenschaftler und Geschäftsführer beim Thinktank „Center für Monitoring, Analyse und Strategie“ (CeMAS). Er beobachtet hunderte Kanäle der Szene beim Messengerdienst Telegram. „Wut und Frust“ gebe es dort, weil die letzten Demonstrationen gefloppt seien. Gleichzeitig habe die Online-Mobilisierung abgenommen. Beides bedinge sich gegenseitig, sagt der Experte.

„Nach den Demos war es oft so, dass die Telegram-Kanäle der Querdenker verstärkt Zulauf hatten. Doch weil es offline nicht mehr funktioniert, funktioniert es auch online nicht mehr – und umgekehrt.“ Bei einer Demo Anfang Juni rief der Gründer der Querdenker-Bewegung, Michael Ballweg, dazu auf, die sozialen Medien „zu erobern“ und Menschen „außerhalb der Blase“ anzusprechen.

Führende Köpfe ärgerten sich darüber, dass viele jetzt lieber im Biergarten säßen, anstatt auf die Demonstrationen zu kommen, berichtet Holnburger. „Eigentlich wäre ihnen eine Katastrophe recht, um mobilisieren zu können.“

Intern reibt sich die Bewegung auf. So kam etwa laut Holnburger heraus, dass der Ex-AfD-Politiker und bei den Querdenkern gut bekannte Arzt Heinrich Fiechtner in seiner Praxis Impfungen durchführte. „Das ist für viele ein rotes Tuch, da gilt man schnell als Verräter“, sagt Holnburger. Zweifel gibt es auch, weil viele apokalyptische Prognosen von Querdenker-Wortführern nicht eingetroffen sind.

Welche Netzwerke sind entstanden?

Bei den Querdenker-Demonstrationen, die zu Hochzeiten Zehntausende anzogen, kamen Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus: Impfgegner, Esoteriker, Anthroposophen, Menschen, die sich selbst politisch links verorten würden, aber auch Reichsbürger und Rechtsextremisten. „Die Pandemie hat dazu geführt, dass diese Strömungen zusammengeführt wurden“, sagt der Journalist Andreas Speit.

„Die verbindenden Elemente waren ein Anti-Intellektualismus, der sich auch in Wissenschaftsfeindlichkeit ausdrückte, sowie ein Misstrauen gegen den Staat und ein Hass auf ‚die Eliten‘“. Speit hat gerade ein Buch mit dem Titel „Verqueres Denken: Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus“ vorgelegt.

Eine Querdenken-Demonstration in Dresden
Eine Querdenken-Demonstration in Dresden © René Meinig

Die Demos hätten Menschen einander nähergebracht, die sich sonst vielleicht nie getroffen hätten. „Jetzt war man gemeinsam auf der Straße. Diese kollektive Erinnerung wirkt sehr stark und ist jederzeit abrufbar zur Mobilisierung für andere Themen.“ Für gefährlich hält Speit, dass hier Hemmungen abgebaut wurden auch gegenüber Rechtsextremisten.

„Das ist jetzt nicht mehr der böse Nazi. Das sind jetzt Leute, mit denen man gemeinsam auf der Straße gegen ‚die Oberen‘ und ‚das System‘ war.“ Auch führende Strategen aus dem rechten Spektrum spekulierten darauf, dass sich dieses Netzwerk schnell wieder reaktivieren lasse.

Wie stark hat sich die Szene radikalisiert?

Speit spricht von einer „Entkultivierung der bürgerlichen Mitte“. Denn die Menschen, die zu den Demonstrationen gekommen seien, stammten oft aus der Mittelschicht. Leute, die wie Speit sagt, „mitten im Berufsleben stehen“ und alternative Praxen ausleben – von Yoga über Naturheilkunde bis Spiritualität. Hier habe binnen eines Jahres eine enorme Radikalisierung stattgefunden. Die Kritik an den Maßnahmen sei umgeschlagen in eine radikale Staatskritik, verwoben mit Verschwörungsnarrativen.

Bei den Demonstrationen wurden Polizisten und Journalisten angegriffen. Die Enthemmung beschränke sich nicht auf die Demos. So habe er selbst miterlebt, wie aggressiv Maskengegner gegenüber Bahnmitarbeitern auftraten. Vielen sei es egal, dass sie dadurch, dass sie selbst ihre Freiheitsrechte massiv in Anspruch nähmen, andere in Gefahr brächten. „Das ist Teil dieser rohen Bürgerlichkeit.“

In einem Teil des Spektrums habe sogar eine völlige Enthemmung und Entgrenzung stattgefunden. Als Beispiel nennt Speit den Sänger Xavier Naidoo, der schon immer mit einzelnen Verschwörungserzählungen aufgefallen sei. Mittlerweile habe er keine Probleme mehr damit, mit dem rechtsextremen Sänger einer Hooligan-Brand ein gemeinsames Projekt zu machen.

Für wie gefährlich halten Behörden die Radikalisierung?

Längst haben die Sicherheitsbehörden Verschwörungsideologen und radikale Querdenker im Blick. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat einen neuen „Phänomenbereich“ geschaffen, da bestehende Kategorien nicht greifen. Er nennt sich: „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“.

Der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen legte vergangene Woche sogar einen 179 Seiten dicken Sonderbericht zu Verschwörungsmythen und „Corona-Leugnern“ vor. Die Prognose: Ein Teil der „Corona-Leugner“-Szene werde auch nach einem Ende der Corona-Pandemie nicht in die gesellschaftliche Mitte zurückkehren.

Sicherheitsexperten befürchten, dass radikalisierte Querdenker Gewalt gegen Objekte oder Personen ausüben könnten. Sogar vor Anschlägen wird gewarnt. Im NRW-Bericht wird auf ein Attentat auf ein Impfzentrum in den Niederlanden verwiesen.

Es wurde zwar niemand verletzt. Dennoch betont der Bericht: „Dies ist ein Hinweis auf das enorme Radikalisierungspotenzial, das Teilen der ,Corona-Leugner’-Szene europaweit innewohnt.“

Wie weit haben sich Verschwörungsmythen verbreitet?

Wahlweise wurde das Corona-Virus für eine chinesische Biowaffe gehalten oder für eine Erfindung, die genutzt werden sollte, um eine Diktatur zu errichten oder um Zwangsimpfungen einzuführen. Zum Teil glaubten Menschen sogar an verschiedene sich widersprechende Erzählungen. 2020 erhielt auch die QAnon-Bewegung Auftrieb – deren Anhänger glauben daran, dass eine Elite Kinder entführt, um aus deren Blut einen besonderen Stoff zu extrahieren. Sie hielten Donald Trump für den Erlöser.

Experten sagen, dass der Anteil der Menschen in Deutschland, der offen für Verschwörungsmythen ist, gar nicht so stark schwankt. Etwa ein Viertel habe schon immer einen Zugang gehabt, sagt der Politikwissenschaftler Holnburger. Nur seien Verschwörungsgläubige während der Pandemie lauter geworden, hätten sich zum Teil radikalisiert, die Wissenschaftsfeindlichkeit habe zugenommen.

Auch Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung in Baden-Württemberg sagt: „Antisemitismus und Verschwörungsglauben haben keine neuen Bevölkerungsgruppen angezogen, aber sie haben Menschen, die ohnehin latent verschwörungsgläubig waren, in den Strudel hinabgezogen und die gesellschaftliche Debatte polarisiert.“

Welcher Schaden ist entstanden?

Blume, der den Podcast „Verschwörungsfragen“ betreibt, sieht als große Gewinner jene, die er „Verschwörungsunternehmer“ nennt. „Sie haben Spenden gesammelt für dubiose Zwecke, sich auf private Konten Geld schenken lassen. Zum Beispiel Querdenken-Initiator Michael Ballweg. Es ist völlig intransparent, wie das Geld verwendet wurde.“

Aktuell würden immer mehr Menschen erkennen, dass sie getäuscht wurden. „Für Menschen, die Monate ihrer Zeit, tausende Euro und sogar soziale Beziehungen investiert haben, ist es sehr beschämend zu erkennen: Das war alles eine Täuschung“, sagt Blume. Viele würden es bei einem stillen Rückzug belassen. Andere würden sich jetzt eher noch weiter radikalisieren und zum nächsten Verschwörungsmythos wechseln.

Aus Sicht von Blume ist ein Schaden für die Demokratie entstanden. „Wer Politiker für Verschwörer hält, der verabschiedet sich ja vom demokratischen Diskurs. Der wird womöglich auch nicht wählen gehen.“ Sorgen macht dem Antisemitismusbeauftragten der antisemitische Kern vieler Verschwörungserzählungen.

Auf den Demonstrationen wurde häufig der Holocaust verharmlost oder Geschichtsrevisionismus betrieben – etwa indem sich Demonstranten mit Sophie Scholl gleichsetzten, sich nachgebildete „Judensterne“ mit dem Begriff „ungeimpft“ aufklebten oder die Bundesrepublik mit einer Diktatur gleichsetzten. Blume sagt: „Diese Dinge sind so häufig passiert, dass ich fürchte, da hat bei Teilen der Bevölkerung eine Gewöhnung eingesetzt. Da sind Dämme gebrochen.“

Wie geht es jetzt weiter?

Blume erwartet, dass die Proteste wieder aufflammen, sollte es in der Pandemie in Deutschland eine vierte Welle geben. „Mit weniger Menschen, aber potenziell radikaler.“ Doch auch unabhängig davon machen Corona-Leugner und Querdenker weiter. So ist für den 1. August wieder eine Kundgebung mit Zehntausenden in Berlin geplant

Und auch wenn Corona nun vorerst in den Hintergrund rückt, könnten sich Verschwörungsideologen auf neue Themen konzentrieren, sagt der Wissenschaftler Holnburger. „Es gibt jetzt schon Verschwörungserzählungen über Wahlmanipulation bei der Bundestagswahl. Darüber, dass die Klimakrise eine Lüge sei und dass diese demnächst auch für Lockdowns genutzt wird.“

Auch gegen Impfungen für Kinder könne mobilisiert werden. Blume glaubt, dass vor allem der „Great-Reset-Verschwörungsmythos“ erhalten bleiben wird, wonach jüdische und nicht-jüdische Globalisten über die Covid-19-Pandemie die Ökodiktatur vorbereitet hätten.

Auf Youtube und Telegram schüren die Propheten der Bewegung weiter die Angst. Experten beobachten schon jetzt, dass sich Verschwörungsideologen eigene Plattformen im Netz bauen, weil sie etwa bei Youtube gelöscht werden oder das befürchten. So hat „Querdenken 711“, die Keimzelle der Querdenker-Bewegung aus Stuttgart, eine Plattform aufgebaut, auf der sie aber weniger Menschen erreicht als auf Youtube.

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Der Journalist Speit prognostiziert, dass jene, die sich abwenden vom System, nun verstärkt versuchen, eigene Strukturen aufzubauen – auch offline. Speit recherchierte einen Fall in Hamburg, dort wollten Personen aus der Querdenker-Szene eine eigene Schule gründen. Die Pläne seien weit gediehen gewesen: Man hatte bereits einen gemeinnützigen Verein gegründet und einen Antrag bei der Schulbehörde gestellt. Am Tag des Erscheinens eines Artikel von Speit wurde der Antrag zurückgezogen. Doch sie würden es weiter versuchen, sagt Speit.

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