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Wie Sachsens Betriebe dieses Jahr Lehrlinge finden

Es gibt mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Vor allem Gastwirte machen Pläne, damit der Nachwuchs bald wiederkommt. Wie das gelingen soll.

Beruf gesucht, Lehrstelle gefunden: Die sächsischen Ausbildungsbetriebe bekommen in diesem Jahr weniger Bewerbungen. Rein rechnerisch reichen die Lehrstellen für alle.
Beruf gesucht, Lehrstelle gefunden: Die sächsischen Ausbildungsbetriebe bekommen in diesem Jahr weniger Bewerbungen. Rein rechnerisch reichen die Lehrstellen für alle. © dpa/Sina Schuldt

Dresden. Flugzeugwerker in dritter Generation – wo schon Vater und Großvater gelernt haben, da bewerben sich auch mal die Enkel. Für Personalchef Kay Uwe Hoerl ist es deshalb in Corona-Zeiten nicht schwer, alle 25 Ausbildungsplätze zu besetzen. Die Elbe-Flugzeugwerke mit 1.800 Beschäftigten in Dresden und Kodersdorf finden Nachwuchs zum Teil in den Familien der Mitarbeiter.

Doch auch Hoerl stellt fest, dass sich zehn Prozent weniger Bewerber um Lehrstellen gemeldet haben als vor einem Jahr. Ausbildungsmessen fehlten, Praktika und Tage der offenen Tür fielen aus.

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Personalchef Hoerl macht sich nun vor allem eine Sorge: Werden die neuen Lehrlinge dem Betrieb treu bleiben? Anders als ihre Vorgänger konnten sie das Unternehmen vor der Ausbildung kaum kennenlernen. Laut Hoerl besteht die Gefahr, dass jemand sich die Arbeit anders vorgestellt hat und die Lehre abbricht. Das wäre eine Spätfolge von Corona auf dem Arbeitsmarkt.

Gastwirte: Betriebe arbeiten bei Ausbildung zusammen

Axel Klein dagegen muss sich schon kurzfristige Sorgen machen. Der Hauptgeschäftsführer der Gastwirtevereinigung Dehoga sagte bei einem Pressegespräch am Mittwoch, wegen der Schließungen seien Kellner und Köche in andere Branchen abgewandert. Sachsens Gastronomen haben dieses Jahr über 200 Lehrstellen weniger gemeldet als voriges Jahr. Für die vorhandenen fehlen teilweise Bewerber. Wer setzt gerne auf einen Betrieb, der seit einem halben Jahr geschlossen ist?

"Vielen Gastwirten steht das Wasser bis zum Hals oder bis zum Mund“, sagt Klein. Doch er zeigt Optimismus: Sobald die Gaststätten und Hotels wieder öffnen dürfen, wird auch die Zahl der Ausbildungsplätze und Bewerber wieder steigen, sagt er voraus.

Klein schwärmt vom „guten Netzwerk“ in der Gastronomie. Ein Lehrling vom Chemnitzer Hof habe früher wenig mit Hilton zu tun gehabt, jetzt werde zusammengearbeitet. Nach der Pleite eines Hotels in Dresden seien alle Auszubildenden sofort weitervermittelt worden. Vor allem kleinere Betriebe auf dem Lande benötigten „jede Hand“.

Mancher Ausbilder habe jetzt mehr Zeit, sich um die jungen Leute zu kümmern. Doch Corona verstärke den Mangel an Personal. Laut Klein müssen die Gastronomen nach der Krise verstärkt Bewerber im Ausland suchen, etwa Kontakte nach Vietnam wieder aufnehmen.

"Manche Jugendliche spielen auf Zeit"

Die staatlichen Ausbildungsprämien für coronageschädigte Betriebe haben laut Klein zunächst nicht viel gebracht. Nun sind sie fürs neue Lehrjahr verdoppelt worden. Das werde helfen, sagt der Verbandschef voraus. Doch erst einmal ist Koch aus der Liste der zehn beliebtesten Lehrberufe in Sachsen verschwunden, dafür ist Friseur wieder dorthin aufgerückt. Verkäufer steht weiter auf Wunschplatz 1.

Viele Schüler aber haben noch nicht einmal einen Wunsch. Der Berufsschüler Oliver Sachsze ist stellvertretender Vorsitzender im Landesschülerrat und weiß von vielen jungen Leuten, dass sie sich erst einmal auf ihren Schulabschluss konzentrieren. Sachsze selbst hatte als Oberschüler Berufsberater im Unterricht. Die dürfen seit November aber nicht mehr in die Schulen gehen.

Der Schülervertreter rechnet damit, dass ein Teil der Absolventen die Lehrstellensuche später als üblich angeht. Manche wollen nach der Schule erst mal eine Auszeit nehmen oder jobben. „Manche Jugendliche spielen auf Zeit“, sagt Klaus-Peter Hansen, Chef der sächsischen Arbeitsagenturen. Seine Statistik belegt es: Fast zehn Prozent weniger Interessenten für eine Ausbildung als vor einem Jahr haben sich bei den Arbeitsagenturen gemeldet.

Die Statistik ist zwar nicht vollständig, weil nicht jeder Bewerber bei den Flugzeugwerken vorher die Berufsberater konsultierte. Doch 14.475 Bewerber stehen in den Tabellen der Arbeitsagentur. Die Zahl der gemeldeten Lehrstellen dagegen ging nur um 3,3 Prozent auf 15.561 zurück.

Viel weniger Lehrverträge bei Sachsens Kammern

Rein rechnerisch gibt es also für jeden eine Lehrstelle. In einigen Regionen ist die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze gestiegen, etwa in der Sächsischen Schweiz. Der Kreis Bautzen dagegen verlor mehr als zehn Prozent.

Die Industrie- und Handelskammer Dresden sieht den Rückgang mit Sorge. Ihr Bildungsexperte Torsten Köhler berichtet, dass Sachsens Handelskammern bis Ende März 1.664 Lehrverträge eingetragen haben. Ein Jahr vorher waren es 2.032. Allerdings habe das vorige Jahr gezeigt, dass sich ein Teil des Rückgangs aufholen lässt.

Laut Hansen sind die Veränderungen nur etwa „zur Hälfte“ auf Corona zurückzuführen. Der Wandel etwa der Autobranche und der Digitalwirtschaft verändere das Interesse an Berufen. Rückgang an Lehrstellen gab es auch in Elektrotechnik und Maschinenbau, Zuwachs in Gesundheitswesen, Informationstechnologie und Teilen des Handels.

Internet-Angebote und Veranstaltungen

Die Arbeitsagenturen, die Industrie- und Handelskammern in Sachsen (IHK) und die Handwerkskammern beraten nun Jugendliche am Telefon und per Video und wollen möglichst bald wieder Begegnungen anbieten. Die Berufsberater der Arbeitsagenturen konzentrieren sich auf die Abschlussklassen und halten nach eigenen Angaben den Kontakt zu den Schülern, die sie im Herbst persönlich kennengelernt haben. Wer eine Lehrstelle sucht, sollte sich laut Hansen bei einer der 13 sächsischen Jugendberufsagenturen melden und beraten lassen. Niemand werde zurückgelassen.

Die Handwerkskammer Dresden bietet einen neuen Whatsapp-Service zur Berufsorientierung an. Ein Team von Ausbildungsberatern beantwortet im Chat schnell Fragen zur Berufswahl, zur Lehrstellensuche oder zur Ausbildungsvergütung. Über die 130 verschiedenen Ausbildungsberufe im Handwerk können sich interessierte Jugendliche ab Donnerstag auch per Video-Chat in der neuen Online-Veranstaltungsreihe „Zukunftstag Handwerk“ informieren. Am 28. April findet der nächste Zukunftstag statt, eine Anmeldung ist nicht nötig.

Die IHK Chemnitz bietet ein Azubi-Speed-Dating an. Dabei können angehende Auszubildende Betriebe kennenlernen. Rund 100 Betriebe machen mit. An Schulabgängern fehle es noch, bedauert Bildungs-Geschäftsführerin Gabriele Hacker. Auch die Telefonhotlines könnten stärker genutzt werden.

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