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Das macht Biotype mit dem Geld von den Corona-Tests

Die Biotechnologie-Firma in Dresden-Hellerau hat 18 Millionen Corona-Tests produziert. Biotype-Chef Wilhelm Zörgiebel hat die Einnahmen schon ausgegeben.

Laborgeräte namens Modaplex sind die Basis für ein ganzes System - das soll der nächste Umsatzrenner für die Dresdner Biotechnologiefirma Biotype werden.
Laborgeräte namens Modaplex sind die Basis für ein ganzes System - das soll der nächste Umsatzrenner für die Dresdner Biotechnologiefirma Biotype werden. © © Foto: Matthias Rietschel

Dresden. Wo vor 100 Jahren die Hellerauer Holzmöbel der Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst entstanden, füllen jetzt Laborgeräte Testflüssigkeiten ab. Wilhelm Zörgiebel hat in den vergangenen Monaten einen Trakt des markanten Altbaus in der Gartenstadt Dresden-Hellerau umbauen lassen.

Der Biotechnologie-Unternehmer und Immobilienvermieter Zörgiebel zeigt gerne die frisch gestrichenen Gänge mit den verglasten Einblicken in die Labor- und Produktionsräume seines Unternehmens Biotype GmbH. An alle Flur- und Bürowände hat Zörgiebel Teile seiner privaten Kunstsammlung gehängt: Reliefs von Karl-Heinz Adler, Grafiken von Hermann Glöckner, Ovale von Manfred Luther, Holzschnitte von Wilhelm Rudolph.

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Das vergangene Geschäftsjahr lief trotz Corona gut für das Dresdner Biotechnologie-Unternehmen. Im Auftrag einer englischen Firma stellte Geschäftsführer Zörgiebel Teile seiner Immobilien auf den Bedarf eines englischen Auftraggebers um, der Corona-Tests brauchte. Innerhalb weniger Wochen wurde ein Produktionsunternehmen eingerichtet.

Wilhelm Zörgiebel (links) und sein Sohn Felix haben den Labortrakt bei Biotype vergrößert.
Wilhelm Zörgiebel (links) und sein Sohn Felix haben den Labortrakt bei Biotype vergrößert. © © Foto: Matthias Rietschel

Hilfe bei der Therapie-Entscheidung für Krebspatienten

Zeitweilig arbeiteten bis zu 60 Dresdner Studenten zusätzlich mit. Abfüllen und Etikettieren in Handarbeit gehörten dazu. "Das war echt der Wahnsinn", sagt dazu Zörgiebels Sohn Felix, der wie seine Geschwister Timm und Corina ebenfalls in der Unternehmensgruppe arbeitet. Biotype produzierte 18 Millionen Stück Corona-PCR-Tests.

Laut Zörgiebel hat sich der längst abgeschlossene Auftrag gelohnt, doch die Einnahmen aus den Corona-Tests sind schon wieder ausgegeben. "Wir haben das verdiente Geld investiert", sagt der Biotype-Chef. Rund 20 Millionen Euro steckt das Familienunternehmen derzeit in Laborausstattung, mehr Personal - und vor allem in ein Diagnosesystem namens Modaplex. Das soll künftig laufende Einnahmen sichern.

Modaplex ist ein Tischgerät, das Blut- und Gewebeproben analysiert. Dazu gehören Testflüssigkeiten und Software. Die ersten 20 Geräte seien schon "im Markt", berichtet Zörgiebel, demnächst komme eine neue Generation heraus. Vor allem bei der Diagnose von Krebserkrankungen sollen die Laborgeräte helfen - und bei der Entscheidung, welche Therapie verordnet wird.

Von 1910 ist der Altbau der Deutschen Werkstätten Hellerau. Wilhelm Zörgiebel hat dort 50 Mieter - und seine Biotechnologie-Firmengruppe.
Von 1910 ist der Altbau der Deutschen Werkstätten Hellerau. Wilhelm Zörgiebel hat dort 50 Mieter - und seine Biotechnologie-Firmengruppe. © Archivfoto: Steffen Füssel

Laborgerät soll vielseitig und schnell arbeiten

Mögliche Kunden von Biotype sind Kliniken, Labormediziner, Pathologen und Forscher, die sich auf bestimmte Krebsarten spezialisieren. Wenn sie sich für das Laborgerät Modaplex von Biotype entscheiden, sollen sie von der Dresdner Firma künftig auch das Verbrauchsmaterial beziehen - etwa Testflüssigkeiten, die in Hellerau abgefüllt werden. Im Geschäftsbericht heißt es: "Der Umsatz ist proportional zur Anzahl der installierten Geräte."

Norman Gerstner, bei Biotype zuständig für die Entwicklung des Geschäfts, hofft auch auf Kunden aus Umwelt- und Nahrungsmittel-Analytik. Doch zunächst konzentriert sich Biotype auf die Humanmedizin. Dabei hatte Zörgiebel bei Firmengründung 1999 zunächst Kunden aus der Veterinärmedizin gewonnen - und Strafverfolgungsbehörden, die genetische Fingerabdrücke suchten. Dieses Geschäftsfeld trat Zörgiebel aber 2009 an den Geschäftspartner Qiagen ab, nachdem er sich von großen Konkurrenten aus den USA "unter Druck gesetzt" sah. Er sei froh, dort "den Exit geschafft zu haben".

Das Modaplex-Gerät kann laut Gerstner bis zu 50 "Biomarker" analysieren - markierte Zellbestandteile wie etwa DNA. Nach vier Stunden habe ein Arzt das Ergebnis, während er im Routinebetrieb eines Labors sonst bis zu zwei Wochen warten müsse. Mit diesem Gerät legt sich Zörgiebel nach eigenen Worten aber nicht mit den großen Herstellern wie Siemens oder Abbot an. Die böten "Hochdurchsatz-Laborroboter", dagegen schließe Biotype eine Marktlücke im mittleren Bereich.

So sah es aus, als bei Biotype Corona-Tests verpackt und mit Aufklebern versehen wurden.
So sah es aus, als bei Biotype Corona-Tests verpackt und mit Aufklebern versehen wurden. © Biotype

Lieferanten aus Chemnitz beteiligt

Sächsische Unternehmen stellen das Laborgerät für Biotype her: Zörgiebel nennt IMK Mechatronics und den Elektronikprovider EDC, beide in Chemnitz. Auf dem Gerät können die Nutzer wie auf einem Smartphone unterschiedliche Anwendungen laufen lassen. Das Ergebnis ist eine Fülle von Daten - auch um die kümmert sich ein Zörgiebel-Unternehmen in Hellerau: die Softwarefirma Qualitype mit rund 55 Beschäftigten Dazu gehört ein Großraumbüro mit Flachbildschirmen.

Biotype hat jetzt rund 100 Beschäftigte. Zur Zörgiebel-Firmengruppe namens MDG Molecular Diagnostics Group gehört auch Rotop Pharmaka in Dresden-Rossendorf. Zusammen haben die MDG-Firmen rund 300 Beschäftigte. Voriges Jahr setzten sie etwa 40 Millionen Euro um. Auch wenn dieses Jahr Konsolidierung und Investition im Vordergrund stünden, wie Zörgiebel sagt: Er halte in paar Jahren 100 Millionen Euro Jahresumsatz für möglich.

Datenschatz wird immer wichtiger

Der Unternehmer freut sich, dass er mit Partnerbetrieben in der Umgebung die Entwicklung vorantreiben kann. Im Verband Biosaxony arbeitet Zörgiebel mit und findet: "Lokale Nähe ist was Tolles". Der Auftrag für den englischen Kunden im vorigen Jahr hat ihm aber auch gezeigt, wie wichtig langfristige Zusammenarbeit sein kann.

Biotype habe nun ein großes Wissen um Regularien, Verträge und Lieferbedingungen. Dazu komme der kreative Teil der Arbeit: die Vermarktung der Produkte. Auf einem Zeitstrahl zeigt Zörgiebel, was in fünf Jahren der wichtigste Teil des Geschäfts werden könnte: der richtige Umgang mit den großen Datenmengen, die bei den Laboranalysen gewonnen werden.

Der Unternehmer sucht Produktmanager mit Diagnostik-Erfahrung, Qualitätsmanager und Mitarbeiter für Geräteservice. Auf der Ebene technischer Assistenten finde er schnell Leute, aber Wissen über den speziellen Markt sei rar. Bewerber aus Westdeutschland kämen nicht mehr so häufig. Das führt der Unternehmer, der in Darmstadt Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat, auch auf den angeschlagenen Ruf Dresdens durch Pegida-Demonstrationen zurück.

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Doch Zörgiebel ist grundsätzlich optimistisch und rechnet auch nicht damit, dass die zunehmende Automatisierung den Arbeitsmarkt zerstört: "Wer sagt, es wird rationalisiert und keiner hat mehr Arbeit, der hat keine Ahnung." Vielmehr sei immer mehr spezielles Wissen gefragt.

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