Deutschland & Welt
Merken

Geisterinsel Mallorca, Chillen auf Teneriffa

Mit dem erneuten Notstand in Spanien liegt auch die liebste Insel der Deutschen brach. Ganz anders sieht es auf den Kanaren aus.

 5 Min.
Teilen
Folgen
Vögel und Möwen am Strand von Arenal. Von Herbstferien ist auf Mallorca kaum etwas zu sehen. Die meisten Hotels sind zu, der Strand ist leer.
Vögel und Möwen am Strand von Arenal. Von Herbstferien ist auf Mallorca kaum etwas zu sehen. Die meisten Hotels sind zu, der Strand ist leer. © Clara Margais/dpa

Von Ralf Petzold und Emilio Rappold

Palma/Las Palmas. Bademeister ist derzeit am Ballermann ein überschaubarer Job. Der Lebensretter an der legendären Strandbude Balneario 6 muss nur drei Kinder im Blick behalten, die sich bei spätsommerlichem Wetter an den Wellen erfreuen. Am ansonsten leeren Strand wird ein zurückgelassener Schwimmreifen vom Wind weggeweht. Corona-Tristesse auf der Geisterinsel Mallorca.

Anzeige
Super Rabatt auf Filmmusik-Konzerte am Elbufer: Jetzt Tickets sichern
Super Rabatt auf Filmmusik-Konzerte am Elbufer: Jetzt Tickets sichern

Filmmusik-Fans aufgepasst: Von Star Wars bis Fluch der Karibik begeistert die Dresdner Philharmonie auch in diesem Jahr wieder Groß und Klein.

Eigentlich sollte die liebste Insel der Deutschen im Oktober voller Touristen sein, die in den Herbstferien noch einmal die Sonne genießen wollen. "Ich habe so gut wie keinen gesehen", sagt Beatrice Ciccardini, Chefin der strandnahen Bar "Zur Krone". Es sei derzeit "schlimmer als in normalen Jahren im Winter."

Spanien, Los Cristianos: Touristen genießen die Sonne am Strand La Playa de Las Vistas im Süden der Kanaren-Insel.
Spanien, Los Cristianos: Touristen genießen die Sonne am Strand La Playa de Las Vistas im Süden der Kanaren-Insel. © Andres Gutierrez/dpa

Die Hoteliers und Gastronomen Mallorcas blickten am Wochenende neidisch auf die Kanaren. Die Atlantik-Inseln vor der Westküste Afrikas haben es nämlich geschafft, das Coronavirus einigermaßen unter Kontrolle zu bringen - und wurden von Deutschland von der Liste der Risikogebiete gestrichen. Auch Großbritannien gab fast zeitgleich grünes Licht für die Kanaren. Und auch der von der spanischen Regierung am Sonntag ausgerufene Notstand samt nächtlicher Ausgehsperre gilt überall, nur eben nicht auf den Kanaren.

Nach monatelanger Zwangspause trafen dort am Samstag und Sonntag wieder die ersten Flugzeuge voller Urlauber ein. Die Zeitung "El Mundo" sprach von einem "Ansturm", vor allem der Briten. "Es ist eine Freude, wieder diesen Betrieb hier zu sehen", sagte ein Arbeiter des Flughafens von Las Palmas auf Gran Canaria der Zeitung "La Provincia". Freude auch bei den Urlaubern. Das spanische Fernsehen sprach mit einer jungen Mutter aus Großbritannien: "Wir sind gestern Abend angekommen. Der Flieger war voll, alle superfroh. Und alle mit Maske natürlich."

Beatrice Ciccardini, Chefin der strandnahen Bar "Zur Krone" in Palma, beziffert ihre derzeitigen Einnahmen auf 20 Prozent im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten.
Beatrice Ciccardini, Chefin der strandnahen Bar "Zur Krone" in Palma, beziffert ihre derzeitigen Einnahmen auf 20 Prozent im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten. © Mar Granel Palou/dpa

Kontrastprogramm auf Malle: Frau Ciccardini, eine Schweizerin mit spanischen Pass, lebt seit 1976 hier. "Als ich auf die Insel gekommen bin, war die Straße am Strand entlang nicht einmal geteert. Und dennoch war mehr los als jetzt." Ihre Kneipe ist eine der wenigen, die noch geöffnet haben. Die derzeitigen Einnahmen beziffert sie auf 20 Prozent im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten.

In guten Jahren geht die Saison auf Mallorca bis Anfang November. Mitte Oktober schließen meist die ersten Hotels, Restaurants und Bars. Dieses Jahr ist alles anders. "Wir müssen ganz schön weit wandern, um offene Geschäfte zu finden", sagt Christian Guirsch. Der Luxemburger ist mit drei Freunden da. Sie gehören zu den wenigen Touristen, die sich an der Playa herumtreiben. Es klingt verrückt, doch die Urlauber aus dem Zwergstaat machen den Deutschen derzeit "Konkurrenz" am Ballermann. "Für Spanien gibt es keine Reisewarnung bei uns", sagt Guirsch. "Es gibt auch einige Deutsche, die den Umweg über Luxemburg für die Mallorca-Reise nehmen."

Eine Touristen-Gruppe wartet vor dem Flughafen Teneriffa Süd auf einen Bus. Deutsche und britische Touristen trafen an diesem Wochenende erstmals wieder auf Teneriffa ein.
Eine Touristen-Gruppe wartet vor dem Flughafen Teneriffa Süd auf einen Bus. Deutsche und britische Touristen trafen an diesem Wochenende erstmals wieder auf Teneriffa ein. © Andres Gutierrez/dpa

Seit Mitte Oktober dürfen Bars und Restaurants in Schinken- und Bierstraße wieder öffnen. Das gilt aber nicht für die Tanztempel. An einer Ecke steht eine Gruppe Straßenhändler mit Sonnenbrillen, die sehnsüchtig auf Touristen warten. "Kaffee trinken, etwas plaudern und dann wieder nach Hause gehen. Das machen wir jeden Tag. Was anderes bleibt uns nicht übrig", sagt einer der Männer.

Mario Gross flaniert die Straße vor dem geschlossenen Kult-Partytempel "Bierkönig" entlang. "Nichts los hier", sagt er. Seit sechs Jahren lebt der Mannheimer auf Mallorca. "Ich habe im PR-Bereich und als Flyerverteiler gearbeitet. Es gab immer Jobs und gutes Geld." Heute lebt er von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. Eine Rückkehr in die Heimat kommt für ihn dennoch nicht in Frage. "Ich warte auf die Besserung."

Dem Anliegen von Juan Ferrer könnte die Pandemie hingegen zuträglich sein. Fünf Jahre lang hat er gegen betrunkene Partytouristen angekämpft. Der Inhaber von sechs Restaurants hat die Initiative Palma Beach gegründet, die sich für mehr Qualität an der Playa de Palma einsetzt. "Es ist ein Turboeffekt für den Wandel. Alle müssen sich neu erfinden." Er sagt allerdings auch: "So eine Ruhe wie jetzt wollten wir aber nie." Man wolle "Partyzone" bleiben. Die Urlauber sollen feiern, "aber nicht so, dass sich die Landsleute fremdschämen."

Palma: Ein Hotel am Strand ist geschlossen.
Palma: Ein Hotel am Strand ist geschlossen. © Clara Margais/dpa

Ferrer beteuert, die Playa de Palma sei sicheres Gebiet. "Hier gab es nie einen Infektionsherd. Es war ein Fehler, ganz Mallorca als Risikogebiet einzustufen. Das lag auch an der schlechten Kommunikation zwischen den Ländern. Ferrer räumt aber ein, dass die Kanaren in Sachen Corona-Bekämpfung ein Vorbild sein können.

Von Neid will Ciccardini derweil nichts wissen: "Wir kennen keinen Neid. Wir freuen uns für jeden, der überleben kann", sagt sie. Und nennt einen positiven Aspekt der Malaise: Nachts sei es totenstill. "Es ist das erste Mal, dass ich wieder durchschlafen kann."

Nicht nur die Menschen genießen die Idylle auf den Balearen. Auch die Vogelwelt profitiere vom Lockdown in der ersten Jahreshälfte und der anhaltenden geringeren menschlichen Präsenz auf der Insel, meint Jaume Vinyas, Sprecher des Umweltministeriums. Auf der kleinen Insel Na Guardis vor Colònia de Sant Jordi nisten nach seinen Angaben wieder 184 Korallenmöwenpärchen. Das letzte Nest hatte es zuvor 2016 gegeben.

Weiterführende Artikel

FDP-Vize Kubicki fordert Entlassung von RKI-Chef Wieler

FDP-Vize Kubicki fordert Entlassung von RKI-Chef Wieler

FDP: "Datenchaos" bei Corona-Zahlen, Regierung bringt erste Corona-Regelungen für Herbst auf den Weg, Sachsen: 2.545 neue Infektionen und sechs Tote - unser Newsblog.

Corona: Das ist bei Inlandsreisen möglich

Corona: Das ist bei Inlandsreisen möglich

Wandern in den Alpen, baden an der Nordsee oder ein Städte-Trip? In vielen Bundesländern werden die Regeln gelockert. Doch Einschränkungen bleiben.

Wenn Mütter auf den Strich gehen müssen

Wenn Mütter auf den Strich gehen müssen

Auf der Urlaubsinsel Mallorca hinterlässt Corona eine Spur der wirtschaftlichen und sozialen Verwüstung.

Kleiner Grenzverkehr mit Tschechien? Ja, aber...

Kleiner Grenzverkehr mit Tschechien? Ja, aber...

Die neue tschechische Regelung lässt Tanktourismus im Grunde nicht zu. Und dann kommt jetzt noch ein Problem mit Polen.

Aber sollte der Massentourismus vielleicht schon im kommenden Jahr zurückkehren, dürfte das "tierische Vergnügen" schnell zu Ende gehen. "Drei Monate Lockdown ziehen sich für die Menschen zwar ganz schön in die Länge, für einen bleibenden Wandel in der Umwelt ist es aber ein zu kurzer Zeitraum." (dpa)

Mehr zum Thema Deutschland & Welt