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Corona: Kann der Kreis Görlitz die vierte Welle bewältigen?

Es gibt Unterschiede zur dritten Welle, sagt Kreis-Sozialdezernentin Martina Weber. Sie redet gegen Panik an. Ernst sei die Lage aber zweifellos.

Von Susanne Sodan
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Viele in Görlitz wollen von der vierten Welle nichts mehr hören. Aber sie ist nun mal da.
Viele in Görlitz wollen von der vierten Welle nichts mehr hören. Aber sie ist nun mal da. © André Schulze

Es sind Zahlen, bei denen einem mulmig wird. Vier gestorbene Corona-Patienten vermeldete der Landkreis Görlitz am Mittwoch, 343 Neuinfektionen. Zahlen, die an Dezember vergangenen Jahres erinnern, an die zweite Welle, die den Landkreis Görlitz besonders heftig getroffen hatte. Nicht ganz so hoch ist die Zahl der Menschen, die in einem Krankenhaus im Kreis behandelt werden müssen, derzeit 92. Aber auch das ist eine Zahl, die über wenige Tage rasant gestiegen ist. Gegenüber der SZ ordnet Sozialdezernentin Martina Weber die Situation ein.

Martina Weber ist Sozialdezernentin des Kreises. Sie leitet den Corona-Krisenstab, der jetzt wieder hochgefahren wird.
Martina Weber ist Sozialdezernentin des Kreises. Sie leitet den Corona-Krisenstab, der jetzt wieder hochgefahren wird. © André Schulze

Personalprobleme: Mitarbeiter sind ausgelaugt

In der dritten Welle arbeiteten zu Spitzenzeiten rund 700 Personen für die Corona-Bewältigung des Landkreises. Dafür wurden Kreismitarbeiter aus anderen Ämtern abgezogen, externe Hilfe, zum Beispiel durch die Bundeswehr kam. Auch jetzt hat der Landkreis ein Hilfeersuchen an den Freistaat gestellt, eine Antwort liege noch nicht vor, erzählt Martina Weber.

Grundsätzliche Ansage an die Kreise sei aber, dass sie zunächst ihre Möglichkeiten ausschöpfen sollen. Das könne der Kreis aber diesmal nicht in dem Maße wie vor einem Jahr. Viele Flüchtlinge kommen seit dem Sommer von Belarus über Polen in den Landkreis Görlitz. Und auch das Thema der Afrikanischen Schweinepest bindet Beschäftigte der Verwaltung. "Auf diese Mitarbeiter können wir derzeit wirklich nicht zurückgreifen, sie haben ebenfalls sehr dringende Aufgaben."

Viele derer, die seit Beginn an gegen die Corona-Pandemie im Kreis arbeiten, ob in den Kliniken oder der Verwaltung, seien ausgelaugt. Auch bei einer Inzidenz von 2,35 zum Beispiel sei gearbeitet worden, waren zum Beispiel Hygienekonzepte und Allgemeinverfügungen zu erstellen, traf sich die sogenannte Steuerungsgruppe.

Kliniken: Mehr Betten für Corona-Patienten wieder nötig

Die Krankenhaushäufigkeit nimmt zu, sagt Martina Weber. 92 Covid-Patienten müssen derzeit im Kreis im Krankenhaus behandelt werden, elf von ihnen auf einer Intensivstation. Betten gebe es an sich genug, "aber wir haben auf den ITS nicht mehr das Personal, das wir in der dritten Welle hatten, das ist Fakt. Dadurch haben wir letztlich weniger Betten zur Verfügung", erklärt Weber.

Um die Krankenhäuser nicht zu überfordern, stehen deshalb nun wieder zwei Dinge an: Schärfere Maßnahmen und die Aufstockung der Kapazitäten. Letzteres könne der Kreis nicht alleine, sondern die Krankenhausleitstelle Ostsachsen kommt wieder zum Einsatz. Eine Schwierigkeit: Es finden auch andere Operationen statt. "Die Phase, in der den Krankenhäusern gesagt wird: Fahrt nicht dringend notwendige Operationen zurück, ist noch nicht erreicht", sagt Martina Weber. Eine Ansage, die der Freistaat treffen müsse.

Durch die "normalen" Erkrankungen, bestimmte OPs und jetzt den Anstieg der Zahl der Covid-Patienten sei die ITS-Belegung derzeit insgesamt sehr hoch. An sich ist daran nichts Falsches, wenn die Kapazitäten genutzt werden, erklärt Martina Weber. Aber: Durch den schnellen Anstieg der Covid-Patienten "haben wir gerade einen engen Flaschenhals". Dazu kommt, dass die Menschen mitunter sensibler gegenüber anderen Erkrankungen geworden sind, etwa der Grippe. Der Freistaat müsse reagieren. Denn Patienten wieder nach Schleswig-Holstein auszufliegen wie voriges Jahr, könne keine Lösung sein.

Impfdurchbrüche: Wenn Geimpfte erkranken, dann nicht so schwer

Stationäre Betreuung in den Krankenhäusern brauchen geimpfte und ungeimpfte Patienten, sagt Martina Weber. 46 der derzeitigen Corona-Patienten sind nicht geimpft. Was in den sozialen Netzwerken Impfgegner dazu bewegt, den Sinn der Impfung komplett infrage zu stellen.

Mittlerweile sieht sich das Görlitzer Klinikum genötigt, selbst Falschmeldungen entgegenzuwirken. Auf der Facebookseite Görlitz Insider ging es in einem Beitrag kürzlich um den Besucherstopp, der im Klinikum seit einigen Tagen wieder gilt. Ein Nutzer schreibt dazu: "Ihr habt echt einen an der Klatsche". Ein anderer fragt, ob alle Patienten ungeimpft sind. Nein, antwortet das Klinikum, nicht alle seien ungeimpft. "Aber wir machen gerade die Erfahrung, dass fast alle Corona-Patienten mit schweren Verläufen ungeimpft sind". Antwort einer Nutzerin: "Eure Mitarbeiter sagen hinter vorgehaltener Hand etwas völlig anderes. Aber ich verstehe Euch. Ihr dürft ja nichts anderes sagen."

Martina Weber aber kann die Aussagen des Görlitzer Klinikums auch aus anderen Krankenhäusern bestätigen. Wenn geimpfte Corona-Patienten mit schweren Verläufen eingeliefert werden, seien es meistens Patienten mit schweren Vorerkrankungen, zum Beispiel Krebspatienten. "Die Impfdurchbrüche sind da. Nach Aussage der Mediziner sind die geimpften Patienten in der Regel aber nicht diejenigen mit den schweren Verläufen", sagt Weber. "Das spiegelt sich auch in den Krankenhäusern in unserem Landkreis wider. Das sollte man vielleicht auch mal sacken lassen und überlegen: Wenn ich mich impfen lasse, sind die Verläufe nicht so enorm, und das ist auch die Bestätigung der Klinikärzte."

Fazit: Ist die Lage bedrohlicher als vor einem Jahr?

Heute wie vor einem Jahr gehe es darum, "die medizinischen Kapazitäten aufrechtzuerhalten, sodass jeder, der einer medizinischen Behandlung bedarf, sie auch bekommt", sagt Martina Weber. "Das ist es, worauf wir uns auch jetzt konzentrieren müssen".

Schwieriger als vor einem Jahr: 26.000 Betten gibt es zwar in Sachsen, aber es ist weniger Personal da. "Ich denke trotzdem, dass wir wieder in der Lage sein werden, auch diese Welle zu beherrschen", sagt Martina Weber. "Das System in Deutschland ist sehr professionell. Wir haben das Krankenhaus-Leitsystem, wir wissen Hand in Hand zu arbeiten, wir wissen, welche Geräte wir brauchen, die werden auch zur Verfügung gestellt."

Wichtig sei jetzt, trotz angespannter Personallage auch in der Verwaltung, die Übersicht zu behalten, besonders in den vulnerablen Gruppen, also in den Heimen, Kitas, Schulen. "Was wir nicht ändern können: Die Delta-Variante ist deutlich leichter übertragbar." Auch das unterscheide die vierte Welle von der dritten: Zumindest bislang ist die Kurve bei den Covid-Patienten im Krankenhaus flacher als voriges Jahr um die Zeit, während die Ansteckungsrate aber deutlich höher ist. "Deshalb hoffe ich nach wie vor, dass wir mit den Impfungen doch noch etwas vorankommen."

Für eine Impfpflicht spricht sich Martina Weber nicht aus, "das muss jeder für sich abwägen", sagt sie. "Dann müssen aber die Personen, die sich dagegen entschieden haben, auch Verantwortung übernehmen und sehen, dass sie sich im Verhalten mit anderen an Regeln halten", so Martina Weber. "Die Diskussion um die 2G-Regel etwa führen wir ja nur, weil man die nicht geimpften Menschen nicht anstecken möchte. Aber das wird von manchen jetzt umgedreht."

Etwa mit der Behauptung, Geimpfte seien in derselben Form ansteckend wie ungeimpfte, sollten daher sich genauso weiterhin an Maßnahmen wie Testungen und Abstand halten. Tatsächlich gibt es seitens des RKI auch die klare Empfehlung, dass auch Geimpfte weiterhin Sicherheitsregeln beachten sollen. "Ich denke auch, das ist wichtig und viele Geimpfte achten auch weiterhin auf die Hygiene." Es werde immer Menschen geben, die sich nicht impfen lassen können, "die müssen wir schützen." Aber sie habe es auch erlebt, dass viele Gegner sehr resolut gegenüber geimpften Personen auftreten. "Grundgesetzlich hat man Rechte und Pflichten. Dazu gehört auch, den anderen in seinen Rechten und Pflichten zu akzeptieren."

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