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Kann Vitamin D den Coronaverlauf abschwächen?

Studien zeigen einen Zusammenhang. Doch die Schlussfolgerungen sind noch umstritten.

Bei Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus sollte der Vitamin-D-Status geprüft und ein mögliches Defizit unter ärztlicher Kontrolle zügig behoben werden.
Bei Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus sollte der Vitamin-D-Status geprüft und ein mögliches Defizit unter ärztlicher Kontrolle zügig behoben werden. © 123rf

Etwa die Hälfte der Deutschen hat einen Vitamin-D-Mangel. Das belegen aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Institutes. Eine höhere Infektanfälligkeit kann die Folge sein, denn Vitamin D ist unverzichtbar für die Balance des Immunsystems. Aber steigt damit auch die Gefahr schwererer Verläufe von Coronainfektionen?

Der Ernährungsmediziner Professor Hans-Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim in Stuttgart stellt diesen Zusammenhang her. Doch seine Schlussfolgerung ist nicht unumstritten. Er hat dafür 30 Studien analysiert und ein Vitamin-D-Defizit als möglichen Indikator für den Schweregrad und die Sterblichkeit einer Covid-19-Erkrankung ausgemacht. Denn Vitamin D beeinflusse neben der Immunabwehr auch Entzündungsprozesse im Körper. Biesalski: „Da das Coronavirus eine wichtige Schaltstelle dieser Regelkreise befällt, halten sich pro-entzündliche und anti-entzündliche Prozesse nicht mehr die Waage.“ Das System gerate durcheinander, und zwar besonders dann, wenn gleichzeitig ein Vitamin-D-Mangel bestehe. Entzündungen könnten damit „richtig Fahrt aufnehmen“. „Die Folge sind gravierende Veränderungen in den Lungenbläschen, die zu einer schweren Komplikation der Covid-19-Erkrankung führen, dem sogenannten Akuten Atemnotsyndrom.“

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Hauptlieferant ist das Sonnenlicht

Bei Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus solle daher unbedingt der Vitamin-D-Status geprüft und ein mögliches Defizit unter ärztlicher Kontrolle zügig behoben werden, rät der Ernährungsmediziner. Besonders für Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen oder starkem Übergewicht oder für Ältere sei dies empfehlenswert. Gerade Bewohner von Seniorenheimen hätten einen oft verheerend niedrigen Vitamin-D-Spiegel, was ihr Coronarisiko erhöhe. Doch selbst Junge hätten Defizite. „In Zeiten des Homeoffice halten sich viele längere Zeit in geschlossenen Räumen auf, was zu einer schlechten Vitamin-D-Versorgung beiträgt“, sagt er. Denn Vitamin D kann nur zu einem kleinen Teil aus der Nahrung gewonnen werden, Hauptlieferant ist das Sonnenlicht, dem es im Winterhalbjahr aber meist an Kraft fehlt.

Dass sogenannte Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln einhergehen und sich damit das Risiko schwerer Coronaverläufe erhöhe, sei „komplett richtig“, sagt Martin Fassnacht, Endokrinologe am Universitätsklinikum Würzburg. Doch dabei handele es sich um eine „bloße Beobachtung, dass diese Ereignisse zusammen auftreten“. Es sei kein Grund daraus abzuleiten, dass Vitamin D vorsorglich eingenommen werden müsse. Der Endokrinologe sieht den Hype um das Vitamin D sehr kritisch. Nicht, weil er dem Vitamin seine wichtigen Funktionen abspricht. Dass Vitamin D aber die oft propagierten heilenden Kräfte habe, konnten Studien am Menschen bisher nicht zeigen.

Auf eigene Kosten

Einwände kommen auch von Professor Axel Roers, Immunologe an der Technischen Universität Dresden. Auch er hat schwere Verläufe von Covid 19 gehäuft bei Patienten mit einem Vitamin-D-Mangel beobachtet. „Der ursächliche Zusammenhang ist aber schwer zu beweisen.“ Das könnte sich allerdings bald ändern, denn ihm zufolge testen mehrere Studien derzeit den therapeutischen Effekt hoher Dosen von Vitamin D auf den Coronaverlauf. Bis die Ergebnisse vorliegen, könne jedoch kein Zusammenhang zwischen Coronaverlauf und Vitamin D hergestellt werden.

Laut Roers sei es aber unbestritten sinnvoll und gesundheitsfördernd, sich so oft wie möglich im Freien zu bewegen, auch bei bedecktem Himmel. Eine ärztlich überwachte Nahrungsergänzung empfiehlt er nur, wenn eine Vitamin-D-Produktion durch die Sonne nicht ausreichend möglich ist.

Doch eine solche Nahrungsergänzung muss meistens selbst bezahlt werden. Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus: „Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt zwar Vitamin-D-Gaben, der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen sieht das jedoch nicht als Kassenleistung.“ Zudem sei ein genauer Vitamin-D-Bedarf schwer zu ermitteln. Denn Abgeschlagenheit und Infektanfälligkeit, die oft als Indiz für einen Mangel genannt würden, könnten vielfältigste Ursachen haben. Aufschluss gibt nur eine Laboruntersuchung. Und über deren Notwenigkeit entscheidet der Arzt. Für eine Laboruntersuchung auf eigene Kosten fallen laut Stiftung Warentest im Schnitt 20 Euro an.

Nahrungsergänzungsmittel häufig überdosiert

Im Blutserum wird dazu meist ein Vitamin-D-Marker – das sogenannte 25-Hydroxyvitamin D – bestimmt. Die Maßeinheiten dafür sind entweder Nanomol pro Liter oder Nanogramm pro Milliliter. Von einer guten Versorgung spricht die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bei 50 Nanomol beziehungsweise 20 Nanogramm des Markers in der entsprechenden Menge Blutserum. Solche Werte könnten erreicht werden, wenn man dauerhaft pro Tag 20 Mikrogramm beziehungsweise 800 Internationale Einheiten (I.E.) einnimmt. Ein Mangel bestehe ab Werten unterhalb von 30 Nanomol oder 12 Nanogramm.

„Liegt nachweislich ein Vitamin-D-Mangel vor, kann eine Nahrungsergänzung sogar auf Kassenkosten verordnet werden“, sagt die AOK Plus-Sprecherin. „Sollte ein Arzt ohne eine Laboruntersuchung der Meinung sein, dass ein Vitamin-D-Mangel vorliegt, wird er den Patienten darauf hinweisen, dass es in Drogerien oder Apotheken frei verkäufliche Vitamin-D-Präparate gibt.“ Er sollte Patienten aber in Bezug auf die richtige Dosis beraten.

Wie nötig das ist, zeigt laut Verbraucherzentrale Sachsen eine Untersuchung von Nahrungsergänzungsmitteln. Sie seien häufig überdosiert. Und das könne im schlimmsten Fall zu Nierenschädigungen führen. Da Vitamin D fettlöslich ist, wird ein Zuviel – anders als beim Vitamin C – nicht einfach ausgeschieden, sondern reichert sich im Fettgewebe an. Eine Überversorgung beginnt laut Stiftung Warentest bei 400 Nanomol oder 160 Nanogramm des Vitamin-D-Markers im Blutserum. Laut Bundesamt für Risikobewertung (BfR) sei das aber noch nicht mit einer gesundheitlichen Schädigung gleichzusetzen. Selbst eine tägliche Einnahme von 50 Mikrogramm (2.000 I.E.) oder 100 Mikrogramm (4.000 I.E.), wie sie viele Ärzte und auch Hersteller empfehlen, sei aus ihrer Sicht zwar nicht erforderlich, jedoch bei nur gelegentlichem Verzehr auch nicht unmittelbar gesundheitsschädlich. Würden jedoch langfristig und täglich hoch dosierte Vitamin-D-Präparate genommen, deute die aktuelle Studienlage auf ein erhöhtes gesundheitliches Risiko hin, so das BfR.

Wirkung nicht immer nachgewiesen

Zum Kauf der Produkte müsse man aber nicht unbedingt in die Apotheke gehen, sondern könne auf die meist deutlich günstigeren Produkte aus der Drogerie zurückgreifen, sogar auf deren Eigenmarken, so die Verbraucherzentrale. „Bei Nahrungsergänzungsmitteln aus der Apotheke wird oft der Eindruck erweckt, es würde sich um geprüfte und zugelassene Produkte mit nachgewiesener Wirkung handeln. Tatsächlich unterscheiden sie sich aber nicht von anderen.“ Denn Nahrungsergänzungsmittel seien keine Arzneimittel – auch wenn sie oft den Anschein erweckten. In der Apotheke bestünde die Möglichkeit, sich persönlich beraten zu lassen. In beiden Fällen helfe aber auch ein Blick auf die Zutatenliste, die Informationen über die Zusammensetzung bietet.

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Die Ergebnisse der Untersuchungen des Robert-Koch-Institutes zur hohen Zahl von Menschen mit Vitamin-D-Mangel stimmt Professorin Jutta Hübner von der Klinik für Integrative Onkologie vom Universitätsklinikum Jena nachdenklich. Eine Konsequenz aus dieser Erhebung müsste eigentlich ein Screening der Bevölkerung und – bei Mangel – eine Bezahlung von Vitamin-D-Präparaten durch die Kassen sein. Unabhängig davon, ob ein Zusammenhang zwischen Vitamin D und schweren Coronaverläufen bewiesen wird.

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