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Was passiert, wenn Dresden die Tschechen fehlen?

Tausende Tschechen arbeiten in der Stadt. Nun soll ihnen die Einreise erschwert werden, manchen sogar verboten. Bleiben Schulen dreckig und Kliniken unterbesetzt?

Dresdner Hotels und Reinigungsfirmen beschäftigen Mitarbeiter aus Tschechien. Die neue Corona-Verordnung hat Folgen für den Pendlerverkehr.
Dresdner Hotels und Reinigungsfirmen beschäftigen Mitarbeiter aus Tschechien. Die neue Corona-Verordnung hat Folgen für den Pendlerverkehr. © Symbolfoto: Philipp Strobel/dpa

Dresden. In Tschechien breitet sich die ansteckendere britische Coronavirus-Mutante aus. Um das Einschleppen dieser Variante zu verhindern, hat das Bundesinnenministerium Tschechien nun als Virusvarianten-Gebiet eingestuft.

Ab Sonntag, 0 Uhr, werden die Grenzen zwischen Deutschland und Tschechien geschlossen und Kontrollen verschärft. Was heißt das für die Dresdner Krankenhäuser, Altenheime und Geschäfte, die Mitarbeiter aus Tschechien beschäftigen?

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Wie viele Tschechen arbeiten überhaupt in Dresden?

Mit Stand vom 30. Juni 2020 waren laut Sächsischer Landesarbeitsagentur genau 1.442 tschechische Staatsbürger in Dresden beschäftigt. Auch Polen sind hier tätig, zum selben Stichtag waren es 3.038.

"Davon arbeiten die meisten im medizinischen Bereich, in der Gastronomie, Hotellerie und im Einzelhandel", sagt Lars Fiehler, Sprecher der Industrie-und Handelskammer Dresden.

Für die Gastronomie und die Hotellerie hätten die neuen Regeln keine großen Auswirkungen, da Restaurants und Hotels ohnehin zum großen Teil geschlossen sind beziehungsweise nur Geschäftsreisende beherbergen dürfen.

Wer darf noch nach Dresden kommen?

Nach Sachsen dürfen nur noch Pendler einreisen, die in Berufen der Medizin oder Pflege arbeiten oder die in der Landwirtschaft tätig sind und zwingend Nutztiere versorgen müssen. Für alle anderen Pendler und Privatpersonen ist die Grenze dicht.

Für Pendler, die in den zugelassenen Berufen arbeiten, gilt nun außerdem eine tägliche Testpflicht. Bislang war ein Coronatest nur zweimal wöchentlich gefordert. Wo und wann genau der Test vorgenommen wird, ist unerheblich, solange eine Testung pro Arbeitstag garantiert ist.

Wie sehr trifft die Verschärfung Dresdens Krankenhäuser?

Beim Reinigungsunternehmen, das im Städtischen Klinikum arbeitet, sind 17 Tschechen beschäftigt. "Gemeinsam mit dem Dienstleister erarbeiten wir derzeit das weitere Vorgehen ab der kommenden Woche", sagt Viviane Piffczyk, die Sprecherin des Klinikums.

Einige Mitarbeiter des Unternehmens hätten aber bereits entschieden, die Ausgleichszahlungen in Anspruch zu nehmen, und temporär in Deutschland zu wohnen. Sachsen will - wie bisher - 40 Euro pro Nacht zahlen, wenn Beschäftigte aus Tschechien am Arbeitsort bleiben, in diesem Fall also in Dresden.

Am Klinikum mit den Krankenhäusern Neustadt und Friedrichstadt sind zwar auch 18 Ärzte und Pfleger aus dem Nachbarland beschäftigt. Diese hätten ihren Wohnsitz aber in Dresden.

Das ist auch am Dresdner Uniklinikum der Fall. "Die Problematik von Tschechien nach Deutschland pendelnder Mitarbeiter in der Krankenversorgung ist für das Dresdner Uniklinikum kein Thema", teilt Janko Haft, der kaufmännische Vorstand des Klinikums mit.

Etwas anders sei die Situation im Bereich der Gebäudereinigung: Die UKD Service GmbH, die zum Klinikum gehört, beschäftigt etwas mehr als 20 tschechische Mitarbeiter, die sehr wichtig für das Tochterunternehmen seien.

Als Arbeitgeber hätte das Uniklinikum den täglichen Test und die Kosten dafür übernommen, doch die Grenze ist für Reinigungskräfte nun ohnehin geschlossen.

"Ein Einreiseverbot dagegen wird die Leistungsfähigkeit der UKD Service GmbH deutlich beeinträchtigen", so Haft. Welche Auswirkungen das nun konkret auf den Krankenhausalltag hat, lässt der Vorstand offen.

Wie gehen die Hotels mit der neuen Situation um?

"Mitarbeiter aus Tschechien sind für Dresden unabdingbar im Normalfall", sagt Thomas Gaier, Chef der Dresdner Hotelallianz und des Schloss Eckberg. Fast alle Hotels würden Mitarbeiter aus dem Nachbarland beschäftigen.

Doch zurzeit seien die meisten Reinigungskräfte und Zimmermädchen in Kurzarbeit, insbesondere die tschechischen, bestätigt Tourismusverbandschef Johannes Lohmeyer. Denn für sie lohne es sich kaum, für wenige Arbeitsstunden am Tag mit dem Auto anzureisen.

Tatsächlich könnten die Dresdner Hotels von den strengeren Einreiseregeln sogar profitieren. Lohmeyer bietet in seinem Hotel an der Stauffenbergallee Zimmer für Ärzte und Pfleger aus Tschechien an, die nicht mehr jeden Tag pendeln wollen oder können.

"Wir haben das aktiv den Krankenhäusern angeboten und haben auch schon Buchungen", sagt er. Das habe schon im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 gut funktioniert.

Von einer steigenden Nachfrage berichtet auch das Hotel Suitess auf der Heinrichstraße. "Wir haben aktuell Buchungen von Ärzten und Pflegern", sagte Peggy Krestan vom Hotel-Management am Freitag. 70 Zimmer im Hotel und nochmal 120 Zimmer im dazugehörigen Apartment-Komplex könne man zur Verfügung stellen.

Fallen jetzt Reinigungen aus, zum Beispiel in Schulen?

Viele Betriebe seien in großer Sorge, wie es jetzt weitergeht, sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Fust. "Ich habe heute erst mit einer Dresdner Firma gesprochen, die viele verschiedene Schulen im Stadtgebiet reinigt. Da lässt man sich auf das Experiment ein, die Schulen wieder aufzumachen, aber die, die sie putzen, sollen nicht mehr kommen dürfen", erklärt der 61-Jährige.

Der Arbeitskräftemangel in der Dresdner Reinigungsbranche könne nur durch Grenzpendler ausgeglichen werden, wenn überhaupt. Deshalb sieht Fust den kommenden Tagen und Wochen skeptisch entgegen.

Für ihn stelle sich die Frage, ob zur Systemrelevanz von Schulen, Kliniken und Pflegeheimen nicht auch die gehören, die sie sauber halten.

Wer sich die neuen Regeln ausgedacht hat, habe sich nicht damit auseinandergesetzt, wie sie umgesetzt werden sollen, schimpft Thilo Zwintscher, Chef einer Dresdner Bau- und Gebäudemanagement-Firma.

Er zweifelt daran, dass die Kapazitäten für Tausende Pendler-Schnelltests am Tag überhaupt vorhanden sind. "Ich muss sehen, dass das Geschäft weiterläuft. Also muss ich jetzt klären, wo meine drei tschechischen Mitarbeiterinnen ab Montag übernachten können", so Zwintscher.

Was heißt das für die Existent tschechischer Arbeitskräfte?

"Viele tschechische Reinigungskräfte arbeiten auch in der Corona-Pandemie in Dresdner Hotels", sagt Gewerkschaftssekretär Wolfgang Bullin von der IG Bau Dresden. Sie hätten es derzeit ohnehin nicht leicht, weil viele Firmen keine Stundenlöhne, sondern nach Zimmern bezahlen würden.

Auch habe es noch bis vor kurzem Probleme in der Branche gegeben, weil nicht genügend Masken von den Arbeitgebern ausgegeben worden sein sollen. Mittlerweile habe sich das gebessert.

Der Pendlerstopp für Beschäftigte außerhalb des Gesundheitssektors verschärfe die Niedriglohnsituation der Dresdner Reinigungskräfte nochmals, sagt Anna Bernstorf, Sprecherin des DGB Sachsen.

"Im Endeffekt werden die Leute nicht einreisen können und dann natürlich auch nicht zur Arbeit kommen", prophezeit Bernstorf. Das betreffe im Reinigungssektor besonders alleinerziehende tschechische Mütter.

"Es ist schlicht nicht möglich, dass diese Frauen jetzt alle nach Dresden umziehen", sagt die Gewerkschaftssprecherin zu den Hotelangeboten. Und Kinderbetreuung vor Ort in Dresden sei so kurzfristig kaum zu organisieren.

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