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Achteinhalb Sachsen und ihr Weihnachten

Durch Corona erfährt Weihnachten Grenzen. Wie verbringen die Leute das Fest? Achteinhalb Menschen und eine Katze erzählen von sich und ihren Plänen.

Matthias Bromann wird wahrscheinlich mit anderen Wohnungslosen im Nachtcafé Loschwitz feiern.
Matthias Bromann wird wahrscheinlich mit anderen Wohnungslosen im Nachtcafé Loschwitz feiern. © Thomas Kretschel

"Viele Menschen auf der Straße sind allein. Zu Weihnachten ist das umso trauriger."

Es gab Zeiten, da fühlte sich die Wohnungslosigkeit nach Freiheit an. Mit Anfang 20, als Matthias Bromann in vier Jahren bis Griechenland reiste. In diesem Jahr, wo Isolation zur Tugend wird, fühlt sich das Straßenleben nach Mangel an. „In der Corona-Zeit müssen wir umdenken. Wir sind alle Menschen, brauchen Nähe, Umarmungen“, sagt Bromann. „Viele sind allein. Wenn Tafeln und Kammern schließen, bleibt wenig. Die Leute wissen nicht, wohin. Zu Weihnachten ist das umso trauriger.“

Der 55-Jährige sitzt zum Nachtcafé der Dresdner Diakonie in der Zionskirche. 20 Menschen können hier schlafen und essen, auf Abstand und in Schichten. Auf dem Herd köchelt Gulasch vor sich hin, auf einem Silberwagen warten Schokoladen-Herzen. 19 Uhr, Stimmengewirr füllt Saal und Gang. Viele Männer aus Tschechien und der Slowakei sind gekommen, ein deutsches Paar kaum älter als 30, ein Mann mit Cowboyhut. Bromanns Kopf bedeckt eine Nikolausmütze aus pantherpinkem Polyester, wie ein Flamingo aus einem Rabengehege ragt der Hüne aus der Menge.

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Matthias Bromann hätte Weihnachten normalerweise auf der Elbe verbracht, wo die Heilsarmee bisher per Boot zum Dinner lud. „Aber dieses Jahr fällt ja alles ins Wasser“, raunt er und seufzt. Vor sieben Wochen zog Bromann aus Münster nach Dresden, bekannt ist ihm die Stadt seit 20 Jahren. Auf der Straße schlafen muss der Wohnungslose nicht, kommt mal bei Hilfsorganisationen, mal bei Bekannten unter. Wer Bromann lauscht, hört viel Frohsinn, wenig Klage. „Dresden ist eine der schönsten Städte Deutschlands“, schwärmt er.

In Dresden will Matthias Bromann anfangen, in einer Baumschule zu arbeiten, sich eine Wohnung suchen und dann selbst ehrenamtlich für andere Menschen da sein, die auf er Straße leben.
In Dresden will Matthias Bromann anfangen, in einer Baumschule zu arbeiten, sich eine Wohnung suchen und dann selbst ehrenamtlich für andere Menschen da sein, die auf er Straße leben. © Thomas Kretschel

Gebürtig kommt Bromann aus Eckernförde, lernte seine Eltern nie kennen, wuchs beim prügelnden Patenonkel und im Kinderheim auf, machte eine Lehre zum Gärtner. „Der Beruf macht mir Spaß, ich bin jeden Tag an der frischen Luft. Würde auch gerne wieder Musik machen, das ist die Luft, die ich zum atmen brauche.“

Gärten, Gesang und sein Glaube begleiten Bromann in jede Stadt. Den Glauben hat er wie viele in düsteren Stunden gefunden. Nach dem Tod einer Sandkastenfreundin habe er Selbstmord in Erwägung gezogen. „Eine Bekannte lud mich zum Gottesdienst in die Baptistengemeinde. Sie sagte, ich soll mir das Leben nicht nehmen, weil der liebe Gott noch viel mit mir vorhat. Ich finde den Glauben und Träume wichtig, sonst würde das Leben keinen Spaß machen. Man muss sich an etwas klammern.“

Nächstes Jahr möchte Bromann in einer Baumschule arbeiten und eine Wohnung finden. Der Essenswagen rollt an Bromann vorbei in den Saal. Weihnachten wird Matthias Bromann wahrscheinlich im Nachtcafé in Loschwitz feiern. Als er nach dem Gespräch die Maske abnimmt, zieht sich ein Lächeln von den Brauen bis zum Bart. „Ich mag Weihnachten sehr“, sagt er. „Es ist das Fest der Liebe, das jetzt vielen fehlt.“

„Wir sind die Einzigen, die Weihnachten ohne ihre Familie feiern“

Der Alkohol hat Amys Fest verdorben. Es ist das erste Weihnachten ohne die Mutter, das erste Mal im neuen Heim. „Am schönsten finde ich an Weihnachten das Gemeinsam-Sein“, sagt die Elfjährige, die mit ihrer sachlichen Stimme und den Tarnfleck-Hosen viel reifer wirkt. Der taillenlange Pferdeschwanz hängt von der Schulter, die runde Brille rahmt Amys Augen. Als Neunjährige hat sie gemanagt, wozu ihre suchtkranke Mutter nicht im Stande war, im Februar zog sie dort aus. Nach dem Entzug sei es erst gut gelaufen. „Wir konnten uns mehrmals für zwei Stunden treffen. Dann hat sie aber wieder angefangen und es ging bergab.“ Die Aussicht, Weihnachten zur Mutter zu fahren, ging verloren.

Auch Marie, ein Mädchen mit ruhiger, freundlicher Stimme und bunten Haaren, verbringt die Feiertage nicht mit der Familie. „Wir sind die Einzigen, die Weihnachten ohne ihre Familie feiern“, sagt sie. Beide Mädchen heißen in Wirklichkeit anders, beide wohnen seit diesem Jahr beim „Integrativen Familienwohnen“ in einer Radebeuler Dachgeschoss-Wohnung. Sechs Kinder hat das Jugendamt in dem Altbau mit lichtdurchflutetem Vorgarten untergebracht,etwa ebensoviele Erwachsene betreuen sie.

Für Marie ist es die dritte WG, seit sie Zuhause ausgezogen ist. Nach der Trennung der Eltern kam sie vor zehn Jahren zu ihrer Oma, die einige Jahre später an Maries Geburtstag starb. Mit dem Vater funktionierte es nicht, sie kam in eine Bautzener WG, Ämter und Vormünder wechselten regelmäßig. Seit April wohnt die 17-Jährige in der neuen Gruppe.

Amy und Marie, die in Wirklichkeit anders heißen, sind die einzigen Mädchen aus ihrer Wohngruppe, die auch über die Feiertage nicht zu ihren Familien fahren können. Dass sie zu zweit sind, hilft etwas.
Amy und Marie, die in Wirklichkeit anders heißen, sind die einzigen Mädchen aus ihrer Wohngruppe, die auch über die Feiertage nicht zu ihren Familien fahren können. Dass sie zu zweit sind, hilft etwas. © Thomas Kretschel

Krankenpflegerin möchte sie werden. Dass die Berufsschule durch Corona ausfällt, stimme sie traurig. „Weihnachten ist dieses Jahr schwer. Ich bin gläubig. Sonst war ich immer bei meiner Oma auf dem Friedhof in Dresden. Das geht jetzt nicht, weil der Radius zu groß ist.“ Eines Tages möchte Marie Weihnachten wieder mit den Eltern feiern. Mit ihrem Vater steht sie in losem Kontakt. Mit ihrer Mutter nicht. „Meine Eltern haben Fehler gemacht, aber ich bin nicht wütend, beide haben eine Chance verdient.“

Der Vater von Amy ist gestorben, als sie ein Baby war. Wenn ihre Mutter mit dem Trinken aufhört, möchte sie wieder einziehen. „In zwei, drei Jahren vielleicht. Ich wünsche mir, dass es wieder normal ist, wie bei anderen Familien. Früher haben wir laute Musik angemacht und waren einfach wir, haben getanzt. Man konnte so sein, wie man ist. Das vermisse ich.“ Die Vorfreude der Mitbewohner, sie hat den beiden wehgetan. „Die haben die ganze Zeit gesagt, wie sehr sie sich auf Zuhause freuen“, sagt Marie. „Was können wir dafür, dass es schwierig mit unseren Eltern ist?“ Amy nickt. „Das verletzt schon“, sagt sie. „Die Bescherung ist mir egal, was früher nicht so war. Ich will wieder ein Gemeinsam-Sein. Das Gefühl brauche ich. Familie.“ Amy wirft ein Lächeln zu Boden, das nicht zum Blick der Augen passt.

„Wir werden trotzdem ein schönes Weihnachten haben“, sagt Amy dann und lächelt jetzt auch mit den Augen. „Wir werden Filme gucken, Musik hören, spielen, tanzen, backen, kochen Kakao.“ Am Freitag davor gibt es eine Bescherung für die ganze Gruppe, 25 Euro erlaubt das Jugendamt pro Kind für das Geschenk. Vielleicht wird Amys Mutter an Heiligabend für ein paar Stunden vorbeikommen. Wenn sie erwachsen ist, möchte Amy selbst eine Familie haben. „Ohne so starke Probleme.“ Marie möchte aufs Land ziehen. In das Haus, in dem sie früher wohnte. Zurück zu ihrer Oma.

"Wenn in der Notaufnahme was passiert, wird die Stimmung als Erstes geopfert.“

Seit 20 Jahren wartet Michael Luther darauf, dass was passiert. Auch zu Weihnachten. Der 45-Jährige arbeitet als stellvertretender Teamleiter in der Notaufnahme des Elblandklinikums Radebeul.„Man hat viel gesehen“, sagt der Krankenpfleger. Am 24. Dezember übernimmt er die Frühschicht von 6 bis 14 Uhr, an den Folgetagen die Spätschicht bis 22 Uhr.

„Weihnachtsdienst ist wie immer, nur feierlicher. Am Nachmittag ist es ruhiger, die weihnachtliche Stimmung überträgt sich auf die Notaufnahme. Wenn was passiert, wird die aber als Erstes geopfert.“ Die Notaufnahme stellt die Weiche zwischen ambulanter und stationärer Behandlung, bereitet im schlimmsten Fall sofort Operationen vor. „Das passiert gefühlt einmal pro Schicht.“ Covid-Verdachtsfälle hat bis vor kurzem das Klinikum Meißen übernommen. Jetzt genügen dort die Kapazitäten nicht mehr. „Im Frühjahr haben wir auf das gewartet, was wir jetzt erleben“, sagt Luther.

Am 24. Dezember zieht das Geschehen meist erst nachts wieder an. „Die Dienste sind nicht so beliebt, weil viele Patienten kommen, die keine stationäre Behandlung brauchen. Leute, die es die ganze Woche mit ihrem tränenden Auge nicht zum Arzt geschafft haben.“

Michael Luther arbeitet seit rund 20 Jahren in der Notaufnahme des Elblandklinikums in Radebeul. Schichten am 24. Dezember sind erfahrungsgemäß eher ruhig.
Michael Luther arbeitet seit rund 20 Jahren in der Notaufnahme des Elblandklinikums in Radebeul. Schichten am 24. Dezember sind erfahrungsgemäß eher ruhig. © Jürgen Lösel

Wenn Michael Luther am 24. Dezember nach Hause kommt, wird er die Arbeit schnell vergessen. „Das Umschalten geht automatisch, wenn drei Kinder warten. Das Trennen zwischen Beruf und Privatperson war für mich nie ein Problem.“ Weihnachten bei Luthers bedeutet Kartoffelsalat mit vegetarischen Würsten, Gesellschaftsspiele, Bescherung und Kirche. „Ich war nie ein großer Weihnachtsfan, aber das Schöne ist die Zeit in der Familie mit allen Klischees.

Seit er 1998 vom Bankkaufmann umgestiegen ist, hat Luther sich nicht mehr gefragt, wann endlich Freitag ist. „Die Arbeit ist abwechslungsreich, man weißnicht, was passiert.“ Weniger Spaß bereiten die Bedingungen. „Das funktioniert so lange, bis Sie Familie haben und trotzdem 365 Tage im Drei-Schicht-System jemand auf Station sein muss.“ Auch Luthers Frau arbeitet als Pflegerin. „Belastend an dem Job ist: Sie können nicht das Band anhalten. Sobald Sie mit lebenden Organismen zu tun haben, muss es immer weiter laufen. Viele in der Pflege verspüren so einen inneren Drang, arbeiten zu müssen.“ Es ist Freitagmittag. Luthers Schicht beginnt. „Der Nachmittag wird ein Überraschungsei.“

Livs erstes Jahr: "Alles dreht sich um Corona"

Liv wird immer viel erzählen können. Übung sammelt das Baby schon jetzt, ruft etwas, das bald ein Wort sein könnte. Mama Josefine blättert im Babybuch. Sie sitzt auf der limettengrünen Couch einer Dresdner Altbau-Wohnung, Papa Karl kocht Kaffee und lauscht. Im April wurde Liv geboren. „Dein erstes Jahr“, heißt eine Überschrift. „Alles dreht sich um Corona“, liest Josefine vor. Alles, was Liv bislang von der Welt erlebte, fand im Ausnahmejahr 2020 statt. Ihr erstes Weihnachten wird kleiner und kürzer, das erste Neujahrsfest viel leiser als sonst.

Damit hätten ihre Eltern nicht gerechnet, als sie sich vor zwei Jahren kennenlernten. Im Kindergarten. Die 31-Jährige ist ausgebildete Erzieherin, der 26-Jährige auf dem Weg dahin. Zwischen Gitarre, Klavier und einem Weihnachtsbaum mit violetten Kugeln spielen die beiden auf der Couch mit Liv. Aus dem Schlitz zum Boden lugen zwei taubenblaue Siamkatzen-Augen in die Gegend, es schnurrt aus der Dunkelheit.

Einen schlechten Zeitpunkt für ihre Ankunft habe Liv sich nicht ausgesucht. „Normalerweise hätte ich in der Zeit jedes Wochenende Proben, Auftritte und Wettbewerbe mit meiner Acapella-Gruppe gehabt“, sagt Karl Kromer. „So musste ich das nach der Geburt nicht ständig absagen.“ Vergangenes Jahr zu Weihnachten waren die beiden mit ihrer Katze Balu frisch in die neue Wohnung gezogen. „Wir waren mitten im Umzug, saßen mit Campingstühlen um einen Campingtisch, es hat nur noch die Feuertonne gefehlt. Wir haben Buffet gemacht, das ging da noch. Jetzt sollten wir das Essen vielleicht mit silbernen Hauben servieren, damit niemand rein niest.“

Für Liv ist es das erste Weihnachten. Sie kam im Coronajahr 2020 vor acht Monaten zur Welt. Karl Kromer und Josefine Luge haben Vorteile darin entdeckt, während des Lockdowns Eltern zu werden.
Für Liv ist es das erste Weihnachten. Sie kam im Coronajahr 2020 vor acht Monaten zur Welt. Karl Kromer und Josefine Luge haben Vorteile darin entdeckt, während des Lockdowns Eltern zu werden. © Thomas Kretschel

Dieses Jahr werden Karl und sein Bruder an Heiligabend ein dreigängiges Überraschungsmenü kochen, sie feiern mit Josefines Eltern und Karls Mutter. Die Oma bleibt wegen der Umstände Zuhause, Teile der restlichen Familie werden sie auf mehrere Tage verteilt sehen. „Man fragt sich schon, ob man alles richtig macht, es nicht zu viele sind. Man hofft, dass keiner erkrankt. Aber man freut sich ja auch so darauf“, sagt Josefine Luge. „Neben der Familie mag ich an Weihnachten den Glühwein am liebsten. Letztes Jahr zu verzichten, war hart.“

Karl Kromer streicht über sein tannengrünes Hemd, das Zuckerstangen und Schneesterne zieren. Er mag an Weihnachten das Essen, sagt er, die Freude in den Augen von Beschenkten. „Dass draußen alles warm wirkt, obwohl es kalt ist. Die Menschen sind freundlicher als sonst.“ An Feiern im Ausnahmezustand hat die Familie Gefallen gefunden. Josefine hält die Hand in die Luft, die Sonne spiegelt sich in einem Ring. Im Februar wollen sie heiraten.

„Dass man nicht zusammenkommen kann, ist das Bedauerliche. Die Leute sind alle älter als ich.“

Das Klima hat an Hans-Gunther Müllers Weihnachten mehr verändert als Corona. „In den letzten Jahren war das Wetter immer wie heute“, sagt der 71-Jährige und dreht den weißen Schnurrbart zum Fenster. Die Mittagssonne bricht in das Freitaler Wohnzimmer, beleuchtet jede Faser des geschmückten Nadel-Straußes.

Früher bei den Großeltern habe man immer Schnee gehabt. „Am Tag vor Weihnachten wurde die Stube geschmückt, dann durften wir nicht mehr rein.“ Dieses Jahr wird Müller mit Ehefrau Renate und ihrem Enkel feiern, der vom Studium in Magdeburg kommt. Es gibt Kartoffelsalat und Bockwurst. „Das Zusammen-Sein ist das Schönste an Weihnachten. Man hat mal wieder Unterhaltung.“

Hans-Gunther Müller und seine Ehefrau Renate Rosalie feiern in ihrer Freitaler Wohnung zu dritt mit ihrem Enkel.
Hans-Gunther Müller und seine Ehefrau Renate Rosalie feiern in ihrer Freitaler Wohnung zu dritt mit ihrem Enkel. © Ronald Bonß

Die Familie aus Frankfurt am Main werde man dieses Jahr nicht treffen. „Wir nehmen Corona sehr ernst.“ Der gebürtige Dresdner lernte in der Turbinenfabrik Freital, war bei der Armee, machte seinen Meister bei einem Dresdner Physik-Institut und zog dann nach Freital, wo er bis zur Rente die Feuerwehr führte. Wenn das Virus nicht wäre, würde er wie jeden Monat mit anderen Feuerwehr-Senioren bowlen gehen. „Dass man nicht zusammenkommen kann, ist das Bedauerliche. Die Leute sind alle älter als ich.“ Drei Feuerwehr-Räuchermännel lugen hinter Müllers Kopf hervor, als würden sie über ihn wachen. Eigentlich sieht alles so weihnachtlich wie immer aus. Nur die Sonne, sie stört.

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