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Wenn Eltern uneins über die Corona-Impfung sind

In Sachsen sind bald Kinder-Impfungen möglich. Doch wer entscheidet, wenn die Eltern gegenteiliger Ansicht sind? Zur Not hilft nur das Gericht.

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Wer entscheidet, wenn sich Eltern nicht über die Schutzimpfung für ihr Kind einigen können?
Wer entscheidet, wenn sich Eltern nicht über die Schutzimpfung für ihr Kind einigen können? © David Young/dpa/dpa-tmn

Die Sächsische Impfkommission (Siko) empfiehlt ab dem 1. Dezember die Impfung gegen Covid 19 auch für Kinder zwischen fünf und elf Jahren – allerdings zunächst nur für Kinder dieser Altersgruppe, die ein Risiko für einen schweren Verlauf oder Kontakt zu Risikopersonen haben. Durch diese Fokussierung sei der Nutzen einer Impfung für das jeweilige Kind deutlich erhöht, teilte die Kommission am Dienstagnachmittag mit. Dennoch solle die Impfung allen Kindern und ihren Sorgeberechtigten, die sich dazu entschlossen hätten, auf keinen Fall verwehrt werden.

  • Die Siko-Empfehlung im Wortlaut.

Die Entscheidung für Eltern ist nicht einfach. Zwar hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) den Impfstoff von Biontech/Pfizer für Fünf- bis Elfjährige bereits zugelassen. Und einige Kinderärzte impfen bereits. Doch eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) steht für diese Altersgruppe noch aus.

Auch die Sächsische Impfkommission räumt ein, „dass bei einer geimpften Population von gut 1.500 Kindern dieses Alters die Frage nach seltenen unerwünschten Wirkungen noch nicht ausreichend beantwortet werden kann.“ Die erfassten akuten Reaktionen unmittelbar nach den Impfungen seien aber geringer als bei den älteren Vergleichsgruppen.

Nicht selten führt die Impffrage inzwischen auch zu Streit zwischen den Elternteilen: Die Mutter wünscht sich für die siebenjährige Tochter eine Schutzimpfung gegen Corona, und zwar am liebsten sofort. Der Vater ist strikt dagegen.

Was tun, wenn sich Eltern über die Impfung nicht einigen können?

„In intakten Familien wird es bei Unstimmigkeiten einen heftigen Austausch geben und schließlich eine Einigung“, sagt Eva Becker, Anwältin für Familienrecht. Wenn das nicht gelingt, könnte ein Elternteil vor Gericht ziehen. „Das muss die Person sein, die eine Impfung durchführen will, obwohl der andere Elternteil dagegen ist“, sagt Becker. Denn diese Person möchte eine alleinige Entscheidung treffen, obwohl das bei einem geteilten Sorgerecht nicht erlaubt ist, erklärt die Anwältin.

Wer hat vor Gericht die besseren Chancen, sich durchzusetzen?

Mit solchen Fällen mussten sich Gerichte auch schon vor der Corona-Pandemie immer wieder beschäftigen. Denn auch um Impfungen gegen Masern, Tetanus oder Keuchhusten gibt es Streit in Familien. Das Gericht bestimmt in so einer Situation nicht, ob ein Kind geimpft wird oder nicht. „Sondern es entscheidet, wer die Entscheidung für das Kind treffen darf“, sagt Eva Becker. Richter können die Entscheidung also nicht an sich ziehen. Sie können nur bewerten, wer die besseren Argumente zu bieten hat und wer vernünftiger abwägt.

Außerdem spielen der Wille und natürlich das Wohl des Kindes eine Rolle. Im Alter von fünf bis elf Jahren dürfen Kinder zwar noch nicht selbst über medizinische Fragen wie Impfungen entscheiden. Erst ab 14 Jahren wird ihnen die geistige Reife dafür grundsätzlich zugetraut, dann spielt ihre Meinung eine größere Rolle. Doch auch für Jüngere gilt: „Was sie sagen, hat Gewicht. Deshalb werden sie angehört“, sagt Becker. Darüber hinaus sind vor allem die Argumente der Eltern entscheidend – und deren Grundlage.

Also: Wurden ärztliche Ratschläge eingeholt oder bestehen Vorerkrankungen, die für eine Impfung sprechen? „Wer sich an der Wissenschaft und Fachgremien orientiert, hat vor Gericht bessere Chancen als Eltern, die sich eher an Verschwörungstheoretiker halten“, sagt Becker.

Wie ist die bisherige Rechtsprechung zum Impfstreit?

Besteht eine Stiko-Empfehlung für eine Impfung, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese maßgeblichen Einfluss auf das Urteil hat. Das zeigt ein Blick in die bisherige Rechtsprechung. So beschloss zum Beispiel das Oberlandesgericht Frankfurt am Main im August 2021 im Streit um die Corona-Impfung eines 16-jährigen Kindes: Liegen eine Stiko-Empfehlung und der Wille des Kindes vor, sich impfen zu lassen, wird die Impfentscheidung dem Elternteil übertragen, das für die Impfung ist.

Woran sollten sich Eltern orientieren, wenn sie übers Impfen entscheiden?

Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, hat eine klare Meinung: Er rät Eltern, auf die Stiko-Empfehlung zu warten. Denn die mache ganz klar, ob die Impfung sinnvoll sei. „Ob ihr Nutzen also größer ist als das Risiko“, so der Kinderarzt. „Es muss eine Studienlage geben, die zeigt, dass die Impfung für Kinder sicher ist und tatsächlich etwas bringt.“ Hinzu kommen persönliche Faktoren – etwa die Lebensumstände oder mögliche Risikofaktoren, die im Fall einer Corona-Ansteckung einen schweren Covid-19-Verlauf wahrscheinlicher machen. Der Pädiater geht davon aus, dass es auch in einer möglichen Stiko-Empfehlung einige individuelle Formulierungen geben wird: „Möglicherweise rät man dazu, Kinder mit bestimmten chronischen Erkrankungen eher zu impfen als gesunde Kinder.“ Ein weiterer Risikofaktor könnte sein, dass es etwa chronisch kranke Familienmitglieder gibt, die durch eine Impfung des Kindes indirekt besser vor Ansteckung geschützt werden.

Was ist, wenn man sich trotz Stiko-Empfehlung nicht einigen kann?

„Man kann nicht immer Einigkeit zwischen zerstrittenen Eltern erzeugen, aber es macht immer Sinn, sich von einem unabhängigen Spezialisten beraten zu lassen“, sagt Maske. „Natürlich gibt es auch zwischen Kinder- und Jugendärzten unterschiedliche Meinungen, aber man sollte sich die Vor- und Nachteile schildern lassen und wertfrei darüber diskutieren.“ Am wichtigsten sei es, das Wohl des Kindes im Auge zu behalten. „Teilweise merken wir als Ärzte, dass es eher um Schwierigkeiten zwischen den Eltern geht und weniger ums Kind.“ Zusätzlich oder vorbereitend zur ärztlichen Beratung können sich Eltern selbst über die Vorteile und möglichen Risiken der Impfung informieren. Hier sollte man auf fundierte Quellen achten. Eine gute Anlaufstelle im Internet sind beispielsweise die Website des Robert Koch-Institutes und das Portal „Infektionsschutz.de“ von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung.

Herrscht trotz guter Information und ärztlicher Beratung keine Einigkeit, muss der Familienstreit nicht gleich vor Gericht landen. Vorher könnten sich Eltern ans Jugendamt oder an andere Beratungsstellen wenden und versuchen, zu einer Einigung zu kommen, sagt Anwältin Eva Becker. „Das macht aber nur Sinn, wenn man offen für die Meinung des Anderen ist und bereit ist, diese zu erwägen.“

Außerdem könne es zeitliche Probleme geben: „Wenn der nächste Beratungstermin erst in vier bis acht Wochen frei ist, kann der Weg vor Gericht bei eiligen Fällen der schnellere sein.“ Gerade bei einer Corona-Schutzimpfung kann es vorkommen, dass ein Elternteil nicht monatelang abwarten möchte, bis der Partner vom Nutzen der Spritze überzeugt ist. (SZ/dpa)