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Das außergewöhnlichste Fußball-Team von Dresden

Sie haben ein Handicap - na und! Die Kicker vom Christlichen Sozialwerk spielen mit großer Freude. Trotzdem fanden sie erst keinen Verein - das hat sich geändert.

Jeden zweiten Freitag trainiert das Handicap-Team des Christlichen Sozialwerkes Dresden bei der SG Weixdorf.
Jeden zweiten Freitag trainiert das Handicap-Team des Christlichen Sozialwerkes Dresden bei der SG Weixdorf. © dpa/Robert Michael

Dresden. Der Ball rollt meilenweit am Tor vorbei – weit hinter die Absperrung des Fußball-Feldes. Jens* rennt der Kugel eifrig hinterher. Freudestrahlend erledigt er den Zusatzweg. So eine Begeisterung für die einfachen oder lästigen Aufgaben im Fußball ist selten geworden. Bei der SG Weixdorf sieht man sie noch. Jens gehört zu einer 22-köpfigen Gruppe von körperlich und geistig Behinderten, die seit dem 1. Januar 2020 zum 100-jährigen Verein im Norden der Stadt gehören.

Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingen mag. Denn die Fußball-Begeisterten vom Christlichen Sozialwerk (CSW) Dresden St. Josef trainieren bereits seit drei Jahren. Das Angebot der Fußball-Förderung gehört zu einer breiten Palette des CSW, damit die Menschen mit Handicap noch mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Auch Sozialkompetenzen sollen dadurch gestärkt und geschult werden.

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In der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) des Dresdner CSW arbeiten rund 350 Menschen, beispielsweise in den Bereichen Industriemontage, Verpackung oder Landschaftspflege. „Die Fußball-Förderung gehört da zu den sogenannten begleitenden Maßnahmen“, sagt Gruppenleiter Christian Eimert. Einmal in zwei Wochen trifft sich das Team nun auf dem Forstsportplatz. Den Weg von Niedersedlitz bis nach Weixdorf legen die Behinderten selbstständig mit S- und Straßenbahn oder Bus zurück.

„Wir betrachten das als Wegetraining. Wir haben viele Leute bei uns, denen man das nicht zugetraut hat, dass sie den Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Niedersedlitz bis da raus allein schaffen“, sagt Thomas Dinse, einer der drei Betreuer vom CSW. Eimert hat den Transport natürlich vorher mit allen Beteiligten eingeübt. „Das ist für die Entwicklung unserer Schützlinge eigentlich ein Pluspunkt, dass sie diese Aufgabe selbst bewältigen. Für das Thema Inklusion ist das gewissermaßen ein Paradebeispiel“, sagt Dinse, der früher für den FV Nord und dessen Nachfolger SC Borea gekickt hat.

Klubs aus der Nähe sagen ab

So lässt sich aus der Not eine Tugend machen. Zuvor hatte sich das CSW bei Vereinen in der näheren Umgebung der Werkstatt in Niedersedlitz einen Korb geholt. Das Hallentraining in der Sachsenwerkarena wurde zudem auf Dauer zu teuer. Die Fußball-Förderlehrer wollten die Trainingsgruppe deshalb unbedingt an einen Verein koppeln. „Ich denke, es ist noch ein Stück mehr Normalität. Einige haben schon gefragt, ob sie auch am Wochenende dort hochfahren können. Das können sie jederzeit, wenn kein Spiel ist“, sagt Eimert.

Bei der SG Weixdorf, bei der sich Eimert als Nachwuchstrainer engagiert, hat das außergewöhnliche Fußballteam mit seinem Ansinnen offene Türen eingerannt. „Das hat sich über Jahre aufgebaut. Wir hatten schon immer Veranstaltungen, bei denen Behinderte integriert waren“, sagt Weixdorfs Fußball-Abteilungsleiter Uwe Pordzik. Der ehemalige Edelfan Rainer „Max“ Schäfer sensibilisierte mit seinem Rollstuhl viele Menschen für das Thema im Klub. Im vorigen August ist Schäfer im Alter von 71 Jahren gestorben. „Er hat in meinen Augen die Bereitschaft für die Arbeit mit gehandicapten Menschen geebnet“, sagt Eimert. Und Pordzik ergänzt: „Es ist eine kleine Mehraufwendung für den Verein. Da muss sich jemand drum kümmern.“ Das übernimmt der 64-jährige Frank Kühne, der die drei CSW-Betreuer unterstützt.

Außerdem kommt die Trainingszeit, freitags, 13 Uhr, allen entgegen. „Das Team nimmt niemandem einen Platz weg. Erst ab 16 Uhr wird es bei uns auf allen Plätzen richtig voll“, sagt Pordzik. Die Spielkleidung für das Handicap-Team hat ein Sponsor der SG Weixdorf bereitgestellt. „Das Emblem tut noch mal was für das Selbstbewusstsein“, sagt Dinse.

Fairplay statt Schauspielerei

Jeder im Handicap-Team zahlt ermäßigten Mitgliedsbeitrag im Verein. Damit sind beinahe alle Pflichten abgegolten. „Wir könnten theoretisch 1.000-mal auf den Platz, dürfen im Winter auch in die Halle, Punktspielrunden für die Werkstätten austragen, sogar die Schiedsrichterkosten stemmt der Verein“, zählt Eimert die Vorzüge auf. „Diese Vorteile hätten wir als reine Werkstatt-Truppe nicht.“ Dass dabei jeden zweiten Freitag etwas Arbeitszeit der Behinderten abgeknapst wird, beinhaltet die Förderung des CSW Dresden. „Jeder Werkstattarbeiter hat Anspruch auf eine Förderung – egal, in welcher Form. Für unsere Leute ist es halt Fußball“, sagt Dinse.

Auch die Qualität und Quantität ist seitdem gestiegen. Mit neun fußballbegeisterten Behinderten haben Eimert und die anderen vor drei Jahren begonnen. Jetzt sind es 22, darunter fünf Frauen. Und auch der sportliche Erfolg stellt sich ein. In der Punkterunde der Regionalliga der WfbM Ostsachsen in der Leistungsklasse A liegt das etwas stärkere erste CSW-Team auf dem zweiten Platz, die zweite Mannschaft in der Leistungsklasse B ebenfalls. Es gibt noch weitere Behinderteneinrichtungen in Dresden, die an dieser Liga teilnehmen – die Wohngemeinschaft Leuben, die SG Bühlau mit einer Mannschaft oder die Weißiger Werkstätten. „Bei unseren Schützlingen steht der Spaß im Vordergrund. Das ist wenig ergebnisorientiert. Sportliche Qualität spielt da keine Rolle“, sagt Dinse.

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Er betont zudem: „Es muss nicht immer um Weiterentwicklung gehen. Es ist auch legitim, einen gewissen Stand zu erhalten.“ Das Training ist einfach aufgebaut: Laufschule, Torschuss- oder Zuspielübungen, Abschlussspiel. „Wir haben viele Jahre gebraucht, um die Regeln halbwegs hinzubekommen. Was bedeutet Anstoß, Abstoß, wann gibt es Einwurf – banale Dinge“, sagt Dinse. Doch der frühere Fußballer gewann auch für sich neue Einsichten. „Der Fairplay-Gedanke wird viel größer geschrieben. Fouls gibt es, aber es wird schnell geholfen und sich nach dem Wohlbefinden erkundigt“, sagt er und meint lächelnd: „Geschauspielert wird bei uns nicht.“ Auch das könnte beispielgebend sein.

* Das Christliche Sozialwerk Dresden hat darum gebeten, die Namen der Handicap-Spieler zu anonymisieren.

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