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Wie einem Einkaufscenter in Dresden-Klotzsche der Neustart gelang

Elf Jahre war das Fontane-Center unter Zwangsverwaltung, bis es 2020 die Dresdner Firma WIP ersteigerte. Die hat Netto als neuen Lebensmittelmarkt gewonnen. Wie es weitergehen soll.

Von Kay Haufe
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Linda Dubsky von der Firma WIP ist die Projektentwicklerin des Fontane-Centers in Klotzsche.
Linda Dubsky von der Firma WIP ist die Projektentwicklerin des Fontane-Centers in Klotzsche. © Sven Ellger

Dresden. Es gab sehr viel Kritik im neuen Einzelhandels- und Zentrenkonzept der Stadt für das Fontane-Center in Klotzsche. Die Stadtplanungsgesellschaft "Stadt + Handel" hatte die 44 ortsteil- und wohnnahen Dresdner Zentren untersucht und dem Klotzscher Haus erst im Spätsommer 2022 großen Leerstand und zu wenige Kunden bescheinigt. Der Auszug des Konsum-Marktes sei das größte Problem. Sächsische.de hatte in einem Beitrag vom Oktober darüber berichtet.

Doch wer heute am Sagarder Weg vorbeikommt, erlebt ein funktionierendes Stadtteilzentrum. Statt großem Leerstand sieht der Kunde im Innenbereich einen Netto-Markt als Nahversorger, ein Reisebüro, einen Lottoladen mit integriertem Paketshop, einen Friseur mit Fußpflege, ein Bäckerei-Café und einen großen Fahrradladen.

"Wir haben uns sehr über die Einschätzung des Fontane-Centers im Zentrenkonzept geärgert, weil die Stadt, wie so oft, mit veralteten Daten arbeitet", sagt Linda Dubsky von der Firma WIP. Diese hatte das Klotzscher Einkaufszentrum Ende 2020 bei einer Zwangsversteigerung erworben und führt bereits Center in Löbau, Riesa und Altenburg.

Gastro-Angebot erweitert

"Was ich in Klotzsche gesehen habe, hat mir gefallen. Hier gibt es wichtige Einrichtungen für die Anwohner wie eine Begegnungsstätte der Volkssolidarität, eine Musikschule, ein Fitnesscenter, außerdem viele Läden", sagt WIP-Geschäftsführer Martin Wenzel. Im Gegensatz zu seinen Mitbietern 2020, die alles abreißen und zwei Supermärkte neu bauen wollten, war ihm der Erhalt dieser Angebote wichtig. "So ein Center funktioniert ja auch nur, wenn es den Interessen der Leute vor Ort entspricht."

Also hat Wenzel mitgeboten und das Fontane-Center für einen zweistelligen Millionenbetrag ersteigert. Zuvor war das Haus nach einer Insolvenz elf Jahre unter Zwangsverwaltung geführt worden. Linda Dubsky sorgt als Projektentwicklerin nun für den Neustart des Centers. Der lief nicht für jeden Beteiligten rund, weil WIP zunächst vielen Mietern gekündigt hatte. "Das war für uns nötig, weil die Mietverträge uralt waren und wir mit allen Mietern persönlich sprechen wollten", sagt Dubsky.

Im Falle des Konsums, der bis dahin als Lebensmittelanbieter einer der sogenannten "Ankermieter" war, führten die Gespräche nicht zum Erfolg. "Der Konsum wollte sich verkleinern, was nicht unseren Intentionen entsprach und was auch baulich Probleme bereitet hätte. Also haben wir parallel nach einem anderen Lebensmittelmarkt gesucht."

Den hat WIP im Discounter Netto gefunden. Nachdem Konsum Ende 2021 ausgezogen war, baute Netto um und eröffnete zu Ostern 2022. Genau nach dem Konsum-Auszug müssen die Mitarbeiter der Stadtplanungsgesellschaft "Stadt + Handel" das Center besucht und ihre kritische Einschätzung getroffen haben. Ihre Daten stammen aus dem Dezember 2021.

Inzwischen hat sich noch mehr verändert im Center. Und zwar genau in die Richtung, wie es im Zentrenkonzept empfohlen worden war. Dieses hatte die Ausweitung des gastronomischen Angebots vorgeschlagen, um attraktiver zu werden. Der erste Schritt dahin ist das neue Café der Bäckerei Petzold, in dem es auch Mittagsangebote gibt. Die Bäckerei aus Großröhrsdorf hatte zuvor als Untermieter vom Konsum einen kleinen Backwarenstand mit wenigen Tischen. "Für uns hat sich die Umgestaltung des Fontane-Centers als sehr positiv erwiesen, das Café ist sehr gut frequentiert", sagt Verkaufsleiterin Ines Adam. Das sei auch wichtig für das Center, um die Kundschaft dort zu halten.

Vergrößern will sich auch der Betreiber des Fontane-Restaurants, in dem es indische Spezialitäten gibt, aber auch Pizza, Pasta und Döner. "Wir sind in Abstimmungen, ich hoffe, es kann bald losgehen", sagt Linda Dubsky.

Der "Thüringer Wurst-Spezi", der seinen Laden im Außenbereich des Centers betreibt, hat zudem eine Fläche im Innenbereich gemietet, wo die Kunden während der Wintermonate essen können, wenn es zum Sitzen draußen zu kalt ist.

Doch ganz gefüllt ist das Fontane-Center noch nicht. Hinter beklebten Schaufenstern gibt es zwei leerstehende Flächen, für die Projektentwicklerin Dubsky gern Anbieter aus dem Bereich Textil, Buchladen, Apotheke oder Optik gewinnen würde. "Sie alle würden der Mischung im Center guttun." Auch ein Sanitätshandel wäre passend, denn es gebe viele ältere Bewohner im Stadtteil.

"Corona hat die Suche nach Mietern natürlich erschwert. Aktuell ist die erste Frage von Interessenten, wie es mit den Energiepreisen ist", sagt Dubsky. Niemand entscheide sich jetzt schnell für eine Ladeneröffnung. Wer Interesse hat, könne sich bei ihr per Mail unter [email protected] melden.

Auch im Außenbereich gibt es noch freie Ladenflächen.
Auch im Außenbereich gibt es noch freie Ladenflächen. © Sven Ellger

Wunsch nach mehr Händlervielfalt

Karl-Heinz Ließner, der seit 20 Jahren seinen Lotto-Laden mit Paketshop im Fontane-Center betreibt, hofft, dass bald neue Geschäfte dazukommen, damit mehr Kundschaft auch seinen Laden besucht. Einen Blumenladen könnte er sich gut vorstellen. Für ihn sei die Zeit, in der der Konsum ausgezogen und Netto gebaut habe, sehr schwierig gewesen. "Ich war drei Monate fast der einzige Laden, der offen hatte. Da kam kaum jemand."

Das Center brauche mehr Vielfalt, um wieder richtig zu funktionieren, sagt Ließner. "Als ich 2001 angefangen habe, gab es hier einen Aldi, einen Rossmann und viele kleine Läden. Es war immer voll", erinnert er sich. WIP habe versprochen, schnell neue Mieter zu finden. Darauf warte er noch. Trotzdem müsse er mehr Miete zahlen.

Die positive Entwicklung des Centers sieht man auch im Stadtplanungsamt mit Freude, genau das sei das Anliegen des neuen Zentrenkonzeptes. Dass dieses eigentlich schon wieder veraltet ist, will sich das Amt aber nicht vorwerfen lassen. Die Studie mit dem Datenstand Ende 2021 sei im Mai 2022 fertiggestellt worden. "Die Abfolge der Arbeitsschritte mache es erforderlich, dass erst die Datengrundlagen erhoben werden, dann eine Bewertung und Erstellung des Zentrenkonzeptes erfolgt."

Neben dem verwaltungsinternen Beteiligungsprozess sei das Konzept dann in die Gremien des Stadtrates sowie in die Stadtbezirks- und Ortschaftsräte gegangen. "Während eines solchen zeitaufwändigen Beteiligungsprozesses wird die Datengrundlage nicht mehr aktualisiert", heißt es aus dem Amt.